Vom echten Sport unterscheidet sich der Sportfilm vor allem durch eins: Man weiß immer schon, wie’s ausgeht. Egal, ob Fußball, Football, Autorennen oder Boxen – am Ende steht immer das alles entscheidende Match, das wichtigste Rennen, der ultimative Kampf, in dem der Held (ganz selten: die Heldin) gegen alle Widerstände einen dramatischen Sieg davonträgt. Es spielt auch keine Rolle, ob es wie bei Sylvester Stallones Rocky-Saga erfundene Geschichten sind oder um wahre Dramen geht wie in Sönke Wortmanns Nationalepos Das Wunder von Bern und Clint Eastwoods südafrikanischer Rugby-Revolutionsgeschichte Invictus – am Ende siegen die Guten und Netten. Das ist auch bei The Fighter nicht anders, David O. Russells oscar-prämiertem Boxerfilm. Er erzählt die (wahre) Geschichte von Micky Ward, dem irischstämmigen amerikanischen Halbweltergewichtler, der zunächst als Straßenarbeiter malocht und sich als besserer Kirmesboxer durchschlägt, ehe er schließlich doch im Jahr 2000, immerhin schon 34 Jahre alt, Weltmeister wird.

Spannung bezieht so ein Film also nicht aus der Frage, wie’s ausgeht (das liest man bei Wikipedia und sieht es bei YouTube), sondern wie er gemacht ist. Da ist zunächst der Sport selbst, das Boxen. Stallones "italienischer Hengst" Rocky Balboa war im Ring eine Witzfigur, seine "Kämpfe" sahen aus wie Mitteldinger zwischen Kneipenschlägerei und Wrestling. Mark Wahlberg dagegen, nicht nur Protagonist, sondern auch einer der Produzenten von The Fighter, hat Wards Kämpfe sehr genau studiert und schafft es, als beinahe richtiger Boxer durchzugehen. Ein Kamerateam des Boxsenders HBO setzt seine Auftritte im Ring wie echte Kämpfe in Szene – packender war die Kraftmeierei im Kino noch nicht zu sehen.

Noch besser aber gelingen die Milieustudien. Zu den Stereotypen des Sport-, insbesondere des Boxerfilms gehört ja, dass der Held von ganz unten kommen muss und auf dem langen Weg ans Licht den Wert der Familie schätzen und seine falschen von den echten Freunden zu unterscheiden lernt. Wie Russell gleich in der ersten Szene die Arbeiterstadt Lowell, ihre Bewohner, deren Held Ward und dessen Sippe zueinander in Beziehung setzt, ist so packend, dynamisch, ergreifend wie ein paar Runden Ali gegen Frazier.

Das Erfolgsgeheimnis des Boxers Ward und des Films ist die Beziehung zum älteren Halbbruder Dicky Eklund, auch er ein Fighter, der es immerhin schaffte, einen Kampf gegen den großen Sugar Ray Leonard stehend zu beenden. Nun trainiert er den jüngeren Bruder – und kämpft lange Zeit vergeblich gegen seine Cracksucht. Die eigentliche Sensation des Films ist, mit welcher Besessenheit Christian Bale sich in diesen auf der Rasierklinge des Lebens tanzenden Hallodri verwandelt. Dass es dafür nur den Nebenrollen-Oscar gab, ist ungerecht; der Hauptdarsteller Mark Wahlberg jedenfalls, der Micky als Stoiker zeigen will und doch meist nur fade wirkt, wird von ihm vollständig in die Ecke gedrängt.

Zudem hat der Ärmste einen weiteren übermächtigen Gegner: die ebenfalls völlig zu Recht mit einem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnete Melissa Leo als Alice Ward, die Mama und Managerin der beiden Fighter, das Flintenweib mit dem großen Herzen, die Königin der weißen Unterschicht. Zu ihrem herzergreifend bizarren Hofstaat gehören sieben kaputtblondierte Töchter, die sich auf Kosten des Bruders die Hintern breit sitzen und dessen ehrgeizige Freundin Charlene (Amy Adams) in bester Schlampenmanier drangsalieren. Wer ein solches Ensemble hat, braucht sich um vorhersehbare Enden nicht viele Gedanken zu machen.