Es ist wahrscheinlich der erfolgreichste Exportartikel der Stadt. Wenn die Wiener Philharmoniker alljährlich am Vormittag des 1. Januar das neue Jahr mit den Melodien der Strauß-Dynastie begrüßen, nehmen rund um den Globus 45 Millionen Fernsehzuschauer an dem musikalischen Katerfrühstück teil. Die walzerselige Morgengabe sei, wie das Orchester stolz vermerkt, in aller Welt zu einem "Inbegriff wienerischer Musikkultur" geworden.

Das traditionelle Neujahrskonzert ist allerdings keine genuine Grußbotschaft aus Wien, sondern eine Erfindung der NS-Zeit. Erstmals beging der Klangkörper im Kriegswinter 1939 (damals noch als "Silvesterkonzert") den Jahreswechsel mit einem Melodienreigen im Dreivierteltakt. Von den Wiener Philharmonikern selbst wurde der neue Brauch anfänglich eher stiefmütterlich behandelt. Die Versammlungsprotokolle des Orchestervereins belegen, dass das vermehrte Eindringen von "leichter Musik" ins traditionell hochkulturell geprägte Repertoire der Philharmoniker unter seinen Mitgliedern höchst umstritten war. Immer wieder sorgte die neue Aufführungspraxis auf den Vereinsversammlungen für besorgte Debatten.

Dass die historische Forschung überhaupt Zugriff auf diese Protokolle aus dem Historischen Archiv der Wiener Philharmoniker hat, ist ein Novum: Der ungehinderte Archivzugang erforderte langwierige Verhandlungen mit den zuständigen Orchesterstellen; die Versammlungsprotokolle galten bislang als unantastbarer Familienschatz der Philharmoniker.

Wie diese Quellen belegen, handelte es sich bei der Einführung des Neujahrskonzerts keineswegs um ein Wunschprojekt der Wiener Philharmoniker. Sie war vielmehr Bestandteil einer Reihe von kulturpolitischen Maßnahmen, die auf die veränderten politischen Rahmenbedingungen nach dem "Anschluss" Österreichs an das Großdeutsche Reich im März 1938 zurückzuführen sind. Österreich wurde damals in Reichsgaue aufgelöst, wodurch Wien seinen Status als Hauptstadt verlor. Für die Wiener Philharmoniker bedeutete dies einen drastischen Einschnitt in ihre seit den 1920er Jahren verstärkt betriebene internationale Tourneetätigkeit, die oft im Zeichen einer außenpolitischen Österreich-Werbung stand. Vor allem im austrofaschistischen Ständestaat diente das Orchester der Wiener Regierung als Botschafter, der im Ausland die kulturelle Unabhängigkeit des Landes gegenüber dem benachbarten Nazi-Deutschland propagierte.

Mit dem "Anschluss" wurde die Konzerttätigkeit im Ausland jedoch stark eingeschränkt. Die Philharmoniker widmeten sich darum vermehrt einer spezifischen Wien-Repräsentation, was ihnen umso leichter fiel, da sie bereits seit der Jahrhundertwende in großen Lettern in den Topos der Musikstadt Wien eingeschrieben waren. Bestärkt wurden sie darin auch von dem Gauleiter Baldur von Schirach. Als Reichsstatthalter verfolgte er mit Wien ehrgeizige kulturpolitische Ziele und war bemüht, die Stadt im innerdeutschen Städtewettbewerb möglichst vorteilhaft zu positionieren.

Dazu bedurfte es auch der Herausbildung einer spezifisch wienerischen Note in der Musik, die sich unter anderem in einer prononciert geförderten Strauß-Rezeption ausdrückte. Die Wiener Philharmoniker nahmen nun Strauß-Walzer häufiger in ihre Programme auf und waren auch in Rundfunkkonzerten oft mit Werken der Strauß-Dynastie präsent. Außerhalb der traditionellen Abonnementkonzerte machten Walzer und Polkas zwischen 1938 und 1945 bis zu 50 Prozent des Repertoires aus. Der berühmte "Wiener Klangstil", spieltechnisch auf die Wiener Klassik zurückgehend, verdankt paradoxerweise seinen Weltruhm der Provinzialisierung der Wiener Philharmoniker während der NS-Zeit.

Diese Provinzialisierung war aber auch eine Folge der Kulturpolitik von Joseph Goebbels. Der Propagandaminister setzte alles daran, die kulturelle Außenrepräsentation des NS-Staates von der Reichshauptstadt aus zu lenken. In den Berliner Philharmonikern fand er rasch ein ideales Instrument zur Umsetzung seiner Strategie. Zunächst griff Goebbels dem finanziell schwer angeschlagenen Klangkörper mit einem beispiellosen Sanierungsprogramm unter die Arme und machte dessen Mitglieder über Nacht zu den bestverdienenden Orchestermusikern Deutschlands – und damit zu willfährigen Helfern für seine kulturpolitischen Pläne. In der reichsweit gültigen Orchester-Tarifordnung war den Berliner Philharmonikern ein "Sonderklasse"-Status reserviert.