Niemand hatte den Aufstand der arabischen Völker vorausgesehen. Weder die gut vernetzten Geheimdienste noch die politischen Beobachter, Wissenschaftler oder Journalisten, noch die Polizei und ganz gewiss nicht die Verantwortlichen der islamistischen Bewegungen, ob radikal oder gemäßigt. Der Funke entzündete sich am 17. Dezember 2010 in einer tunesischen Kleinstadt, als der Obsthändler Mohamed Bouazizi einmal zu oft zügellose Erniedrigung erleiden musste und sich daraufhin vor dem Rathaus lebendig verbrannte, da ihn dort niemand hatte empfangen oder anhören wollen.

Selbstverbrennung ist den arabischen Kulturen und Traditionen fremd und gehört auf keinen Fall zum Islam. Wie in den anderen monotheistischen Religionen ist Selbstmord verboten, denn er wird als Auflehnung gegen den Willen Gottes angesehen. Selbstmörder haben kein Anrecht auf ein religiöses Begräbnis. Dies gilt auch für terroristische Attentäter, deren Naivität und Unwissenheit islamistische Extremisten für ihre eigenen Zwecke ausnutzen. Selbstmord, aus welchen Beweggründen auch immer, ist im Islam streng verboten. Im Nahen Osten sind andere aufständische Bürger Mohamed Bouazizis Beispiel gefolgt, sie alle waren Muslime. Indem sie beschlossen, sich zu opfern, setzten sie sich über das Gebot Gottes hinweg.

Die erste Niederlage des Islamismus hat ihren Ursprung in diesem Ungehorsam gegenüber Allah. Hunderttausende strömten auf die Straßen und protestierten gegen korrupte diktatorische Regime, ohne sich auch nur ein Mal auf den Islam oder Allah zu beziehen. Auch das beweist, dass der islamistische Diskurs überholt ist und nicht mehr funktioniert. Man könnte noch verstehen, dass die Demonstranten in Tunesien nicht im Namen der islamischen Werte rebellierten – in diesem Land war die Trennung von Religion und Staat vom ehemaligen Präsidenten Bourguiba (1903 bis 2000) vorangetrieben worden, denn die Tunesier lassen sich im Allgemeinen nicht auf religiösen Fanatismus ein (Ben Ali hatte Bourguiba am 7. November 1987 gewaltsam abgesetzt).

Zum ersten Mal haben sich arabische Demonstrationen weder gegen den Westen noch gegen Israel gewandt. Das allein beweist den Bruch dieses Aufstands mit alten Gewohnheiten. Die Berufung auf den Islam als Grundlage und zentrale Referenz für eine neue Politik ist von Millionen Demonstranten ausgehebelt worden, und das heißt: Die Besonderheit des arabischen Frühlings besteht darin, dass er spontan ist und auf den Einzug in die Moderne abzielt – auf die Anerkennung des Einzelnen und seinen Status als Bürger und nicht länger als Untertan. Bislang hatte keine der politischen Parteien diesen Einzug in die Moderne so direkt gefordert.

Am bemerkenswertesten aber ist die Abwesenheit der Islamisten bei den ägyptischen Demonstrationen. Ägypten. Dieses Land war seit der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 die Wiege des Islamismus. Die Bruderschaft wurde von Anfang an von den Machthabern bekämpft: Am 29. August 1966 ließ Nasser den großen Intellektuellen und Vordenker der Muslimbrüder, Sayed Qotb, aufhängen, und am 6. Oktober 1981 wurde Anwar al-Sadat von einem islamistischen Kommando ermordet.

Und doch: Im Februar 2011, mit dem Rücktritt von Mubarak, wurde Ägypten ohne Beteiligung der Islamisten "befreit". Die Parolen der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz bezogen sich auf die allgemeingültigen Werte Demokratie, Würde, Gerechtigkeit, Kampf gegen Korruption und Diebstahl. Die Menschen verlangten nicht nur Brot, sondern auch die Beachtung grundlegender Normen, damit korrupte Regime nicht mehr ungestraft herrschen können. Es war dieser neue, auf Freiheit zielende Geist, der die Revolte auch in andere autoritäre Staaten wie Syrien und den Jemen getragen hat.

Der islamistische Diskurs dagegen forderte seit Langem "moralische Hygiene" für die staatlichen Systeme – und dabei hat er das Individuum zugunsten des Klans und der Glaubensgemeinschaft geopfert. Der Islamismus bemerkte die Entwicklungen im Volk nicht; er hat den in aller Stille aufkommenden Wind der Freiheit nicht erahnt – jenen Wind, dessen Macht sogar die meisten an der Revolte Beteiligten erst in letzter Minute verspürten.