Frankreich schießt, Deutschland schließt. Bei Libyen und Atom sind die beiden Führungsmächte – als "Tandem" oder "Ehe" bekannt – zielstrebig fremdgegangen . Hektischer Interventionismus dort, gewundener Neutralismus hier; Jetzt-erst-recht-Atomkraft im "Hexagon", hinfort mit dem Teufelszeug in der Vierten, der "Stuttgarter Republik" (nach "Weimar", "Bonn" und "Berlin").

Die simple Erklärung ist wahltaktischer Opportunismus, der weder Sarkozy noch Merkel fremd ist, wiewohl jener die jeweilige Wende mit mehr panache (etwa "gekonnter Chuzpe") ausführt als die Deutsche. Was aber, wenn hinter dem Reflex Grundsätzliches steht? Dann gäbe es was Neues im Westen, nicht bloß das klassische Konkurrenzverhältnis zwischen Galliern und Germanen.

Die vertrauten Konflikte waren: Kontinentaleuropa vs. les Anglo-Saxons oder Merkantilismus vs. Marktwirtschaft. Die konnten stets ausgebügelt werden, weil es nicht um "Ja" oder "Nein", sondern um "Mehr" oder "Weniger" ging. Nun aber, nach Bengasi und Fukushima, sind die Differenzen von kategorialer Art. Sarkozy und Merkel/Westerwelle liefern den Mit-Europäern zwei grundverschiedene Zukunftsmodelle.

Frankreich: "Fukushima ist überall?" Nicht bei uns, wo 58 Kernkraftwerke 70 Prozent des Stroms produzieren. Sie bleiben am Netz und symbolisieren unser Verständnis von Wirtschaft und Wachstum, das auf der Beherrschung der Natur durch den Menschen basiert, nicht auf Vertrauen in Sonne und Wind. In der Außenpolitik offeriert Frankreich "Europa plus", also ein Gemeinschaftsmekka mit Zähnen. Dieses Europa, das reichste Gebilde auf Erden, muss ein strategischer Akteur sein – mit Amerika, wenn möglich, ohne, wenn nötig –, sei’s aus humanitären oder realpolitischen Gründen.

Deutschland: Das französische ist das Konzept des modernen Nationalstaats: stark nach innen wie nach außen, dynamisch im Wachstum und raumgreifend im Gestus. Das deutsche Staatsverständnis gleitet schon ins Postmoderne, wo das Nationale, Heroische und Industrielle verblassen. Die Franzosen lieben Wachstum und Technik; die Deutschen wenden sich ab und glauben ganz fest an eine Zukunft mit Wind- und Solarstrom (heute 6,2 und 2 Prozent), der sie an die Spitze der sanften neuen Welt katapultieren werde. In der strategischen Arena aber – siehe Libyen – will sich der Riese Europas ganz klein machen; nenn mich "Nano", lass mir meinen Garten.

Zwei Modelle, zweimal Avantgarde. Oder einmal Sonderweg? Die Bundesrepublik hat im Libyenkrieg zum ersten Mal die Gemeinschaft mit allen Verbündeten aufgekündigt, weshalb Bismarck seit Wochen im Grabe rotiert. Dieses Modell werden die Europäer ebenso wenig goutieren wie den Alleingang in der Nuklearpolitik, zumal der Energiebedarf trotz steigender Effizienz (pro BIP-Einheit) wächst und wächst. Rest-Europa wird nicht seine 137 KKWs abschalten.

Wollen die Deutschen – siehe Mainz und Stuttgart – wirklich den Doppel-Alleingang? Auf jeden Fall hat die Regierung im Panikanfall die Staatsräson vergessen. Die gehört wieder in ihr Recht gesetzt. Sonst wird "BRD" dereinst für "Bukolische Republik Deutschland" stehen.