Die Deutsche Islam Konferenz (DIK) war mal ein richtiges Risiko, ein Experiment, das sich sein Erfinder Wolfgang Schäuble geleistet hat und um das ihn sogar politische Feinde beneideten. Der deutsche Staat und die deutschen Muslime sollten miteinander darüber reden, wie sie die Gesellschaft zusammenhalten können. Man sprach über universelle Werte und Minaretthöhen, lernte sich kennen, wollte manchmal zu viel und nervte einander auch höllisch. Aber alles geschah im Geist des selbstbewussten Schäuble-Satzes, der alle Seiten in die Pflicht nahm: "Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas."

Erst jetzt wird klar, was für eine ziemlich große Sache das war. Jetzt, wo die DIK so klein geworden ist. Zu klein für unser Land. Und erst recht zu klein für die Welt.

Ja, die Welt. Während Hans-Peter Friedrich, neuer Bundesinnenminister und damit auch neuer Chef der Islam Konferenz, am vergangenen Dienstag mit den DIK-Teilnehmern über die Ausbildung deutscher Imame beriet , brachten sich Tausende Libyer in Jogginghosen und Badelatschen in Lebensgefahr, weil sie endlich ihren Diktator loswerden wollen. Muslime, die in ihrem Leben wahrscheinlich noch nie eine Waffe oder einen richtigen Wahlzettel in der Hand hatten. Zur gleichen Zeit, als Friedrich der DIK von der neuen Idee einer "Sicherheitspartnerschaft" erzählte, wonach Muslim-Verbände wachsamer gegenüber radikalisierten Glaubensgenossen sein und Verdachtsfälle den Behörden melden sollen, beteten die Badelatschenträger für Frieden und Freiheit in ihrem Land, für ein normales Leben. Oder vor einigen Wochen, als Friedrich am Tag seines Amtsantritts mal eben Menschen und Glauben auseinandersezierte und sagte, der Islam, der gehört nicht zu uns, aber die Muslime, nun ja, die irgendwie schon – da hatten die Ägypter gerade wochenlang auf dem Kairoer Tahrir-Platz für Würde und Brot demonstriert und am Ende auch noch aufgeräumt.

Okay: Wir wissen nicht, wie diese historischen Umwälzungen in der muslimischen Welt ausgehen werden – aber wie kann es sein, dass diese Geschehnisse so völlig aus unserer eigenen Debatte um den Islam und die Muslime ausgeblendet werden? Dass sie so gar keine Rolle spielen in unserer Innenpolitik?

Und wenn die Welt gerade zu groß, der Blick nach Nordafrika zu weit ist und außerdem der Hartz IV abzockende Familienpatriarch in Berlin-Neukölln den Blick versperrt, dann könnte man ja auch einfach nach Baden-Württemberg schauen, um unsere eigenen historischen Umwälzungen zu beobachten. Dort hat gerade eine 45-jährige grüne Lokalpolitikerin aus Stuttgart ein Direktmandat mit den meisten Stimmen in ihrer Partei geholt: Muhterem Aras kam mit zwölf Jahren nach Deutschland, wusste von nichts, musste richtig kämpfen und hat jetzt gute Chancen, ein Ministeramt zu erhalten. In nur 37 Jahren! Türkischstämmig, Muslimin, Deutsche, Grüne. Das klingt nach Überforderung, ja.

Aber auch nach Umständen, die sich ändern lassen. Es klingt nach Menschen, die nicht in Europa aufgewachsen sein müssen, um stärker an europäische Werte zu glauben als so mancher Realpolitiker, der Gadhafi und Mubarak jahrzehntelang einen Freund und Partner nannte.

Die für Freiheit kämpfenden Muslime und die darin schlummernde Chance für einen Perspektivenwechsel auf die Muslime in Deutschland und Europa – sie sind kein Thema in der DIK von Bundesinnenminister Friedrich. Warum verkauft er seine Rolle als Moderator zwischen Muslimen und Christen eigentlich so unter Wert? Warum denkt er nicht größer und macht sich selbst so klein?

Friedrich bewegt sich noch viel zu sehr in seinem CSU-Komfortbereich , in der die Leitkultur, die Ausgrenzung des "anderen" und die Sicherheitspolitik die Überlegungen bestimmen. Sicherheit ist wichtig, sie ist Aufgabe des Innenministers, und auch die Muslime selbst können vielleicht helfen, Anschläge wie den am Frankfurter Flughafen Anfang März zu verhindern. Aber Friedrich macht sie zum Hauptthema der DIK und übersieht dabei, dass seine Aufgabe dort eine andere ist. Er riskiert damit, dass sich die Muslime instrumentalisiert sehen und die Konferenz verlassen. Erste Anzeichen dafür gibt es. Damit wäre die DIK am Ende. Wie wäre es stattdessen beispielsweise mit einem Gedankenexperiment für die nächste Runde: Was wird in Zukunft vom Terror bleiben, wenn die muslimischen Revolutionen Erfolg haben?

Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Baden-Württemberg – eigentlich ist der Bundesinnenminister um seinen neuen Job zu beneiden. Eigentlich kann man sich kaum eine spannendere, lehrreichere, irritierendere Zeit vorstellen, um Ideen für ein Zusammenleben von Christen und Muslimen zu entwickeln. Also keine Angst vorm großen Denken.