Am 13. April 1967 hielt der fünfundvierzigjährige Hans Robert Jauss in Konstanz seine Antrittsvorlesung als Professor für Allgemeine und Romanische Literaturwissenschaft über die auf den Titel von Schillers Jenenser Antrittsvorlesung verweisende Frage: "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturgeschichte?" Obwohl die gerade in hastiger Euphorie gegründete Reformuniversität noch kaum Hörer hatte, sonnte sie sich schon in dem Anspruch, "Klein-Harvard am Bodensee" zu werden, und zeigte bald Sympathien für die Hochschulprotestbewegung, die wenige Wochen später in Berlin auf den Weg kam, als die Polizei Demonstrationen gegen den Besuch des Schahs von Persien mit tödlicher Gewalt niederschlug.

Nichts verbaten sich die neun Konstanzer Professoren leidenschaftlicher als den Gebrauch akademischer Titel und mithin den Verdacht, je auch nur um Haaresbreite hinter dem fortgeschrittensten demokratischen Fortschritt zurückgeblieben zu sein. Dieser uns fremd gewordene, im Blick auf die Vergangenheit immer kritische und hinsichtlich der Zukunft immer optimistisch-anspruchsvolle Gestus prägte die Antrittsvorlesung von Jauss, die unter dem Titel Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft veröffentlicht und rasch in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurde – einer der großen Erfolge in der Geschichte der deutschen Geisteswissenschaften. Die während des 19. Jahrhunderts so gefeierte Gattung der Literaturgeschichte, hieß es dort, sei mit der Abtrennung ihrer historischen von ihren ästhetischen Perspektiven in eine tiefe Krise geraten und könne zu neuem Leben nur finden, wenn sie sich – inspiriert von herausragenden Figuren vor allem aus der marxistischen Tradition wie Siegfried Kracauer (1889 bis 1966) oder dem Romanisten Werner Krauss (1900 bis 1976) und in entschlossener Absetzung von der damals allenthalben hoch geschätzten Motivgeschichte im Stil des Romanisten Ernst Robert Curtius (1886 bis 1956) – auf die Untersuchung der "gesellschaftsbildenden Funktion" von Literatur einlasse. Die Forderung machte den Text von Jauss zum Ursprungsmanifest der "Rezeptionsästhetik", zum Programm zur Erforschung jener historischen Rollen, welche die Leser für die Literatur als deren Adressaten und bei der Entfaltung ihrer Bedeutungen gespielt haben. Bis heute gehört die Rezeptionsästhetik weltweit zu den Pflichtthemen in jedem literaturtheoretischen Einführungskurs und hat so zugleich institutionelles Gewicht gewonnen und intellektuelle Attraktivität verloren. Jauss selbst schien damals besonders eine paradoxale Formel zu faszinieren, auf die er die interpretatorische Logik von Frage und Antwort seines philosophischen Lehrers Hans-Georg Gadamer zugespitzt hatte: Literaturwissenschaft solle ihre Studenten dazu bringen, "selbst die Fragen zu finden", also jene "Wahrnehmungen der Welt" und jene "zwischenmenschlichen Probleme", welche hinter den literarischen Texten stünden. Oder umgekehrt – und für uns nicht weniger eigensinnig – formuliert: Sie sollte sich die Erfahrung eines Problems zunächst strikt untersagen, um seine Lösung umso mehr schätzen zu können. Die meisten Schüler von Jauss ließen sich auf diesen Vorschlag zur Umkehrung historischer Plausibilität ein, ohne sie intellektuell ganz nachvollziehen zu können. Doch das war typisch für die Aura der Rezeptionästhetik: Sie strahlte eine Energie aus, in der selbst Zweifel anziehend wurden.

Jauss hatte sein Studium 1948 in Heidelberg begonnen, um schon vier Jahre später mit einer Arbeit über Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit zu promovieren, in der es auch schon um ein komplexes Verhältnis zwischen Zeitstrukturen und subjektiver Erfahrung gegangen war. Zwar hole "das erinnerte Ich" bei Proust "das erinnernde Ich nie ganz ein", doch es mache die "Welt des Einzelnen im Spiegel der Zeit als individuelles Universum" sichtbar. Jauss’ Habilitation zu mittelalterlichen Tier-Epen nahm dann noch einmal die Motivgeschichte von Curtius aufs Korn, nun im Namen eines Geschichtsverständnisses, das er mit dem Werk des österreichisch-jüdischen Emigranten Leo Spitzer (1887 bis 1960) illustrierte – denn für das Erbe jüdischer Intellektueller engagierte sich Jauss so entschlossen wie für die in den Institutionen der alten Bundesrepublik so oft marginalisierten Marxisten.

Kein Text hat mich in meinem Studium mehr beeindruckt als die Antrittsvorlesung von Jauss. Ich steuerte ihre erste Übersetzung (ins Spanische) bei, und es war die Erfüllung eines Traums, als ihr Autor, der mit seinem jede Selbstironie ausschließenden Ernst wie ein jüngerer Bruder von Ernst Jünger wirkte, mir im Frühsommer 1970 bei einem Spaziergang entlang des Bodensees eine akademische Mitarbeiterstelle anbot: Ich sei berufen, bei der "Entwicklung der neuen Literaturwissenschaft" mitzuwirken. Die für den drahtigen Mann überraschend tiefe schwäbelnde Stimme jenes Morgens, die ausschließlich Worte wie für einen Universitätsverlag produzierte, hallt noch heute in meiner Erinnerung nach. Mit ihr im Ohr übte ich dann vier Jahre lang, philosophische Fragen an literarische Texte zu stellen, lernte prominente Geisteswissenschaftler aus vielen Ländern kennen, arbeitete hart und vertragsgemäß für die Projekte meines Vorgesetzten und wurde mit ausführlichen Kommentaren in winzig-gestochener und deshalb vollkommen lesbarer Schrift am Rand jedes Manuskripts belohnt – vor allem aber mit einer sehr frühen akademischen Berufung, 1974 im Alter von 26 Jahren. Zugleich machten der intellektuelle Stil von Jauss, besonders seine Art, Fragen zu stellen, die Konstanzer Zeit zu einem Albtraum. Kein Ausscheren war vorgesehen, wenn er im kollektiven Namen der "neuen Literaturwissenschaft" Kollegen und Gäste bloßstellte; kein Widerspruch, sondern hämische Freude machte sich breit, wenn er andere Mitarbeiter unter der Maske "hermeneutischer Dialogizität" demontierte, obwohl wir alle wussten, dass wir früher oder später in dieselbe Situation kämen und dann auch nicht auf Solidarität rechnen konnten. Lob wurde so sparsam (und meist mit lateinischen Exklamationen wie "gratulor!" oder "ex ungue leonem!") vergeben wie freie "Umtrunke" auf den gemeinsamen Bergtouren des Lehrstuhls, denen niemand entkam, obwohl sich alle über sie beklagten. Jede Geste war strategisch, und wohlfühlen konnte sich keiner.

Das von den Vorschlägen seiner Antrittsvorlesung ausgemalte Zukunftsbild hat der weitere intellektuelle Weg des von vielen bewunderten und von den wenigsten geliebte Hans Robert Jauss dann nie mehr erreicht. Obwohl er einige Jahre lang berühmter war als die Philosophen Hans-Georg Gadamer, Hans Blumenberg oder Jürgen Habermas, gewann er nie deren ungeteilte Anerkennung. Blumenberg grüßte ihn zu einem runden Geburtstag als einen "Quijote, der seinen Sancho verloren" hat, und Gadamer klagte bei Schülern von Jauss über dessen Ungeschicklichkeit im Gebrauch philosophischer Begriffe. Doch der hielt selbst dann, wenn er sich zurückgesetzt fühlte, zäh an seinen Wertschätzungen fest. Stolz berichtete Jauss von der Initiative Marcel Reich-Ranickis, ihn als Autor für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu gewinnen, doch der etwas vorschnell an alle Mitarbeiter verteilte erste Beitrag wurde nie gedruckt. Zur Vorbereitung des aus der Antrittsvorlesung abgeleiteten Projekts einer Literaturgeschichte des Lesers im neunzehnten Jahrhundert in vier "synchronen Querschnitten" wurden jahrelang Konstanzer Magisterarbeiten initiiert und aufs Regal gestellt, ohne dass von dem geplanten Buch je ein Kapitel erschien. Stattdessen veröffentlichte Jauss 1982 unter dem Titel Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik eine fast tausend Seiten schwere Montage von Skizzen und Traktaten, die der Literaturwissenschaftler Harald Weinrich eine "Festung der Literaturwissenschaft" nannte und deren internationale Wirkung nach einer englischen Teilübersetzung bald steckenblieb. Obwohl manche Leser in den Bemühungen von Jauss um die ästhetische Erfahrung tragikomische Blüten einer unglücklichen Liebe sahen, blieb sein Werk bis zum Ende akademisch gekonnt. Der Glanz der Konstanzer Anfänge war freilich verstrahlt.