Es ist die Stunde der Revisionisten. Die Bilder der havarierten Atommeiler von Fukushima verschwinden allmählich von den Titelseiten, die Aufmerksamkeit der Medien nimmt ab. Damit ist die Gelegenheit günstig, Zweifel zu säen. Die Kernenergie sei eben doch unverzichtbar, heißt es nun wieder, und die Atomlobby führt dafür drei Gründe an: Geld, Moral und das Verhalten der anderen. Der Ausstieg koste zu viel. Atomstrom müsse dann importiert werden. Der deutsche Sonderweg sei verantwortungslos und gefährlich.

Natürlich ist eine gewisse Portion Skepsis nicht schlecht. In der Außenpolitik etwa ist Deutschland jahrzehntelang gut damit gefahren, dass man vorsichtig und zurückhaltend agierte, dass nationale Alleingänge als falsch galten und man sich lieber einmal zu oft abstimmte, als andere zu verstimmen. Aber beim Ausstieg aus der Atomenergie? Beim Ausbau erneuerbarer Energien? Als die Regierung nach dem Atomunfall von Fukushima das vorläufige Aus für sieben deutsche Meiler beschloss und Zehntausende gegen die Kernenergie demonstrierten, war viel von Hysterie die Rede , von German angst. Nun macht sich die Atomlobby diese Angst zunutze – und behauptet, der Ausstieg werde uns ins Verderben stürzen.

Deutschland importiert Atomstrom? Das ist nur die halbe Wahrheit

Dies ist die letzte Runde im Kampf um die Kernkraft in Deutschland, und wie ernst es mit dem Ende wirklich ist, zeigt schon, dass alles auf eine einzige Frage zuläuft: Überfordert uns die Abkehr von der Atomenergie? Die Frage suggeriert, dass ein Land ohne Kernkraft seine Zukunft verspielt; dass eine ganze Volkswirtschaft den Anschluss verliert; dass die Menschen stundenweise das Licht werden ausschalten müssen, weil Strom unfassbar teuer sein wird; und dass die Betriebe – und damit die Jobs – nach Osteuropa gehen, wo die Atommeiler groß und die Stromrechnungen klein sind. Es ist eine irritierende Frage, weil sie die Debatte seltsam verengt. Schließlich geht es nicht allein darum, was uns der Atomausstieg kosten könnte. Sondern darum, was er uns wert sein sollte.

Man müsste also die Perspektive wechseln, aber das ist gar nicht so einfach, wenn die Atomfans weiter Ängste schüren. Es ist das letzte Mittel, das ihnen geblieben ist. Die vier großen Energiekonzerne handeln dabei aus geschäftlichem Kalkül: Atomstrom lässt sich günstig erzeugen und teuer verkaufen. Jeder zusätzliche Meiler am Netz maximiert ihren Gewinn. Die Hardliner in den Regierungsfraktionen wiederum handeln aus Überzeugung. Atomkraft war das letzte Alleinstellungsmerkmal der bürgerlichen Parteien. Und man legt die eigene Überzeugung nicht einfach so ab wie ein altes Jackett.

So wird getäuscht und getrickst, was das Zeug hält. Deutschland importiere jetzt Atomstrom aus den unsicheren Anlagen des Auslands, heißt es. Das stimmt zwar, war aber schon immer so. Zum vollständigen Bild gehört eben auch, dass wir gleichzeitig Strom aus den heimischen Kraftwerken und Windparks ausführen – in die Schweiz, in die Niederlande oder nach Polen. Und selbst wenn die abgeschalteten Atommeiler nicht wieder ans Netz gehen: Die maximale Leistungsfähigkeit unserer Kraftwerke wäre immer noch größer als der Bedarf.

Am besten, man misst die Atomfans an ihren eigenen Zahlen und Prognosen. Als Schwarz-Gelb im vergangenen Herbst ein Gutachten zu den Folgen der Laufzeitverlängerung erstellen ließ, wurde nebenbei auch durchgerechnet, was beim vergleichsweise raschen Atomausstieg passieren würde. Das Resultat: geringfügig steigende Preise (weniger als ein Euro monatlich) und keine nennenswerten Auswirkungen aufs Wachstum. In der politischen Debatte blieben diese Zahlen unerwähnt, sie passten nicht zum Willen, die Meiler länger am Netz zu lassen. Da aber niemand aus Industrie und Politik damals am Gutachten zweifelte: Warum sollte man es jetzt tun?

Reden wir lieber darüber, was uns der Atomausstieg wert sein sollte . Es wäre der Abschied von einer Technologie, die niemals ganz beherrschbar sein wird und deren Einsatz zu verheerenden Katastrophen führen kann. Es wäre das Ende von Kraftwerken, die nicht mal richtig versichert sind, weil kein Versicherer dieses Risiko übernehmen kann. Deswegen haftet am Ende der Staat – und das sind die Bürger. Es wäre der Beginn eines gewaltigen Umbaus des Landes.

Interessant ist übrigens, dass im Augenblick kein einziger Betrieb wegen des Atomausstiegs mit Abwanderung droht. Es sind die Verbandsfunktionäre, die klagen. Die Unternehmer selbst sind viel zu klug, um nicht zu wissen, dass der ökologische Umbau der Gesellschaft – grüne Kraftwerke, Strom sparende Motoren, neue Erdkabel – große Chancen bietet. Umbau ist ein Wort, das Unternehmer lieben. Es ist die Chiffre für: Arbeit. Wettbewerb. Gewinn.

Der Atomausstieg zwingt Deutschland in die Avantgarde der Zukunftstechnologie. Das kann im Extremfall auch nach hinten losgehen, dann nämlich, wenn die anderen Staaten Europas noch konsequenter auf Kernkraft setzen. Bislang aber hat deutsche Ingenieurskunst noch jedes Mal Nachahmer gefunden. Warum nicht diesmal auch?

Deutschland wagt Zukunft. Das birgt Risiken, Garantien gibt es keine. Dennoch haben die Bürger ihre Entscheidung getroffen – trotz der Unwägbarkeiten des ökologischen Umbaus. German angst? Nennen wir es besser German cleverness.

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