Schon Helmut Kohl hat es gewusst, ja alle handelnden Politiker haben es im Grunde gewusst. Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Politik ist ein zerbrechliches Konstrukt. Fehlt diese Koordination, drohen sich die Mitgliedsländer mit ihren großen ökonomischen Unterschieden nur weiter auseinanderzuentwickeln, erst langsam, später mit wachsendem Tempo. Nichts anderes ist geschehen. Vereinfacht gesprochen, ist der Norden stabiler geworden, der Süden instabiler. Damit die Währungsunion bestehen bleibt, steht der Norden nun für den Süden ein .

Für das grundsätzliche Euro-Problem gibt es genau zwei saubere Lösungen. Die eine: Der monetären folgt tatsächlich die politische Union, und eine in weiten Teilen gemeinsame Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik lässt die Länder zusammenwachsen. Die andere: Die Währungsunion löst sich wieder auf oder schrumpft zur Kernunion einer Handvoll vergleichsweise ähnlicher Volkswirtschaften.

Rund ein Jahr lang wurde um einen neuen Pakt gerungen, und immer war klar, dass die sauberen Lösungen nicht zur Verfügung standen. Einerseits darf der Euro als historisches Projekt europäischer Einigung nicht einfach zerbrechen, auch wenn der Markt es verlangen sollte. Andererseits ist eine echte wirtschaftspolitische Union undenkbar, in der die gesamte Gruppe mitreden würde und in der vor allem Deutschland die Rechnungen bezahlte.

Wie groß die Unterschiede selbst zwischen den führenden Mitgliedsländern des Euro sind, haben die Verhandlungen zum neuen Pakt gezeigt. Fast alles, was die Deutschen wollten, war den Franzosen suspekt und umgekehrt – von den Griechen und Spaniern, Italienern und Portugiesen ganz zu schweigen.

Es lief also von vornherein auf einen Kompromiss hinaus. Die realistische Frage lautet nur, ob ein guter Kompromiss dabei herausgekommen ist: einer, der neue Schuldenkrisen vermeidet, die Wirtschaftskraft des Kontinents stärkt und den europäischen Steuer- und Wahlbürgern nichts Übermenschliches abverlangt.

Gefunden wurde eine Lösung, wie Angela Merkel sie eingestandenermaßen nie wollte. Schöne Sätze wie "Jedes Land ist für seine Schulden selbst verantwortlich" musste die Kanzlerin mittlerweile zuhauf wieder kassieren. Schon im Herbst opferte sie dem Kompromiss das vielleicht wichtigste Prinzip einer stabilen Union überhaupt: Mit Nicolas Sarkozy vereinbarte sie, dass Sanktionen gegen Schuldenstaaten auch künftig nicht automatisch verhängt werden. Erst hat die Politik ein Wörtchen mitzureden.

Automatismen haben den Sinn, dass Politiker sich damit die Hände binden. Sie können dann nicht mehr so leicht im Eifer des Moments die langfristige Stabilität einer kurzfristigen Taktik opfern – so wie Deutschland und Frankreich es Mitte des vergangenen Jahrzehnts taten, als sie Sanktionen gegen sich selbst abwendeten und die Euro-Regeln mit Füßen traten.

Und jetzt? Zwar sollen demnächst die Haushaltsplanungen der Mitgliedsländer strenger überwacht werden, und Länder, die gegen den Pakt verstoßen, sollen zügiger und härter als bisher belangt werden. Auch ist die Rede davon, dass manche Sanktion ohne vorherige politische Entscheidung greifen soll – aber immer kann sich die große Koalition der Sünder einem harten Brüsseler Vorgehen entgegenstellen. "Wir lassen dich in Ruhe und du uns", so geht das dann schnell.