Innerhalb jeder Organisation gibt es Gruppen, die in gewissen Momenten und auf unterschiedlichen Gebieten stärker sind als die anderen. Die kalabrische ’Ndrangheta ist sicherlich eine der mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt, in deren Innerem jene Clans den Ton angeben, die auf dem Gebirgszug des Aspromonte beheimatet sind, in San Luca, Africo und Platì. In der neapolitanischen Camorra sind die Clans aus Casal di Principe, aus Secondigliano und aus der Kleinstadt Marano di Napoli besonders stark, auf Sizilien haben nach wie vor die Gruppen aus Palermo und Catania eine Vormachtstellung. Apulien ist heute zweigeteilt – im Norden herrschen die Clans der Camorra, im Süden die ’ndrine (Familien) der ’Ndrangheta.

Die apulische Sacra Corona Unita gilt als jüngste Mafia-Organisation Italiens, nach einer Zeit der Auflösung hat sie sich komplett neu formiert. Die Banden in unserem Land mögen unterschiedlich strukturiert sein, aber eines haben alle Mafia-Organisationen gemeinsam: Sie sterben nie ganz aus. In einem großen Verband kann es vielleicht vorkommen, dass eine Familie ausgelöscht wird, aber niemals die Organisation selbst.

In den vergangenen Jahren hat sich der Eindruck verstärkt, die sizilianische Mafia Cosa Nostra sei geschwächt, während die ’Ndrangheta eine immer stärkere Position einnehme. Das liegt vor allem daran, dass das Augenmerk und der ganze Einsatz der Staatsmacht sich nach den spektakulären Mafia-Morden an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino auf Cosa Nostra richteten. Im Gegensatz zu anderen Organisationen hat die sizilianische Mafia stets direkt die staatlichen Institutionen attackiert, weil sie sich selbst als Gegenstaat begreift. Wer aber einen prominenten Richter oder Staatsanwalt ermordet, erregt sogar internationale Aufmerksamkeit, auf jeden Fall provoziert er eine starke Reaktion des Staates. ’Ndrangheta und Camorra operieren deshalb ganz anders.

Wenn etwas schiefläuft, dann sind die Männer der ’Ndrangheta auf dem Plan

Die ’Ndrangheta beherrscht eine äußerst isolierte Region. Man kann ihr Herrschaftsgebiet in Kalabrien nur mit dem Auto erreichen, und selbst das ist ziemlich schwierig. Nicht zuletzt deshalb, weil die ’Ndrangheta seit mehr als 40 Jahren den Ausbau der Autobahn von Salerno nach Reggio Calabria verhindert. Die Geschichte dieser Autobahn verliert sich in den schwarzen Löchern der italienischen Politik und in den nebulösen Beziehungen zwischen Politikern, Unternehmern und Organisierter Kriminalität. In jedem Fall führt die Isolierung Kalabriens und der vollkommene Ausfall jeglicher Investitionen, die nicht an den zaghaften Tourismus der Sommermonate gebunden sind, dazu, dass dieser Landstrich der ’Ndrangheta nahezu uneingeschränkt zur Verfügung steht. Und gerade die Tatsache, dass dieses Herrschaftsgebiet so arm und rückständig ist, hat die ’Ndrangheta reich und mächtig gemacht.

Ich selbst bin in einer Gegend aufgewachsen, in der die Camorra Jahresumsätze im zweistelligen Milliardenbereich erzielte. Und doch waren die Straßen bei uns löchrig und unsicher, und nach einem einzigen Regenguss funktionierte die Kanalisation nicht mehr. Es gab keine Kindergärten und keine Fußballplätze, es gab überhaupt gar nichts. Oft habe ich mich gefragt, warum die Mafia nicht ein Prozent ihrer riesigen Gewinne in ihr Herrschaftsgebiet investiert. Einfach, um ihr eigenes Reich ein wenig lebenswerter, weniger verzweifelt zu machen. Aber das ist eine naive Frage, denn wenn es wirklich so etwas wie Lebensqualität geben würde, dann könnten die Menschen mehr verlangen. Heute kann ein Boss für 2500 Euro einen Mord in Auftrag geben, manchmal auch für sehr viel weniger. Wenn aber die Menschen in meiner Heimat eine funktionierende Umgebung, so etwas wie Freizeitgestaltung, kurzum ein einfacheres Leben hätten, dann wäre es ziemlich schwierig, einen Killer zu finden, der für diesen Preis ein derart großes Risiko eingehen würde. Ein noch so bescheidener Wohlstand würde dazu führen, dass man die Bedingungen der Organisation nicht mehr widerspruchslos akzeptiert. Ganz abgesehen davon, dass man mit einer Investition in das Allgemeinwohl auch die eigenen oder auch nur potenziellen Feinde füttern würde.

Gewinnbringender ist es, einem Gefolgsmann großzügig Geld zu schenken, wenn dessen Kind gerade Probleme hat. Lieber deinen Leuten etwas geben als allen, das gilt auch in Kalabrien, und das ist die wahre Stärke der Mafia: Sie lassen ihr Territorium im Elend verkommen, und sie setzen dort das Gesetz des Schweigens durch, die Diktatur absoluter Zurückhaltung, die Regel des einfachen Lebens und des Verzichts. Man könnte sich fragen, wie derart rückständige Männer illegale Weltunternehmen dirigieren können. Aus dieser Frage spricht die Naivität derer, die das System der Mafia nicht kennen.

Die ’Ndrangheta hat beste Kontakte nach Südamerika, weil sie mit ihrer Zuverlässigkeit das Vertrauen der Drogenhändler erobern konnte. Die Regeln aus dem Aspromonte gelten in der ganzen Welt, in Australien und Neuseeland wie in Kanada und Europa, weil bei Problemen innerhalb eines Geschäfts mit der ’Ndrangheta immer die Männer des Aspromonte gefragt sind. Wenn eine Tonne Kokain schlechter bezahlt wird oder gar nicht, wenn dieses Kokain beschlagnahmt wird, wenn überhaupt irgendetwas schiefläuft, dann sind die Männer der ’Ndrangheta auf dem Plan – in Italien oder sonst wo auf der Welt. Wer mit der ’Ndrangheta ein Geschäft macht, der weiß, dass die ’Ndrangheta auch die Probleme löst. Immer.

Gleichzeitig sind die ’Ndranghetisti in ihrem isolierten Herrschaftsgebiet so gut wie unauffindbar. Und die ’Ndrangheta baut auf die Blutsverwandtschaft, das macht sie gewissermaßen zur aristokratischsten aller Mafia-Organisationen. Die Camorra hingegen ist absolut "bürgerlich", bei ihr kann auch Karriere machen, wer kein Sohn eines Camorrista ist. Deshalb verfügt die Camorra, die vor allem mit öffentlichen Bauaufträgen reich geworden ist, über unendlich viel mehr Gefolgsleute als die ’Ndrangheta. Die genaue Zahl ist naturgemäß schwer zu schätzen, aber wir wissen, dass die Camorra über ihre "Soldaten" hinaus auf rund 100.000 Menschen zählen kann, Minderjährige eingerechnet. Die ’Ndrangheta kommt wahrscheinlich nur auf die Hälfte.