Geschlafen habe ich zuletzt kaum. Das hat nicht nur mit den Sondersendungen zu tun, zu denen ich wegen der Ereignisse in Japan eingeladen war. Es lag vor allem daran, dass die Katastrophe in Fukushima für mich mehr war als die Bilder, die im Fernsehen und in den Zeitungen gezeigt wurden.

Am Forschungsreaktor Jülich habe ich jahrelang ein Experiment laufen gehabt. Ich kenne daher diesen süßlichen Geruch von Radioaktivität, er hat etwas von trockenem Beton. Wenn im Fernsehen derzeit von einem Abklingbecken die Rede ist, weiß ich, wie es aussieht, wenn die Tscherenkow-Strahlung in diesen Becken blau leuchtet. Ich kenne den Hall solcher Anlagen, die Menschen, die dort arbeiten. Das sind in der Regel nette Leute.

Die Kollegen, die ich in Jülich kennengelernt habe, sind für mich Stellvertreter für die Leute in Fukushima. Die Vorstellung, was dort passiert ist, hat mich sehr aufgewühlt.

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Ich habe die Statusberichte des Japanischen Atomenergieforums sehr aufmerksam verfolgt, um mir einen Eindruck von der Situation zu verschaffen – nur anhand der Fernsehbilder ist das ja kaum möglich. Diese sehr präzisen Berichte verdeutlichen, dass die Mitarbeiter in Fukushima ihre Herkulesaufgabe Schritt für Schritt angehen.

Für mich ergibt sich aus den Ereignissen eine besondere Verpflichtung. Als Wissenschaftler und Journalist ist es meine Aufgabe, die Ereignisse präzise zu recherchieren und einzuordnen. Ich verweigere mich der derzeitigen Aufgeregtheit, die sich zum Teil aus den medialen Gesetzen nährt. Die Opulenz der Bilder dieser Katastrophe ist Futter für die Medien. Aber sie geben nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens wieder. Gäbe es weniger Bilder, müssten die Medien mehr Fakten liefern.

Ich war vor fünf Jahren mit ein paar Kollegen in Tschernobyl. Durch Pripjat, die verlassene Stadt, zu gehen war gespenstisch. An einigen Orten glaubte man, den Hall der einstigen Bewohner zu spüren. In einer Schule lagen noch Hefte mit Rechenaufgaben vom Tag des Unglücks auf den Tischen. Dann besichtigten wir den Kontrollraum von Block 4. Ich sah die Schalttafel mit dem Notknopf, das war für mich besonders irritierend. Um in den Kontrollraum zu gelangen, muss man unendliche Mühen auf sich nehmen – die Sperrzone beträgt 30 Kilometer, man muss durch Dutzende Kontrollen. Und plötzlich steht man vor einem Steuerpult und weiß: Wenn 1986 jemand diesen Knopf früher gedrückt hätte, wäre das Unglück nicht passiert. Die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung bekommt auf einmal eine ganz andere Dimension.

Ich kam an einem Schrottplatz vorbei, auf dem ein Militärhubschrauber lag, dessen Radioaktivität ich mit einem Messgerät ermittelte. Das radioaktive Nachglühen war noch immer sehr stark. Ich bekam eine Ahnung davon, durch welche Hölle nicht nur die Besatzung gegangen sein muss, sondern auch die Bevölkerung. Mich überkam eine tiefe Traurigkeit.

Es gab aber auch überraschende Momente. Zum Beispiel habe ich noch nie in meinem Leben so viele Elche und Wildpferde gesehen. Und zwischen maroden Treppenstufen sprießen Bäume hervor.

Aufgezeichnet von Nana Heymann

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