ZEIT: Wonach fragen Sie konkret?

Roseneck: Eine große Rolle für die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz spielt zum Beispiel die soziale Umgebung. Ob jemand in einem Beamtenhaushalt groß geworden ist oder ob seine Eltern ein Unternehmen geführt haben , wirkt sich auch darauf aus, wie er selbst Arbeit definiert und welche Art von Arbeitsleben und -kultur er sich vorstellen kann. Daraus lässt sich zum Beispiel ableiten, ob jemandem Sicherheit wichtig ist, oder ob er mit wechselnden Einkommen leben kann und kein Problem damit hat, wenn die Kunden auch am Wochenende in der Familie anrufen. Ich habe einmal ein Genie aus dem Bereich des Unterhaltungsbusiness beraten; der Mann hat für Medien weltweit neue Formate gescannt, ein großer Spezialist. Nun wollte er den Wohnort wechseln, weniger reisen und sich mehr um seine Familie kümmern. Die Selbstständigkeit wäre ideal für seine Situation gewesen – aber im Gespräch hat sich herauskristallisiert: Das bringt er nicht fertig. Er hat immer in einer sicheren Umgebung gelebt, sein Bedürfnis danach ist zu stark.

ZEIT: Durch Ihre Analyse verengen sich die Möglichkeiten für den Einzelnen.

Roseneck: Ja, und genau darum geht es. Wer entlassen wurde, soll nicht einfach nur schnell in eine neue Anstellung kommen, sondern er muss eine Aufgabe finden, die möglichst genau zu ihm passt und die ihm auch eine Perspektive bietet. In der heutigen Arbeitswelt kann man nicht davon ausgehen, dass die nächste Lösung die endgültige ist. Jede Position ist auch wieder eine Startposition.

ZEIT: Was raten Sie, wenn jemand sich mit 45, 50 Jahren noch mal etwas ganz Neues machen will?

Roseneck: In einem solchen Fall ist es wichtig, sich die Risiken bewusst zu machen und abzuwägen, ob man sie eingehen will. Der Neuanfang kann erfolgreich sein – wenn er es allerdings nicht ist, hat der Betreffende ein richtiges Problem, denn die Rückkehr in sein vorheriges Berufsfeld wird schwierig.

ZEIT: Für die Jobsuche nutzen Sie vor allem Headhunter und Netzwerke . Helfen Sie bei der Bewerbung?

Roseneck: Natürlich. Wir trainieren schriftlich und mündlich mit unseren Klienten, wie man adressatenorientiert denkt und sich entsprechend präsentiert. Wichtig ist bei einer Bewerbung ja, dass man auf die Wünsche des Gegenübers eingeht. Das ist wie beim Autokauf: Ich bin zum Beispiel jemand, den die PS eines Wagens überhaupt nicht interessieren. Wenn ein Verkäufer mir dann lang und breit erzählt, wie leistungsstark der Motor ist, macht er etwas falsch.

ZEIT: Das wissen ehemalige Führungskräfte nicht längst selbst?

Roseneck: Nahezu jedem fällt es schwer, hier eine kritische Distanz zu sich selbst einzunehmen. Man neigt dazu, Erfahrungen, die für einen selbst sehr wichtig waren, besonders zu betonen, und vergisst dabei schnell, dass sie für die angestrebte Stelle womöglich unwichtig sind – und damit auch für den Personalchef, mit dem man das Bewerbungsgespräch führt.

ZEIT: Wie lange dauert es, bis jemand eine neue Stelle gefunden hat?

Roseneck: 2010 lagen bei uns durchschnittlich 4,2 Monate zwischen dem Beginn der Beratung bis zum Abschluss des neuen Vertrages. Das heißt, wir hatten Klienten, bei denen es weniger lange dauerte; es kommt aber auch vor, dass im Einzelfall zwölf Monate nicht ausreichen.

ZEIT: Woran liegt das dann?

Roseneck:Zum Beispiel am Alter. Wir finden für jeden eine Lösung, aber bei um die 60-Jährigen brauchen wir oft mehr Flexibilität – und Zeit. Und manchmal werden auch wir davon überrascht, dass sich lange keine passende Stelle findet. Das hat eben nicht nur mit dem Können des Bewerbers zu tun. Im Arbeitsmarkt mischt immer auch der Zufall mit. Das gilt besonders für Führungskräfte.