Um 9.30 Uhr parkt Oliver Pietsch seinen Dienstwagen vor dem Verwaltungsgebäude des Atomkraftwerks in Lingen. Im Erdgeschoss links, am Ende des Flurs, hat Pietsch ein Büro – "Sonnenseite, unklimatisiert", sagt er und holt seine Turnschuhe aus dem Schrank.

Zu Fuß geht es zum Haupttor des hoch umzäunten und von einem Wassergraben umgebenen Sicherheitsbereichs. In der Personenschleuse wird zum ersten Mal die Strahlung gemessen. Niemand soll kontaminiert hineinkommen, damit die Radioaktivität später beim Hinausgehen nicht irrtümlich dem Atomkraftwerk angelastet wird.

Pietsch ist bei der niedersächsischen Atomaufsicht für die Sicherheitsprüfungen des Kernkraftwerks Emsland (KKE) zuständig. Seit fünf Jahren macht der gelernte Maschinenbauer den Job. Jede bauliche Veränderung, jeder Austausch einer Armatur, jedes neue Brennelement muss er kontrollieren und genehmigen. 3713 atomrechtlich vorgeschriebene "wiederkehrenden Prüfungen" erfolgen pro Jahr in der Anlage, über jede einzelne wird Bericht erstattet. Ein- bis zweimal pro Woche besucht Pietsch den Meiler. Auch an diesem Donnerstag, 24. März 2011, dreizehn Tage nach dem GAU im japanischen Fukushima .

Dass die baden-württembergische Umweltministerin drei Tage nach dem Tsunami ihre Mitarbeiter zu einer Sonderüberprüfung der Notstromversorgung in die vier Atomkraftwerke im Ländle geschickt hat, hält Pietsch für "Aktionismus", dass dabei keine Probleme festgestellt wurden, für eine Selbstverständlichkeit. "Eine höhere Kontrolldichte als bei uns gibt es nirgendwo", sagt er.

"Was wollen Sie sehen?", fragt Olaf Truszkowski. Der stellvertretende Schichtleiter der Anlage wartet schon auf der Innenseite der Schleuse. Man kennt sich gut, duzt sich aber nicht. "Es ist ein professionelles Miteinander", sagt Pietsch, "das Wort Sicherheitspartnerschaft trifft unser Verhältnis am besten." Truszkowski nickt.

Ein Atomaufseher hat das Recht, jederzeit jeden Raum innerhalb des Sicherheitsbereichs zu inspizieren, selbst einen verstrahlten. Der Begleiter muss ihn warnen, zurückhalten darf er ihn nicht. In der Praxis hatte Pietsch noch nie Streit mit seinen Begleitern. Sein einziges Werkzeug ist eine Taschenlampe. "Wir gehen zuerst ins Maschinenhaus", sagt Pietsch. Truszkowski nickt. Der Emsländer trägt schulterlanges Haar und 14-Tage-Bart. Er spricht nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

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Im Maschinenhaus ist es ohnehin so laut, dass man selbst sein eigenes Wort schwer hören würde. Kontrolleur und Begleiter haben sich schon an der Eingangstür gelbe Stöpsel in die Ohren gedrückt, sie verstehen sich auch ohne Worte. Im Obergeschoss laufen Turbine und Generator unter Volllast, das Gebäude zittert in ihrem Rhythmus. 1413 Megawatt zeigt das Display – doch das geht den Prüfer nichts an. "Ob der Betreiber mit seinem Kraftwerk Geld verdient, muss mir egal sein", sagt Pietsch. Ihn interessieren die Notstromgeneratoren im Untergeschoss.

Frisch rot gestrichen und blank geputzt, würden sie sich als Ausstellungsstücke auf einer Maschinenbaumesse gut machen. Einmal im Monat werden sie getestet, eingesetzt wurden sie noch nie. An der Wand stehen akkurat beschriftete schwarze Tonnen für die Mülltrennung, daneben haben Monteure vier Bretter abgestellt. "Die müssen weg", sagt Pietsch, Truszkowski macht eine Notiz in seiner Kladde. Auch auf einem Sims hat Pietsch etwas entdeckt, was dort nicht hingehört: eine leere Isolierbandrolle, daneben eine Schelle und drei dicke Muttern aus Metall. Truszkowski steckt sie ein.

Um die großen Sicherheitsfragen geht es bei den Routinekontrollen nicht

Was ist das Hauptaugenmerk des Atomaufsehers? "Allgemeine Ordnung und Sauberkeit", sagt Pietsch. Am häufigsten moniert er kaputte Lampen in den grünen Notausgang-Schildern. Danach kommen Werkzeugboxen, die nicht exakt auf ihrem rot markierten Standort abgestellt wurden. Am meisten findet er bei der "Revisionsabschlussbegehung". Wenn das Atomkraftwerk ein Mal im Jahr für den Tausch der Brennelemente gestoppt wird – "abgefahren" nennen das die Experten –, sind für Reparaturen und Kontrollen bis zu 1700 Mitarbeiter von Fremdfirmen auf dem Gelände. Nicht alle benehmen sich so ordentlich wie Truszkowski und seine Kollegen.

Vom Maschinenhaus geht es zur Leitwarte. Weiße Wände voller Messuhren, Kippschalter und Regler, dazwischen die tanzenden Nadeln der Messschreiber. Käme Captain Kirk um die Ecke, es würde einen nicht wundern. Technik und Design stammen aus den siebziger Jahren, Baubeginn war 1982.

Wie viele Menschen in Deutschland leben im direkten Umkreis von Atomkraftwerken? Bitte klicken Sie auf das Bild, um zur interaktiven Grafik zu gelangen © ZEIT ONLINE

Zeit für die Kantine. Rund 500 Mitarbeiter sind täglich auf dem AKW-Gelände im Einsatz. Heute haben sie die Auswahl zwischen Hähnchenkeule und Lachsfilet. Wer unentschieden ist, kann sich am Eingang zwei Beispielteller in einem Plexiglaskasten ansehen. Auch hier lassen Ordnung und Sauberkeit nichts zu wünschen übrig.

Mit vollem Bauch geht es zur letzten Etappe der Inspektion, hinein in den Reaktorsicherheitsbehälter, Containment genannt. Das ist die riesige, luftdicht verschlossene Stahlkugel im Inneren des Atomeis. Maximal 30 Personen dürfen sich hier aufhalten, mehr würden bei einer Evakuierung nicht gleichzeitig durch die drei Druckschleusen passen. Alle müssen einen orangefarbenen Overall mit Dosimeter in der Brusttasche tragen. Eine maximale Strahlenbelastung von 20 Millisievert im Jahr, 400 Millisievert im gesamten Berufsleben, sind für jeden Mitarbeiter zulässig.

Pietsch inspiziert das Gewirr der Rohrleitungen und Armaturen an der Außenseite der Kugel. Mit der Taschenlampe sucht er den Fußboden nach weißen Salzablagerungen ab. Sie wären Anzeichen für eine undichte Verbindung, aus der boriertes Wasser tropft. Gefährlich wäre das an dieser Stelle kaum. Der eigentliche Druckwasserreaktor ist im Betrieb unzugänglich; dort tobt die Kernspaltung und erhitzt den Primärkreislauf auf 300 Grad. Kontrollen sind erst ein paar Tage nach dem Abfahren möglich, im Zustand "unterkritisch kalt".

15.30 Uhr, Zeit, an den Feierabend zu denken. Über viele Treppen gelangen Aufseher und Begleiter wieder zur Druckschleuse, passieren die Kontaminationsmessstelle, wechseln vom Overall zurück in ihre Kleidung. Drei Störwarnmeldungen sind die Ausbeute des Tages: ein Ölfleck unter einer Pumpe, eine rostige Stelle an einem Speisewasserrohr, ein Riss im Linoleumbelag einer Lukenabdeckung. Truszkowski schreibt das Protokoll, morgen früh kommt es auf den Tisch der täglichen Führungskräftesitzung.

"Das KKE ist eine vorbildliche Anlage", sagt Pietsch. Der auffälligste Vorfall seiner fünfjährigen Prüftätigkeit war ein Stück Klebeband, das an einem neu angelieferten Brennelement klebte. "Gefährlich ist so etwas nicht", sagt er, "aber für den Hersteller war es teuer herauszufinden, wieso es bei der peniblen Endkontrolle niemandem aufgefallen war."

Lässt die Aufmerksamkeit nicht langsam nach, wenn man jahrelang sucht und so wenig findet? Pietsch und Truszkowski schütteln im Gleichtakt den Kopf. Ihr Job ist der Blick aufs Detail. Um die großen Sicherheitsfragen der Atomwirtschaft geht es bei den Routinekontrollen nicht. Wohin mit dem strahlenden Müll ? Würde der Reaktor den Absturz eines Verkehrsflugzeugs überstehen? Was geschähe beim Totalausfall aller Kühlsysteme? Oliver Pietsch kennt die Fragen. Für ihre Beantwortung ist er nicht zuständig.

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