Am Sonntag, dem 3. April, exakt um 9.55 Uhr, konnte der Karlsruher Energiekonzern EnBW in Sachen erneuerbare Energien punkten. Mit EnBW Baltic 1 nahm "der erste kommerzielle Offshore-Windpark Deutschlands" den Probebetrieb auf – rund 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß/Zingst. Grünen Strom für 55.000 Haushalte sollen die 21 Windräder in der Ostsee künftig liefern. Ebenfalls aufbieten kann man das Wasserkraftwerk Rheinfelden, das seit Jahresanfang hochläuft und für 170.000 weitere Haushalte Strom liefern soll. Mit beidem will EnBW-Chef Hans-Peter Villis belegen, dass der als Atomkonzern verschriene drittgrößte deutsche Energieversorger seinem Ziel näherkommt: den Anteil an Ökostrom von heute 10,5 Prozent bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent zu verdoppeln.

Der künftigen grün-roten Regierung Baden-Württembergs wird dies nicht reichen. Vielleicht aber helfen solche Nachrichten dem designierten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und seinem Energieexperten Franz Untersteller bei der Überzeugungsarbeit an der grünen Basis. Schließlich galt EnBW bei den baden-württembergischen Grünen traditionell als Feindbild – 2010 lag der Atomstromanteil noch bei 51 Prozent, höher als bei jedem anderen der vier großen Stromkonzerne. Nun aber soll EnBW, so die neue Parole der grünen Anführer, nicht mehr als Problem, sondern als Chance gesehen werden. So wollen sie die Umstellung eines von Atomstrom und Kohle dominierten Konzerns auf erneuerbare Energien zügig vorantreiben. Da ist sich Kretschmann mit Nils Schmid einig, dem SPD-Spitzenmann im Lande.

Dass Kretschmann dieses Projekt zufällt, hat er seinem abgewählten Vorgänger Stefan Mappus (CDU) zu verdanken . Dieser hatte dem Land in einem spektakulären Coup kurz vor der Wahl – am Parlament vorbei – den 45,1-prozentigen Anteil des französischen Stromkonzerns EDF an der EnBW für stolze 4,7 Milliarden Euro gesichert.

Bei näherer Betrachtung erweist sich diese Mappus’sche "Erblast" (Nils Schmid) immer mehr als Bürde für die neue grün-rote Landesregierung : Je zügiger der Abschied von der Atomkraft vor sich gehen soll, desto größer ist die finanzielle Sprengkraft. Und mit dem Durchgriff der Politik auf das Unternehmen ist es auch so eine Sache. Der zweite Großaktionär der EnBW, die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW), ein Zweckverband aus neun Kreisen im Süden des Landes und fast durchweg von der CDU dominiert, hält ebenfalls 45,1 Prozent. Dem Aktiengesetz folgend, machte das Land auf seinen Kauf hin ein Übernahmeangebot für die restlichen Aktionäre – meist Kommunen und regionale Verbände. Zwar dürfte ein Teil davon das Angebot bis zum 6. April (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) angenommen haben, die Mehrheit wird das Land bei EnBW trotzdem nicht erreichen. An diesem Punkt ist mittlerweile Ernüchterung bei den grün-roten Energiestrategen eingekehrt. Grund dafür ist ein Aktionärspakt, den seinerzeit die EDF mit den OEW abgeschlossen hatte: Dieser verpflichtet das Land, die Hälfte der eingesammelten Anteile an die Oberschwaben abzugeben – sofern sie dies wünschen. Am 9. April will die Verbandsversammlung der OEW darüber befinden, wie deren Geschäftsführerin Barbara Endriss bestätigt. Dass sie zugreifen wollen, gilt als wahrscheinlich. An der Standhaftigkeit der Landräte waren auch schon die weitergehenden Ambitionen des französischen Energiegiganten EDF gescheitert.

Kretschmann kündigte schon an, "nicht auf Konfrontationskurs" gehen zu wollen, und auch die Oberschwaben teilten mit, dass man auf ein "faires und partnerschaftliches Miteinander" mit der neuen Regierung setze. Im Übrigen hätten die OEW "die Investitionen in erneuerbare Energiequellen immer voll unterstützt", sagt Geschäftsführerin Endriss.

Die Gründe für die gemäßigten Töne liegen auf der Hand: Die 20.000 Arbeitsplätze beim Energieversorger wollen beide Großaktionäre nicht aufs Spiel setzen. Ein schneller Börsengang oder gar eine Zerschlagung von EnBW komme nicht in Frage, sagt die SPD. Und alle wissen, dass der Umbau zum Öko-Konzern gewaltige Investitionen erfordert. Aber "noch weiß keiner, wo das Geld herkommen soll", heißt es aus dem grün-roten Lager.

Hier wird es knifflig: Das Land hat die EnBW-Anteile auf Pump gekauft, die Zinsen – so war das Kalkül von Stefan Mappus – sollten aus den Dividenden des Konzerns bezahlt werden. Doch so wie es nun aussieht, geraten die Gewinne von EnBW unter Druck. "Deutlich mehr als die Hälfte des Gewinns entfällt allein auf den Betrieb der vier konzerneigenen Kernkraftwerke", schreibt Professor Uwe Leprich von der Beratungsfirma E&E Consult in Saarbrücken, der im Auftrag von Greenpeace ein Gutachten erstellt hatte.

 Rückabwicklung des Aktiendeals?

Zwei der Atommeiler von EnBW, Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1, stehen nach dem von der Bundesregierung angeordneten Moratorium derzeit still . "Das Unternehmen rechnet mit deutlichen Ergebnisausfällen schon während des Moratoriums", sagt EnBW-Aufsichtsratschef Claus Dieter Hoffmann. Vor allem wenn auch der jüngere Meiler Philippsburg 1 auf Dauer ausgeschaltet würde, träfe es das Unternehmen hart. Doch eben darauf laufen die grün-roten Pläne hinaus – geht es danach, sollen auch die beiden übrigen Kernkraftwerke im Lande bis spätestens 2017 vom Netz.

Will man nicht künftig in großem Maße Strom aus Kohle- oder Atomkraftwerken aus dem Ausland zukaufen , sind hohe Investitionen in alternative Energien erforderlich. Das könnte, so schwant inzwischen einigen aus dem grünen Lager, sogar eine Kapitalerhöhung erfordern. Aber woher das Geld nehmen? Durch den – nach Ansicht von Grün-Rot und vielen Experten überteuerten – Kauf der EDF-Anteile stehen schon 4,7 Milliarden Schulden für das Land zu Buche. Und der Preis für die jetzt angedienten Aktien kommt oben drauf. Auch der Zweckverband der OEW hat bereits deutlich mehr als 400 Millionen Euro Schulden, und in den Etats der Landkreise sind die Einnahmen aus ihrer Beteiligung fest eingeplant.

Die finanziellen Zweifel gehen mittlerweile so weit, dass im grün-roten Lager auch schon eine auf den ersten Blick abstruse Option erwogen wird: eine erzwungene Rückabwicklung des Aktiendeals mit der EDF. Rein rechtlich erscheint das angesichts des umstrittenen Vorgehens von Mappus realistisch, und der französische Monopolist hätte genügend Finanzkraft, um dem Umbau von EnBW zu finanzieren. Doch wie soll man der Basis klarmachen, dass man ausgerechnet bei einem Konzern Beistand sucht, der in Frankreich zu fast 90 Prozent auf Atomkraft setzt?

Am 19. April steht die Hauptversammlung von EnBW an. Die neue Landesregierung wird aber frühestens Mitte Mai die Geschäfte übernehmen. Vergeblich hatten Grüne und SPD vor der Landtagswahl auf eine Verlegung gedrängt. So kommt es, dass bislang noch die fünf von der CDU/FDP-Regierung im Februar auserkorenen Vertreter auf der Liste zur Wiederwahl in den Aufsichtsrat stehen: ein Ökonom, zwei Unternehmer und zwei Mitglieder der bisherigen Regierung: Staatsminister Helmut Rau (CDU) und Justizminister Ulrich Goll (FDP). Der Wissenschaftler hat bereits seinen Verzicht erklärt, und die beiden Unternehmer wollen nicht gegen ein grün-rotes Veto antreten. Die scheidenden Minister allerdings zögern noch mit einem Verzicht: "Herr Minister Rau übt sein Aufsichtsratsmandat bis auf Weiteres aus", sagte ein Sprecher der Landesregierung Ende vergangener Woche. Sein Kabinettskollege Goll von der FDP sagte immerhin, er sei "gesprächsbereit".

Sollten die abgehalfterten Minister stur bleiben, läge das außerhalb jeglicher demokratischer Gepflogenheiten, wettert der designierte stellvertretende Ministerpräsident Nils Schmid bereits. Insider rechnen jedoch damit, dass sich das Problem spätestens am 12. Mai, wenn die alte Landesregierung abtritt, lösen wird. EnBW-Chef Hans-Peter Villis dagegen scheint es sich nicht gleich mit den neuen Mächtigen im Lande verderben zu wollen. Während RWE-Chef Jürgen Großmann gegen das von der Bundesregierung verhängte Moratorium vor Gericht zieht , geben sich die Karlsruher vorsichtig. "Wir prüfen den Bescheid. Dies ist ein üblicher Vorgang und nicht gleichzusetzen mit der Prüfung oder Vorbereitung einer Klage."