Als sich sein Gespräch mit dem chinesischen Premier Zhu Rongji im Kreise zu drehen begann, stand Siemens-Chef Heinrich von Pierer auf, stellte sich mit gesenktem Blick vor seinen Gastgeber hin und stülpte die Hosentaschen nach außen. Die Geste überzeugte mehr als alle Argumente zuvor. Die Chinesen akzeptierten den Preis, den Siemens für den Transrapid kalkuliert hatte. Das Projekt war unter Dach und Fach. Aber es musste extrem schnell gehen, in weniger als zwei Jahren sollte die 30 Kilometer lange Magnetschwebebahnstrecke in Shanghai gebaut und in Betrieb genommen werden.

Zurück in Deutschland, rief Pierer einen Manager im Werk Braunschweig an, wo die Betriebsleittechnik für den Transrapid entwickelt und hergestellt wurde. Der Konzernchef besprach sich mit Thomas Ganswindt. Er wisse, dass das eigentlich in der kurzen Zeit nicht zu schaffen sei, aber es müsse gehen. Das Transrapid-Projekt sei für Siemens und für China wichtig – die ganze Welt schaue darauf.

Ganswindt legte sofort mit der Planung los. Er zog Ressourcen von anderen Projekten ab und gab dem Transrapid die höchste Priorität. Es war ein Husarenritt, und er führte zum Ziel. Siemens hielt die vereinbarten Termine ein. Am Silvestertag 2002 hatte der Zug seine Jungfernfahrt. Ein großer Erfolg.

Damals war Ganswindt Anfang vierzig, Chef des Bahntechnikwerks in Braunschweig und zugleich einer der vielversprechendsten Ingenieur-Manager bei Siemens. Weil er ausgezeichnete Arbeit leistete, schickte ihn der Vorstand bald darauf in das Geschäft mit Telefonnetzen, wo es gewaltige Probleme gab. Wieder bewährte sich Ganswindt und machte weiter Karriere. Sein Aufstieg sollte ihn im Jahr 2004 in den Zentralvorstand des Weltkonzerns führen, eine Zeit lang galt Ganswindt sogar als möglicher Nachfolger Heinrich von Pierers.

Heute ist Ganswindt 50 Jahre alt und die Siemens-Karriere vorbei. Von Dienstag an steht der Manager in München als Angeklagter vor einem Strafgericht . Und dieser Prozess ist nur eines seiner großen Probleme. Ein anderes ist, dass ihn sein früherer Arbeitgeber vor einem Zivilgericht auf fünf Millionen Euro Schadensersatz verklagt hat.

Der Fall Ganswindt ist spektakulär. In der größten deutschen Bestechungsaffäre ist der Manager – nach einer Reihe von Verfahren gegen frühere Konzernmitarbeiter unterer Ebenen – der Erste aus der Vorstandsetage, den die Staatsanwaltschaft angeklagt hat. Allerdings wirft sie ihm nicht vor, jemanden bestochen zu haben. Sie wirft ihm auch nicht vor, dass er Mitarbeiter zu Bestechungen angestiftet hätte. Für solch schwerwiegende Delikte ergaben die Ermittlungen gegen den Manager, der 2006 sogar für zehn Tage in Untersuchungshaft genommen wurde, keine Anhaltspunkte.

Ganswindt wird zur Last gelegt, als Chef der Siemens-Telekommunikationssparte nicht genügend aufgepasst und Warnsignale übersehen zu haben. Es geht daher in diesem Prozess im Kern um die Frage, welche Schuld einen Vorgesetzten trifft, wenn Mitarbeiter in seinem Verantwortungsbereich Straftaten begehen. Die Staatsanwaltschaft ist zu dem Schluss gekommen, dass Thomas Ganswindt seine Aufsichtspflicht vorsätzlich verletzt hat. Er habe weggeschaut, wo er Korruptionsdelikte hätte entdecken und verhindern können.