Diesen Film betritt man wie einen tiefen Gebirgswald. Zögernd und behutsam tasten Mensch und Lasttier sich durchs steile Gelände: Ein Honigsammler und sein Sohn lesen die Zeichen des anatolischen Waldes. Was dem kleinen Jungen draußen, an der Hand des Vaters, mühelos gelingt – Fährten lesen, Vogelflug verstehen, Tiere und Pflanzen erkennen –, misslingt jedoch in der Schule. Die Buchstaben bleiben fremdes Terrain. Das Kind sondert sich ab. Wohl ist ihm nur im "väterlichen" Wald. Mit der Abwesenheit des Vaters und der Suche nach ihm verschieben sich die Gewichte von Semih Kaplanoğlus Berlinale-Gewinner Bal – Honig (absolut medien). Es ist ganz offenkundig, dass der Vater nicht einfach geflohen sein kann, schließlich ist er ein Waldläufer, der nie und nimmer "in die Welt hinaus", sondern allenfalls immer tiefer "in den Wald hinein" gehen würde. Es bedeutet für den Zuschauer eine ungewöhnliche Herausforderung, dem stillen Spiel und Fluss all dieser Zeichen nachzuspüren. Und dieser stete und leise Appell an unsere Sinne bewirkt, dass wir selbst, vorübergehend, zu Waldläufern, zu Fährten lesenden Kindern und aufmerksamen Lehrern werden – ganz wie jene, die aus dieser anatolischen Ferne zu uns sprechen.