Schon vor dem Reaktorunglück in Japan gab es eine zuverlässige Methode, um ein paar zusätzliche Prozentpunkte an Wählerstimmen herauszuholen: im Brustton moralischer Empörung die "sozialen Verwerfungen" durch Studiengebühren zu brandmarken. Und dann im nächsten Atemzug deren "sofortige Abschaffung" im Falle eines Wahlsieges anzukündigen. Tatsächlich hat es seit der Einführung der Campusmaut Ende 2006 kaum eine Landtagswahl gegeben, bei der ihre Initiatoren in der Wählergunst haben zulegen können, im Gegenteil – es hagelte Niederlagen für die bürgerlichen Parteien. 2008: Hessen. 2009: Saarland. 2010: Nordrhein-Westfalen. 2011: Hamburg und zuletzt Baden-Württemberg. Wer nur halbwegs klar denken kann, weiß: Die Einführung von Studiengebühren grenzt an politischen Selbstmord.

Mit der sozialen Wirklichkeit des Bezahlstudiums hat das nur bedingt zu tun. Eindeutige Belege dafür, dass maximal 83 Euro monatlich ärmere Abiturienten von einem Studium abhalten, fehlen bis heute. Umgekehrt zeigen Umfragen wie der in der ZEIT seit 2008 veröffentlichte Gebührenkompass , dass die betroffenen Studenten eine kontinuierliche Verbesserung ihrer Studienbedingungen dank der Gebühren beobachten. Doch selbst in den zwei Bundesländern, die mithilfe zinsloser Kredite und gegebenenfalls sogar des Verzichts auf deren Rückzahlung den Verdacht sozialer Selektion nun wirklich ad absurdum geführt haben, stand am Ende die teilweise (Saarland) oder totale (Hamburg) Wahlpleite für die CDU. Kein Wunder also, dass hochrangige SPD-Politiker hinter vorgehaltener Hand schon mal eingestehen, dass ja durchaus gute Gründe für die finanzielle Beteiligung der Studenten sprächen, "aber wir wären doch dumm, auf so ein Wahlkampfthema zu verzichten".

Nun ist es unabhängig von der befürchteten oder tatsächlichen negativen Wirkung eines Bezahlstudiums natürlich das ureigene Recht der Bürger, kostenfreie Hochschulen herbeizuwählen. Was die Angelegenheit aber skurril macht: Mit derselben Vehemenz, mit der viele Deutsche die Studiengebühren ablehnen, ignorieren sie, dass sie in anderen Bereichen des Bildungssystems einen wesentlich höheren Eigenanteil für die Zukunft ihrer Kinder leisten. Beispiel Kindergärten: Nach einer gemeinsamen Erhebung der Initiative Soziale Marktwirtschaft und der Zeitschrift Eltern zahlten Familien 2010 je nach Einkommenshöhe zum Beispiel in Dortmund bis zu 1824 Euro pro Jahr für einen Halbtagsplatz, in Potsdam sogar 2316 Euro. Das entspricht den Studiengebühren von mehr als vier Semestern. Beispiel allgemeinbildende Privatschulen: Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl ihrer Schüler in den vergangenen 15 Jahren um fast 50 Prozent gewachsen und lag zuletzt bei über 700.000. Die Schulgelder variieren stark, können sich aber schnell auf 2000 Euro und mehr pro Jahr summieren.