Entspann dich, Alter!

Der gestrige Tag hat mir sechs Stunden gebracht. Heute kommen noch einmal sechs Stunden hinzu. Auch morgen werden mir sechs Stunden geschenkt. Mit jedem Tag, den wir leben, werden wir älter – und zugleich verlängert sich unser Leben. Es ist zwar möglich, dass wir morgen von einem Bus überfahren werden, aber statistisch betrachtet, gewinnen wir unaufhaltsam Lebenszeit hinzu: zweieinhalb Jahre pro Jahrzehnt, drei Monate pro Jahr, sechs Stunden pro Tag. Dieser Trend hält seit anderthalb Jahrhunderten an, ungebrochen – dank medizinischen Fortschritts, abnehmender Kindersterblichkeit, zunehmenden Wohlstands. Und wer weiß, was geschieht, wenn erst die Mensch-Maschine-Grenze überschritten wird und das Handy uns ins Ohr flüstert, was unser Gehirn vergessen hat?

Künftige Generationen könnten nahezu unsterblich werden. Heute geborene Kinder werden mit hoher Wahrscheinlichkeit hundert Jahre alt. "Wir erleben gerade den größten Triumph der modernen Zivilisation", sagt James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock.

So euphorisch kann man über ein Thema reden, das die wenigsten Menschen mögen: das Altern. Viele Altersforscher, ob Statistiker, Psychologen oder Mediziner, neigen zu einer hoffnungsvollen, neugierigen Sicht, wenn es um ihr Thema geht. Wer aber gerade darum kämpft, dass der demente Vater ein Zimmer in einem Pflegeheim bekommt, der kann diesen Optimismus kaum nachempfinden.

Es gibt auch noch die andere Art, auf das Alter zu blicken, die apokalyptische Sicht. Sie geht von einer unauflösbaren Konkurrenz zwischen Älteren und Jüngeren aus, spricht vom "Krieg der Generationen" , vom bevorstehenden "Aufstand der Jungen". Die Älteren würden sich auf Kosten der Jüngeren ein schönes Leben machen. Von "Seniorenlawine" ist dann die Rede, von "Ausbeutung". Meist sind es Publizisten, Ökonomen oder jüngere Politiker, die sich die alternde Gesellschaft als Gerontokratie ausmalen – und damit die Wut der Älteren auf sich ziehen. Produktiv ist das nicht. Das Drohen mit einer demografischen Katastrophe hat schon viel zu lange verhindert, dass wir uns ernsthaft miteinander auseinandersetzen, über die Generationengrenzen hinweg. Wir müssen diese Diskussion führen, denn unsere Gesellschaft wird bald anders aussehen, als wir sie kannten. Die Älteren werden darin mehr Macht haben als heute: politische Macht, wirtschaftliche Macht, kulturelle Macht. Entscheidend ist aber: Sind die Älteren bereit, mit ihrem wachsenden Einfluss auch die entsprechende Verantwortung zu übernehmen?

Von wem sprechen wir eigentlich, wenn wir "Ältere" sagen? In manchen Branchen gelten Arbeitnehmer schon mit vierzig Jahren als "älter". "Alt" war man nach allgemeinem Verständnis lange Zeit, wenn man aus dem Erwerbsleben ausgeschieden war. Diese Wahrnehmung verschiebt sich gerade: Heute werden 70-jährige Pensionäre, die sich bester Gesundheit erfreuen, noch als "junge Alte" bezeichnet. Die sprachliche Grenze für die Zuschreibung "alt" liegt inzwischen jenseits der 75.

Weil fast alle Veröffentlichungen, die das Altern und die Macht der Älteren in den Mittelpunkt stellen, heftige Reaktionen auslösen, hier ein Wort zu mir selbst: Ich bin 44 Jahre alt. Seit etwa vier Jahren bin ich so weitsichtig, dass ich ohne Brille fast nichts mehr lesen kann – was mich nicht daran hindert, die Brille dauernd zu vergessen und dann im Restaurant auszuflippen, wenn ich die Speisekarte nicht entziffern kann. Meine 19-jährige Tochter ist vor Kurzem von zu Hause ausgezogen, was mich stärker getroffen hat, als ich es erwartet hatte. Und es hat mich auch schon einmal ein Personalentwickler darüber aufgeklärt, dass Menschen in meinem Alter sich bemühen müssten, geistig flexibel zu bleiben.

All dies – körperliche Beeinträchtigung, Auszug des jüngsten Kindes, Zweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit durch Menschen in der Umgebung – sind, aus der Sicht der Altersforscher, Merkmale dafür, dass ein Mensch in eine andere Lebensphase wechselt, das Leben der Älteren . Natürlich fühle ich mich nicht besonders alt. Doch auch das ist typisch: Die meisten Älteren nehmen sich ungefähr neun Jahre jünger wahr, als sie sind. Ich habe – soll das heißen – keinen Grund, alte Menschen mit jenem "herzlosen Hochmut" zu betrachten, den die 69-jährige Schriftstellerin Monika Maron in den Augen von 35-Jährigen aufblitzen sah.

Die Zukunft hat eine harte, statistische Seite, die demografische Entwicklung, und eine soziale, weichere Seite: die Software des Zusammenlebens, die Gepflogenheiten des Umgangs in einer Gesellschaft mit relativ vielen Älteren und relativ wenigen Jüngeren. Dazu gehören auch vernünftige Vereinbarungen für die Verteilung des Geldes.

Die statistische Seite ist, falls sich in nächster Zeit keine Kriege oder Katastrophen ereignen, gut berechenbar. Sie wird bestimmt durch zwei Trends: die steigende Lebenserwartung und die in Deutschland seit den siebziger Jahren ständig sinkende Geburtenrate. 1970 machten die Jungen fast ein Drittel der Bevölkerung aus, nur 13 Prozent waren über 65. Heute gibt es bereits weniger Junge (19 Prozent) als Ältere und Alte (21 Prozent). Im Jahr 2030 werden ungefähr 29 Prozent der Menschen älter als 65 Jahre sein, knapp 17 Prozent jünger als 20. Kinder auf der Straße werden ein Hingucker sein.

Wer schon heute einen Blick ins Jahr 2030 werfen will, der muss nach Bad Sassendorf zwischen Münster- und Sauerland fahren, in die demografisch älteste Gemeinde in Nordrhein-Westfalen. Dort ist jetzt schon jeder dritte Einwohner älter als 65. Und Bad Sassendorf ist ein Beispiel für eine missglückte Organisation des Zusammenlebens von Alt und Jung.

Die Kleinstadt hat sich ganz auf die Bedürfnisse Älterer eingestellt – ohne sich mit den sozialen Nebenwirkungen abzugeben. Dass im Stadtzentrum für viel Geld Bordsteine und Barrieren entfernt wurden, damit Rollstühle und Rollatoren freie Bahn haben, kommt immerhin auch Fahrradfahrern und Paaren mit Kinderwagen zugute. Von denen finden sich hier nur nicht mehr allzu viele: Es hat ein Verdrängungswettbewerb zugunsten der Älteren eingesetzt. Fünf Senioreneinrichtungen gibt es in Zentrumsnähe, und ständig wächst die Zahl der teuren Komfortwohnungen für Alte. Günstige Mieten und erschwingliches Bauland findet man nur noch am Stadtrand. "Ballspielen verboten" steht auf einem Schild am Rande eines Vorstadt-Spielplatzes. War solches Denken nicht in den siebziger Jahren unter dem Einfluss der Rappelkiste untergegangen, und zu Recht?

 

Immerhin gibt es hier draußen am Rande der Kleinstadt überhaupt noch Spielplätze – Zentrum und Kurpark seien mittlerweile nämlich spielplatzfrei, klagen die Mütter im Neubaugebiet. Der letzte Kindergarten in der Innenstadt, die von Altenheimen umzingelte "Tummelecke", soll im kommenden Jahr schließen. Auch die Grundschule ist weit draußen. Die einzige weiterführende Schule in Bad Sassendorf wird wohl bald aufgelöst, es fehlen die Schüler.

Das unglücklichste Symbol falsch verstandener Altenfreundlichkeit ist der Brunnen in der Fußgängerzone, in dem im Sommer Kinder planschen dürfen. Doch zwischen 12 und 15 Uhr werden die Fontänen abgestellt, damit das Kindergeschrei nicht die Mittagsruhe der Anwohner stört.

In Bad Sassendorf gibt es reichlich Speisekarten mit Seniorentellern, extrabreite Seniorenparkplätze vor Supermärkten und Schwimmbädern, ein prächtiges Freizeitangebot für Ältere – "aber nur zehn Kita-Plätze für unter Dreijährige. In einer Stadt mit 12.000 Einwohnern!". Darüber beklagt sich, ausgerechnet, der Seniorenbeauftragte der Stadt, Kai-Uwe Groll, der ein Seniorenzentrum leitet. Er ist davon überzeugt, dass die einseitige Ausrichtung weder Alt noch Jung guttut. Er sagt: "Es muss doch ein Zusammenspiel geben."

Zu viel Altenfreundlichkeit liegt nur scheinbar im Interesse der Älteren. Das Kunststück der Zukunft wird ja nicht in der Konstruktion pfiffiger Treppenlifte bestehen, sondern darin, einen Mix der Generationen hinzubekommen: darin, die Jungen zu den Alten zu locken und die Alten auch für Junge zu interessieren, die nicht ihre eigenen Kinder oder Enkel sind.

Wer heute 70 Jahre alt ist, ist so fit wie ein 60-Jähriger vor einem halben Jahrhundert. Das sagen Deutschlands Altersforscher übereinstimmend. Wer gesund und guten Mutes bleiben will, kann dies durch Sport und richtige Ernährung befördern – vor allem aber durch aktive Anteilnahme an den Belangen seiner Familie, der Nachbarschaft und der Umwelt. Das Gefühl, trotz fortgeschrittener Jahre "eingebunden" zu sein in den Gang der Dinge, ist wesentlich für das geistige und seelische Wohlbefinden. Alte Menschen mögen spontan erfreut sein über Parkplätze, Barrierefreiheit, Mittagsruhe. Sie mögen ihre Macht als sogenannte Premiumkonsumenten genießen. Aber wenn es ganz still geworden ist in ihrem liebevoll gestalteten Stadtzentrum, dann werden sie merken, wohin sie gezogen sind: in ein teuer bezahltes Altenreservat.

Wer nicht im Ghetto leben will – ich zum Beispiel will es ausdrücklich nicht–, wird Konflikte auf sich nehmen müssen, die Mühsal von Kompromissen: Kinder und Ältere haben verschiedene Bedürfnisse. Die Zauberformel heißt Rücksichtnahme. Es spricht nichts dagegen, dass Kinder mittags mal ruhig sind. Es spricht alles dagegen, dass sie sich in ihrer eigenen Stadt wie Außerirdische fühlen.

Woher rührt eigentlich die Sturheit, die wir in Fragen der Rücksichtnahme bei vielen Älteren, aber natürlich niemals bei uns selbst ausmachen? Existiert er überhaupt, der Altersstarrsinn, oder ist das eine typisch altenfeindliche Unterstellung? Es gibt jedenfalls Themen, deren bloße Erwähnung zu so reflexhaften Protesten vieler Älterer führt, dass ein vernünftiges Gespräch zwischen den Generationen nicht mehr möglich ist.

Diese Erfahrung machte im vergangenen Jahr der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Klaus-Peter Hesse von der CDU, 43 Jahre alt. Hesse ist Verkehrsexperte seiner Partei und setzte sich für barrierefreie Busse ein und für längeres Ampelgrün, damit auch langsamere Fußgänger und Kinder sicher über die Straße kommen. Das macht ihn noch nicht der Altenfeindlichkeit verdächtig. Aber dann drückte Hesse aus Versehen einen Reflexknopf: Er nahm die Wörter "Führerschein" und "Senioren" in den Mund – in einem Satz.

Schon klar: Niemand möchte pauschal eine Kompetenz abgesprochen bekommen, bloß weil er ein bestimmtes Lebensalter erreicht hat. Reaktions- und Sehvermögen lassen mit den Jahren nach, aber nicht bei allen Menschen gleich schnell. Die allgemeine Behauptung, Ältere seien schlechte Autofahrer, ist deshalb verletzend.

Im Straßenverkehr gehören die älteren Autofahrer zur Risikogruppe

Aber Hesse pauschalisierte nicht. Er hatte in seiner Stadt Beobachtungen gemacht, mehr nicht: Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte ein 73-jähriger Autofahrer beim Ausparken einen 4-Jährigen übersehen und überrollt. Der Junge starb. Im Jahr zuvor war eine 83-jährige Frau mit ihrem Rover rückwärts in ein Restaurant gerast und hatte eine Radfahrerin mit sich gerissen, die am Kopf schwer verletzt wurde. Im vornehmen Hamburger Stadtteil Blankenese setzte ein 78-jähriger Mann seinen Mercedes durch die Fensterfront eines Lokals und tötete eine Frau, die gerade in der Speisekarte las. Hamburger Rettungswagenfahrer machen fast täglich die Erfahrung, dass ältere Autofahrer Blaulicht und Martinshorn nicht wahrnehmen.

Das Thema ließ Hesse nicht mehr los. War es bloßer Anekdotenstoff, eine Sammlung von schlimmen Zufällen – oder gab es hier ein ernsthaftes Problem? Der Verkehrsexperte studierte die Hamburger Unfallstatistiken und stieß auf eine deutlich gestiegene Zahl von "Seniorenunfällen" in den vergangenen Jahren. Die Befunde des Statistischen Bundesamtes sprachen dieselbe Sprache: Die größte Risikogruppe unter den Autofahrern sind zwar immer noch die 18- bis 24-Jährigen – allerdings hat sich die Zahl der "Hauptverursacher von Unfällen mit Personenschaden" in jener Altersgruppe seit 1980 fast halbiert. Bei den Fahrern über 65 hat sie sich verdreifacht. In zwei von drei Fällen tragen Autofahrer über 65, die in einen Unfall verwickelt sind, die Hauptschuld.

Also schlug Hesse vor: Ältere Autofahrer, die sich nicht mehr sicher fühlen und freiwillig auf ihren Führerschein verzichten, sollen zum Ausgleich ein Jahr lang kostenlos mit Bussen und Bahnen fahren dürfen. "Ich wollte den Leuten nichts vorschreiben und nichts wegnehmen", sagt der Abgeordnete.

 

Trotzdem schlug eine Welle der Empörung über ihm zusammen. Wo auch immer er im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf auftauchte, bekam er von Rentnern genau dies zu hören: "Sie sind also der, der uns den Führerschein wegnehmen will!" Das Hamburger Abendblatt druckte genüsslich Leserbrief um Leserbrief, fast alle von erbosten Alten.

Wohlgemerkt: Hesse hatte keinen Fahrtüchtigkeitstest gefordert, wie er in Großbritannien und Italien für Autofahrer vom 70. Lebensjahr an vorgeschrieben ist, kein Gesundheitszeugnis, nichts Verbindliches. Er wollte Jahreskarten für den Hamburger Nahverkehr verschenken, Karten, die Schüler und Studenten selbst bezahlen müssen.

Es schien so, als wolle sein Publikum ihn missverstehen – und die, die ihn verstanden, waren oft empört darüber, dass es das kostenlose Ticket nur für ein Jahr geben sollte und nicht für immer. Das Verstörende, findet Hesse heute, sei aber gar nicht der Ärger der Älteren, sondern die Angst der Jüngeren vor diesem Zorn, ihr vorauseilender Gehorsam. Kaum war sein Vorschlag in der Welt, da gab es heftige Proteste aus der Partei. CDU-Kollegen nannten die Aktion "nicht wahlkampfförderlich", auch das Bürgermeisterbüro meldete sich irritiert. Sogar Hesses eigene Mutter, Jahrgang 1936, riet ihm: "Lass die Finger von den Senioren, das schadet unserer Partei."

Woher rührt nur die Entrüstung bei den Reflexthemen, warum werden Politiker jedes Mal panisch? Genau genommen, sind die Älteren doch gar kein grauer Block mit einheitlichen Interessen. Sie sind so vielfältig wie die ganze Bevölkerung: klug oder dumm, gut oder schlecht gebildet, arm oder reich, politisch links oder rechts, vom Arbeitsleben deprimiert oder zukunftsfroh. Sie haben Enkel oder nicht, sind Leistungssportler oder hinfällig. Sie wählen meist, was sie immer gewählt haben: ganz unterschiedliche Parteien. Und da sie weit zahlreicher als die Jüngeren zur Wahl gehen, müssen sie auch keineswegs befürchten, dass ihr Votum unter den Tisch fällt.

Woher also dieses einvernehmliche Gefühl des Beleidigtseins, wann immer es um die Rente geht, um die Zumutbarkeit von diesem und jenem? Hat all dies wirklich mit der Sorge zu tun, die materielle Lebensgrundlage werde sich verschlechtern – jetzt, da man nicht mehr viel dagegen tun kann? Die Regierung sprach immerhin vor zwei Jahren eine gesetzliche Garantie für die Renten aus, gesenkt werden dürfen sie nicht.

Fast nichts regt die Alten so auf wie die Rente mit 67

Aber vielleicht geht es in Wahrheit auch gar nicht ums Materielle. Vielleicht ist es der Schmerz, nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, der ein Phantomleiden herbeiführt: die Furcht vor dem sozialen Abstieg. Vielleicht ist unsere Gesellschaft so sehr auf Arbeit fixiert, dass sie jedem "Unproduktiven" das Gefühl gibt, überflüssig zu sein. Vielleicht leiden Paare, die fern von ihren Söhnen, Töchtern und Enkeln alt werden, unter ihrer Einsamkeit. Vielleicht zerren die Gebrechen des Älterwerdens viel stärker an den Nerven als die kleine Zumutung, Speisekarten nicht mehr mühelos lesen zu können.

Die Generation der Älteren, die demnächst in den Ruhestand geht , ist frei, sich zu entscheiden. Sie kann auf den deutschen Produktivitätswahn pfeifen und sich mit einem guten Buch in den Garten zurückziehen. Oder sie gesteht sich ein, dass Ruhestand eben doch kein Urlaub ist, und sucht sich Beschäftigung – in Familie, Verein, Partei oder Beruf. Dass Rentner diese Wahl haben, ist ein Grund für gute, nicht für schlechte Laune.

Die etwas Jüngeren – wir – werden diese Freiheit nicht mehr haben. Zum Teil ist das unsere eigene Schuld, weil wir, die wir den geburtenstarken Jahrgängen angehören, zu wenige Kinder bekommen haben. Aber wir müssen auch die Renten für die – glücklicherweise! – gesunde und langlebige Elterngeneration aufbringen. Es ist ja die Gruppe der aktuell Beschäftigten, die mit ihren Beiträgen die Altersversorgung finanziert: Im Augenblick kommen 27 Millionen sozialversicherungspflichtige Beitragszahler für 20 Millionen Rentner auf. Die Vorstellung von der Rente als einer Art Sparvertrag, in den man einzahlt, um dann ein garantiertes Ergebnis zu erzielen, ist zwar weit verbreitet, aber falsch. Wir investieren nicht, wir nehmen, was übrig bleibt.

Meine Generation wird im Schnitt länger arbeiten müssen als bis zum 65. Lebensjahr. Die "Rente mit 67" betrifft uns , keinen einzigen Ruheständler von heute. Sie soll bis 2029 (!) wirksam werden und ist nur eine vorsichtige – nach Meinung vieler Experten noch viel zu zaghafte – Annäherung an die neue Wirklichkeit, an die steigende Lebenserwartung und den Geburtenrückgang. Es hilft uns nicht, wenn ausgerechnet diejenigen über das Rentendilemma klagen, die gar keinen Nachteil erleiden.

Aber sie hören nicht auf zu klagen. Deshalb ist die Diskussion über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit ein so frustrierendes Beispiel dafür, dass der Dialog zwischen den Generationen nicht funktioniert: Politiker von SPD und CDU berichten übereinstimmend, dass es (außer dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan) nur eines gebe, was die Älteren in Ortsvereinen und Ortsverbänden auf die Palme bringe – die Rente mit 67.

Einer, der sich darüber nicht beschwert, ist der ehemalige Vizekanzler und heutige Bundestagsabgeordnete Franz Müntefering von der SPD. Er ist 71, ein Mann im Rentenalter. Seine Partei, die für die Politik der "Agenda 2010" und die "Rente mit 67" bei der letzten Bundestagswahl hart bestraft wurde, ist gerade dabei, ihre politische Linie beim Thema Lebensarbeitszeit aufzuweichen.

Müntefering hat sich vorgenommen, eine neue Debatte über den Sinn der gewonnenen Jahre anzustoßen. Es sei im Interesse der Älteren, neugierig und lernfähig zu bleiben, sagt er, im Interesse der Gesellschaft auch: "Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl. Solange der Kopf klar ist, ist man mitverantwortlich."

 

Müntefering weiß, dass manche alte Menschen zu krank oder zu traurig sind, um teilzunehmen am gesellschaftlichen Leben. Er weiß, dass manche Renten so niedrig sind, dass es keinerlei Kürzungsspielraum mehr gibt. Müntefering ist keiner von denen, die in neoliberalen Fantasien schwelgen oder Junge lustvoll gegen Alte ausspielen. Trotzdem sagt er diese beiden Sätze: "Wenn man ehrlich ist, muss man die in den vergangenen Jahren vermiedenen Senkungen nachholen. Das heißt: Die Renten können vorerst nur langsamer steigen als die Löhne." Könnte er so etwas auf einer Sitzung in einem SPD-Ortsverein aussprechen, ohne gleich in Stücke gerissen zu werden? Gehört die (dank der Rentengarantie bloß noch theoretische) Rentensenkung nicht ins Museum der Horrorthemen? "Die Frage ist immer: Ist man mutig genug, es richtig zu sagen?", glaubt Müntefering. "Wenn man etwas Schweres tun will, dann kann man sicher nicht pflaumenweich reden."

Münteferings Genossin, die ehemalige SPD-Sozialpolitikerin Ulrike Mascher, hat ihre Antwort schon lange formuliert. "Wer die Rentengarantie infrage stellt, muss damit rechnen, bei der Bundestagswahl abgestraft zu werden", sagte sie 2009. Mascher ist die Vorsitzende eines Lobbyverbandes, der mehr Mitglieder hat als CDU und SPD zusammen, 1,5 Millionen Menschen. Dessen Zentrale in München-Schwabing sieht so harmlos aus wie die Filiale einer Bausparkasse, aber wenn man Mascher nach der Macht ihres Verbandes fragt, dann sagt sie: "Die Rentner haben wir alle schon, nun kommen die anderen auch." VdK heißt die Organisation, ursprünglich: Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands. Was der ADAC für Deutschlands Autofahrer ist, das ist der VdK für Deutschlands Rentner.

Die jetzige Generation 50 plus ist die reichste, die es je in Deutschland gab

Allein im vergangenen Jahr kamen beim VdK 150000 Neue dazu. Bald wird der Verband so groß sein wie die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Und mindestens so schlagkräftig: Zu einer Demonstration gegen drohende Kürzungen durch die Agenda 2010 kamen im Jahr 2004 fast 30000 Menschen nach München – die größte Rentnerdemo in der Geschichte der Bundesrepublik. "Wenn wir etwas wollen, dann geht es sofort um Millionen", sagt die 72-jährige VdK-Präsidentin – und hat keinerlei Sorge, dass irgendwer diesen Satz maßlos finden könnte. Aus ihrer Zeit als Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales – in den Jahren 1998 bis 2002 – kennt sie noch die richtigen Leute. Damals brachte ihre Regierung allerdings auch manche Gesetzgebung auf den Weg, die Maschers Verband heute bekämpft.

Ulrike Mascher ist ziemlich gut darin, Einzelinteressen als Gemeinwohl zu verkaufen. Wird sie bei der Bundeskanzlerin vorstellig, darf sie auf Gehör hoffen. So war es auch bei ihrer Kampagne gegen Altersarmut. Dieses Thema entdeckte die VdK-Präsidentin vor drei Jahren und brachte es mit Plakaten, Flugblättern und Veranstaltungen auf die Tagesordnung der Politik. Mit Absicht stellte der VdK dabei eine Verbindung zur Kinderarmut her. "Die armen Kinder von heute sind ja die armen Rentner von morgen", sagt Mascher.

Ein leerer Satz. Tatsächlich werden aus benachteiligten Kindern nur dann benachteiligte Ältere, wenn dem Staat das Geld oder der Wille fehlt, sie zu fördern.

Mascher trifft sich oft mit führenden Leuten im Bundesministerium für Soziales, und ihre Gespräche zahlen sich aus: Schon in diesem Monat wird eine neue Regierungskommission zusammenkommen, die sich nicht der Kinder-, sondern allein der Altersarmut widmet.

Das ist, im Sinne der Interessenvertretung, legitim, aber es hat auch eine Komponente von Wahnwitz. Denn Altersarmut kommt in Deutschland weit seltener vor als in anderen Industrienationen. Das haben Wirtschaftswunder und Sozialstaat erreicht. Nur zweieinhalb Prozent der 20 Millionen Rentner beziehen Grundsicherung, Sozialhilfe für Ältere. Ihre finanzielle Situation zu verbessern ist ein ehrenhaftes Anliegen – sie aber zu einem Sinnbild für die trostlose Lage einer ganzen Generation zu stilisieren ist grotesk.

Tatsächlich ist die Generation 50 plus die reichste Generation von Älteren, die es in Deutschland je gegeben hat. Den über 50-Jährigen gehört ein Nettovermögen von etwa zwei Billionen Euro. Jährlich geben sie, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, rund 500 Milliarden Euro für Konsumgüter und Dienstleistungen aus – das entspricht der Hälfte der deutschen Kaufkraft. 80 Prozent aller Neuwagen in Deutschland werden von Menschen gekauft, die älter sind als 50. Rund 80 Prozent aller Kreuzfahrten werden von ihnen gebucht. 18 Milliarden Euro geben sie fürs Reisen aus, das sind knapp 50 Prozent der Jahresumsätze in der Tourismusbranche.

Dass auch VdK-Mitglieder nicht mehr auf jeden Cent schauen müssen, erfährt der Verband schmerzhaft am Beispiel seiner eigenen Mittelklassehotels. Dort konnten Mitglieder zu günstigen Preisen einfachen Urlaub machen – in der Rhön, im Bayerischen Wald. Inzwischen muss der VdK viele seiner Häuser verkaufen, die Gäste bleiben aus. Ein Einzelzimmer für 37 Euro pro Nacht (mit Frühstück) im VdK-Hotel bei Berchtesgaden ist offenbar weniger attraktiv als Entspannung in der Toskana oder Wellness auf Mallorca.

Den Autoren des Sechsten Altenberichts der Bundesregierung aus dem Dezember 2010, der sich mit "Altersbildern" beschäftigt, ist der Reichtum vieler Älterer geradezu unheimlich: Beschwörend weisen sie darauf hin, das Alter sei zwar nicht gleichzusetzen mit "Verfall, Krankheit und Abseitsstehen", aber eben auch nicht mit "Vergnügungssucht und Kreuzfahrten auf Luxuslinern".

Ihr Wohlstand verschafft den Älteren Einfluss. Komfort. Unabhängigkeit. Aber er bringt ihnen auch Neid. Die reichen Alten ziehen den Unmut von Jüngeren auf sich, die mehrfach finanziell belastet sind – die gleichzeitig Kinder versorgen, sich im Beruf etablieren müssen und die Rentenbeiträge zahlen. Unter den Jüngeren sind viele, die sich durch die Drohkulisse einer apokalyptischen Rentnermacht angesprochen fühlen.

Wenn die Älteren sie von pauschalen Robin-Hood-Fantasien – den Alten nehmen, den Jungen geben – abbringen wollen, dann müssen sie selbst das Thema wenden: Eine Debatte über Solidarität muss daraus werden. Schon heute schießt der Staat jährlich 80 Milliarden Euro – der gesamte Bundeshaushalt umfasst 307 Milliarden Euro – zu, um die Renten bezahlen zu können. Was läge näher, als wohlhabende Alte an dieser Kraftanstrengung stärker zu beteiligen, indem man große Vermögen höher besteuert? Diese Diskussion sollten die ziemlich gesunden, gebildeten und materiell gut ausgestatteten 70-Jährigen selbst anstoßen, laut und deutlich, und möglichst schnell. Es liegt in ihrer Macht.

Mitarbeit: Anita Blasberg, Anna Kemper, Roland Kirbach, Henning Sußebach, Stefan Willeke