"Wir kommen uns vor wie die verschütteten Bergarbeiter in Chile", sagt ein Gesandter der deutschen Botschaft in Abidjan. Er und vier seiner Kollegen sind eingeschlossen, das Handy ist ihre letzte Verbindung zur Außenwelt. Sie hören den Geschützdonner, manchmal rumpeln Militärlaster vorbei, auf den Ladeflächen liegen Leichen. "Wir können die Kanzlei nicht mehr verlassen, draußen ist Krieg."

Es ist der Montagabend dieser dramatischen Woche. In Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste, hat gerade die Entscheidungsschlacht zwischen den Regierungssoldaten des selbst ernannten Staatschefs Laurent Gbagbo und den Rebellen des rechtmäßig gewählten Präsidenten Alassane Ouattara begonnen. Seit der umstrittenen Wahl im November des Vorjahres tobt der Machtkampf zwischen den beiden Männern , nun gipfelt er im zweiten Bürgerkrieg, der dieses einst blühende Land innerhalb von knapp zehn Jahren heimsucht.

Vor zwei Wochen, nachdem alle diplomatischen Bemühungen gescheitert waren und die zunächst zögerliche Afrikanische Union Ouattara unwiderruflich als Präsidenten anerkannt hatte, gab er den Aufständischen aus dem Norden den Befehl zum Losschlagen. Sie waren für den Feldzug gut gerüstet und konnten in nur wenigen Tagen weite Teile der Elfenbeinküste erobern, darunter strategisch wichtige Orte wie die Hauptstadt Yamousoukro und den Seehafen San Pedro. Schließlich kesselten sie auch Abidjan ein, die letzte Hochburg des Wahlfälschers Gbagbo. Hier sollten sie zum ersten Mal auf massiven Widerstand seiner Armee und der Präsidentengarde stoßen. Hinzu kamen die Jeunes Patriotes, eine vieltausendköpfige Horde fanatischer Jungnationalisten, die vom ivorischen Fernsehen rund um die Uhr aufgehetzt wurden: Tut eure Pflicht! Rettet das Vaterland vor einer internationalen Verschwörung! Tötet die Invasoren! Sie taten ihre Pflicht und zogen mordend und plündernd durch Abidjan, getrieben vom Hass auf alle Fremden, Andersdenkenden und vermeintlichen Wähler Ouattaras. Und dessen militärische Kommandos schlugen ebenso brutal zurück.

Die moderne Fünf-Millionen-Metropole Abidjan verwandelte sich in eine Stadt der Angst . Niemand weiß, wie viele Menschen getötet wurden, landesweit sind über eine Millionen Bürger auf der Flucht, vielerorts herrschen Rechtlosigkeit und nackte Gewalt. Aus Douékoué, einer Stadt im Westen des Landes, wird ein Massaker gemeldet; es soll sich um Racheakte der Dozo handeln, traditioneller Jägerbünde, die in der Nachhut der siegreichen Rebellenverbände marodieren.

In Libyen hat die Weltgemeinde doch auch eingegriffen, warum helft ihr uns nicht?, fragten viele Ivorer verzweifelt. Selbst die Anhänger Ouattaras verloren das Vertrauen in die Kräfte, die bereits im Lande sind. Frankreich hat seine Opération Licorne auf 1600 Soldaten verstärkt, um französische Staatsbürger und Unternehmen zu schützen. Und die Truppe der Vereinten Nationen, die den fragilen Frieden seit dem Ende des ersten Bürgerkriegs überwacht, umfasst unterdessen 11000 Mann – eine der größten Friedensmissionen, die sie je entsandt hat. In der Resolution 1975, die der Weltsicherheitsrat vorige Woche einstimmig annahm, wurden die Blauhelme aufgefordert, ihr robustes Mandat voll auszuschöpfen. Gemeinsam mit den Franzosen griffen sie erstmals entschlossen in das Kampfgeschehen in Abidjan ein und zerstörten aus der Luft Stellungen und Waffenlager der Regierungstruppen. Und offenbar auch die Residenz von Laurent Gbagbo im Viertel Cocody. Am Dienstagabend hieß es, er habe sich mit seiner Familie in einem Kellerbunker unter den Trümmern verschanzt. Das Gelände wurde angeblich von Ouattaras Soldaten umstellt.

Ebenfalls am Dienstagabend teilt Gbagbos Generalstabschef Philippe Mangou mit, seine Truppe habe nach dem Bombardement der Franzosen und der Blauhelme die Kämpfe eingestellt und einen Waffenstillstand vorgeschlagen . Kurz darauf gibt ein Sprecher der UN-Truppen bekannt, dass drei Generale mit Emissären der Vereinten Nationen gerade die Bedingungen für eine Kapitulation aushandeln; sie fordern unter anderem ein sicheres Geleit für Ggagbo. In Paris verkündet Außenminister Alain Juppé vor der Nationalversammlung: "Wir stehen kurz davor, ihn von der Aufgabe der Macht zu überzeugen."

Und plötzlich keimt wieder Hoffnung auf in Abidjan, eine ganz leise, vorsichtige Hoffnung; die Menschen wollen noch nicht so recht an das Ende der Kampfhandlungen glauben. Und der Frieden im Lande wird schwerer zu gewinnen sein als die Entscheidungsschlacht um eine Großstadt. Denn jenseits der Manipulationen, durch die sich Gbagbo im Vorjahr den Wahlsieg erschwindelte, steht eines fest: Beinahe die Hälfte der Bürger haben dem starrsinnigen Autokraten ihre Stimme gegeben. Und sein Erzfeind Alassane Ouattara ist bislang nicht für diplomatisches Feingespür und versöhnliche Töne bekannt.

Noch ist der Albtraum in Abidjan nicht ausgestanden. "Der Krieg ist vorbei", sagt Ggabgos Außenminister Alcide Djedje in einem Interview der britischen BBC am Dienstagabend. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören.