In seinem langen Leben hat Carlo Pedersoli viel erreicht, aber kaum etwas gelernt. Nicht einmal das Schwimmen. Wie es sich für diese Lebensgeschichte gehört, musste da schon ein Seemann kommen. Er hieß Ninuccio Savarese und kreuzte mit seinem Boot im Golf von Neapel. Carlo war gerade vier Jahre alt, als Ninuccio ihn beherzt packte und ins Meer warf. Unter den Augen des Seemanns strampelte Carlo wild im Wasser. Und siehe da: Das Element war ihm gewogen. Pedersoli konnte schwimmen, weil Schwimmen sein Schicksal war.

Als Geschichte der zuversichtlichen Schicksalsergebenheit liest sich auch Pedersolis Lebensbericht, der nun als Buch erscheint. Hier spricht einer, der mit wenig Ehrgeiz und ohne Pläne durchs Leben ging und dem dennoch alles zugefallen ist. Es sei, so schreibt Pedersoli, jener Seemann gewesen, der ihm zum ersten Mal seine Gabe offenbarte, sich "über Wasser zu halten". Ein neapolitanisches Sprichwort wurde von nun an sein Mantra: Futteténne – "Scheiß drauf!". Gerade vor dem Hintergrund des wundergläubigen Neapels erscheint Pedersolis "Wassertaufe" schon als Übergangsritus zur Hervorbringung eines überlebensgroßen Helden. Es dauerte aber noch ein halbes Leben, bis der Mann sich seinen weltberühmten Künstlernamen zulegte: Bud Spencer. Der größte Fatalist der Filmgeschichte, Erfinder der Doppelbackpfeife und des in exakter Vertikalrichtung von oben auf den Kopf ausgeführten Faustschlags. Der nimmersatte Vertilger grotesker Essensportionen. Seit Asterix und Obelix hat man kein ungleiches Männerpaar beherzter futtern und prügeln sehen als Bud Spencer und seinen Filmpartner Terence Hill.

Mein Leben, meine Filme, so lautet etwas banal der deutsche Titel seiner Autobiografie (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin). Im Original hieß das Buch Ansonsten bin ich wütend, was interessanter klingt, aber schlechter passt. In nachdenklicher und zugleich heiterer Stimmung erzählt Pedersoli seinen Werdegang. In dem Buch, so annonciert es der Verlag, zeigt sich der Autor "von seiner ganz persönlichen Seite". Wäre es nicht verlockend, Pedersoli einmal ganz persönlich kennenzulernen?

Wir waren gewarnt worden: Eine Verabredung mit ihm setze einige Schicksalsergebenheit voraus. Alles läuft über Miss Nelly, hinter deren Namen sich nicht etwa die Bardame aus einem frühen Spaghettiwestern verbirgt – Miss Nelly ist schon seit 47 Jahren Pedersolis Sekretärin. Internet gibt es nicht in ihrem Büro, stattdessen läuft ein Anrufbeantworter. Irgendwann der Rückruf: Ob man in drei Tagen in Rom sein könne – um elf Uhr vormittags?

Und wirklich: Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt begegnet uns an diesem frühlingshaften Tag auf einer römischen Straße ein großer, korpulenter Mann. Gemessen schreitet er die Via Archimede hinauf, die sich, nördlich des Villa-Borghese-Parks gelegen, an einen Hügel schmiegt. Jeder, der nicht in jahrzehntelanger Fernsehabstinenz gelebt hat, würde dieses freundliche, runde Gesicht auf Anhieb erkennen. In seinem dunklen Anzug, mit Sonnenbrille und Gehstock strahlt Pedersoli die majestätische Grandezza eines alten Mafiapaten aus. Diese Rolle hat er gerade erst gespielt, in der kroatischen Produktion Mafia – Abschied eines Paten an der Seite anderer betagter Film-Granden wie Robert Wagner und Franco Nero. Spencer ist eine Ikone, und es gibt Menschen, die bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, sein Gesicht auf TShirts zu drucken, als handle es sich um Che Guevara.

Carlo Pedersoli, der nun mit selbstverständlicher Geste in sein Büro bittet und am Schreibtisch Platz nimmt, wirkt, als hätte sich all dieser Rummel längst von seiner Person gelöst. Um etwas Deutsch zu Gehör zu bringen, zählt er ein paar Städte auf: Essen, Gelsenkirchen, Bremen, Baden-Baden, Stuttgart. Es war aber gar nicht die Schauspielerei, die ihn an diese Orte geführt hat. Beinahe wichtiger noch als das Kino ist ihm nämlich eine andere Karriere, und die begann schon zwanzig Jahre bevor er sich zum ersten Mal Bud Spencer nannte: Als Leistungsschwimmer war Pedersoli acht Mal Landesmeister über die 100-Meter-Freistil-Strecke und der erste Italiener, der diese Distanz in weniger als einer Minute zurücklegte. Er nahm an Europameisterschaften teil und 1952 und 1956 auch an den Olympischen Spielen von Helsinki und Melbourne.

Ist all dies Ninuccio, dem Seemann, zu verdanken? Pedersoli zuckt mit den Schultern und schiebt die bereits halb geleerte Zigarettenschachtel über den Tisch, aus der sich endlich auch sein Gast bedienen soll. "Ich war ein Champion!", ruft er. Man mag ihm nicht widersprechen: Als Mittelstürmer der italienischen Wasserball-Nationalmannschaft bestritt er eine Weltmeisterschaft und errang sogar den Landesmeistertitel im Rugby. Dabei mehrt die Faulheit seinen Ruhm: So kann sich Terence Hill, den Pedersoli in jungen Jahren bereits im Schwimmverein kennengelernt hatte, kaum daran erinnern, ihn jemals im Becken gesehen zu haben. Das Training langweilte ihn. Und nie soll er ohne brennende Zigarette in der Schwimmhalle erschienen sein oder darauf verzichtet haben, vor dem Wettkampf mit seiner Frau zu schlafen – es ist übrigens dieselbe, mit der er im letzten Jahr Goldene Hochzeit feierte.