Im Krone-Bau an der Marsstraße nahe dem Münchner Hauptbahnhof, riecht es nach Sägemehl, Tierdung und Popcorn. "Die klassische Melange. Das gehört einfach zum Zirkus", sagt Susanne Matzenau. Sie ist die Pressesprecherin und rechte Hand der eher PR-scheuen Zirkusdirektorin Christel Sembach-Krone – der letzten Vertreterin einer mehr als 100 Jahre alten Zirkusdynastie.

Im angejahrten Foyer des einzigen festen Zirkusbaus Deutschlands zeugen vergilbte Fotos von der glorreichen Vergangenheit: als der Zirkuspionier Carl Krone in Begleitung seiner Frau Ida mit einem angeleinten Geparden auf Berliner Boulevards spazieren ging oder in einer vierspännigen Zebrakutsche ausfuhr.

Der Circus Krone ist hierzulande immer noch die Nummer eins, laut Eigenwerbung auch der größte reisende Zirkus Europas. Anfang April, wie jedes Jahr, wird der riesige Krone-Tross wieder sein Winterquartier abbrechen und sich in Bewegung setzen. Früher per Sonderzug, reist er heutzutage auf der Straße: 400 Menschen, rund 200 Tiere, 330 Wohn-, Pack- und Gerätewagen, dazu ein eigenes kleines Kraftwerk, eine Zirkusschule, Betriebsfeuerwehr, Mannschaftsküche und natürlich das riesige Zelt mit 5000 Sitzplätzen. "Da ist immer eine kleine Stadt auf Achse", sagt Matzenau.

Romantisch klingt das. Doch der klassische Zirkus à la Krone wird seit einiger Zeit zunehmend in die Zange genommen.

"Viele Zirkusse sind nicht mehr ständig unterwegs, sondern inszenieren Gastspiele als Events", sagt Helmut Grosscurth, Präsident der Gesellschaft der Circusfreunde, die die CircusZeitung herausgibt. In Deutschland haben sich solche Event-Zirkusse vor allem um Weihnachten herum etabliert – Wintergastspiele sind dank moderner Heizungstechnik längst kein Problem mehr, und konkurrierende Angebote wie Freizeitparks sind zu dieser Zeit geschlossen. Das größte dieser Programme läuft als "Weltweihnachtszirkus" alljährlich in Stuttgart.

Irgendwo zwischen Zirkus, Varieté und Unterhaltungsshow kann man die Spektakel des Wiener Multikünstlers André Heller ansiedeln, der dieses Jahr mit seinem neuen Pferdetheater Magnifico durch Deutschland zieht – etwa 20 Millionen Euro soll die Show kosten. Zu den größten Events zählen die Gastspiele des Cirque du Soleil – jenes milliardenschweren Unterhaltungskonzerns mit Sitz im kanadischen Quebec, der als einziger Zirkus weltweit agiert, etwa 4000 Mitarbeiter beschäftigt und aktuell mit mehr als 20 zeitgleich stattfindenden, perfekt inszenierten Hightech-Shows auf allen Kontinenten präsent ist. Im Herbst wird er auch in Deutschland wieder Station machen.

271 Zirkusse sind derzeit in Deutschland registriert

Im Vergleich zu derlei Spektakeln kommt ein Circus Krone leicht anachronistisch daher. Bei der Winterpremiere am ersten Weihnachtsfeiertag gab es zwei Stunden lang Nummernzirkus, darunter auch manch artistische Höchstleitung wie die Jonglierkünste des erst zwölfjährigen Japaners Ty Tojo. Doch manchmal konnte der Besucher sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zeit stehen geblieben sei. Die Tiernummern wirkten ähnlich altbacken wie die lauen Späße von Clown Jimmy Folco mit prominenten Premierengästen im Stil von Stars in der Manege. Der Bayerische Rundfunk hatte die traditionsreiche Fernsehshow 2008 abgesetzt, angeblich wegen sinkender Einschaltquoten – ein Schlag für Christel Sembach-Krone. Doch hätten sich, so Matzenau, auch 2010 wieder 1,1 Millionen Zuschauer in 30 deutschen Städten das Programm zum 100-jährigen Jubiläum des Zirkus angeschaut. Dieses setzt unverdrossen auf die klassischen Säulen europäischer Zirkuskunst: Dressuren mit "gefährlichen" und weniger gefährlichen Tieren, Akrobatik und Clowns. Trotzdem – oder deswegen? – attestiert ein Insider dem Zirkus "Zerfallserscheinungen". Krone sei längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit und zehre vom alten Ruf.

Totgesagt wurde die Zirkuswelt schon öfter – doch tot ist sie auch im 21. Jahrhundert nicht. Sie wandelt sich nur. "Es gibt offenbar ein solides Grundbedürfnis nach dieser Art der Unterhaltung", sagt Grosscurth. Nach jedem Einbruch, ausgelöst durch Konkurrenzangebote wie Film und Fernsehen, hat sich die Branche wieder aufgerappelt. Grosscurth schätzt die Zahl der Zirkusse im deutschsprachigen Raum auf rund 300, in dem vom bayerischen Umweltministerium geführten Zirkus-Zentralregister sind aktuell 271 Betriebe verzeichnet. "Das ist ein sehr lebendiger Markt, der ständig in Bewegung ist", sagt Grosscurth.