Sollte es eine Obama-Doktrin geben, dann betrifft sie jedenfalls nicht die Anwendung von Gewalt. Dieser Präsident ist zu pragmatisch und zu klug, um bei einem derart schwerwiegenden Problem in einer so komplexen Welt wie der unseren eine einzige simple Regel anzuwenden. Soweit man überhaupt von einer Obama-Doktrin im Sinne eines eindeutig formulierten Standpunktes gegenüber anderen Nationen sprechen kann, geht es darin um Macht und Führung. Im 21. Jahrhundert müssen Großmächte sich ihren Status dadurch verdienen, dass sie die Bereitschaft zeigen, "ihren Teil der Verantwortung für eine globale Antwort auf globale Herausforderungen zu schultern". So formulierte es Obama 2009 in seiner ersten Rede vor der UN-Vollversammlung. Er fuhr fort: "Nichts ist einfacher, als anderen die Schuld für unsere Probleme zuzuschieben, die Verantwortung für unsere Entscheidungen und Taten aber zurückzuweisen. Das kann jeder. Verantwortung und Führung im 21. Jahrhundert verlangen mehr."

Den gleichen Ton schlug Obama in seiner Rede an die amerikanische Öffentlichkeit an, als er die Entscheidung für das Eingreifen in Libyen begründete. "Hätten wir unter diesen Umständen Amerikas Führungsverantwortung und vor allem unsere Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber verweigert, dann wären wir uns selbst untreu geworden", erklärte er. Diese globale Verantwortung liegt auch der Resolution 1973 des UN-Sicherheitsrats zugrunde, die "wiederholt, dass die libysche Regierung die Bevölkerung schützen muss". Selbst eine Nation, die so klein ist wie Qatar, begründet ihr Engagement für eine Flugverbotszone so: "Geografisch gesehen sind wir ein kleines Land", räumte General Mubarak al-Khayanin ein, Stabschef der Luftwaffe von Qatar, "aber Führung bedeutet auch Verantwortung. Länder wie Saudi-Arabien und Ägypten haben ihre Führungsrolle in den letzten drei Jahren vernachlässigt. Deshalb haben wir uns entschlossen, unsere Stimme zu erheben und uns aktiv zu beteiligen. Wir werden sehen, ob andere unserem Beispiel folgen."

Das war ein Führungstest, den Deutschland nicht bestanden hat, als es sich bei der Abstimmung über die Resolution 1973 der Stimme enthielt. Dabei verlangt die Resolution von ihren Befürwortern keineswegs die Beteiligung am Militäreinsatz. Die Doktrin der Schutzverantwortung (Responsibility to Protect) formuliert eher eine Rechtfertigung als eine Verpflichtung. Die 2006 vom Sicherheitsrat verabschiedete Resolution stellt fest, dass alle Regierungen ihre Bevölkerung vor Völkermord, ethnischer Säuberung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schweren und systematisch begangenen Kriegsverbrechen schützen müssen. Werden sie dieser Verantwortung nicht gerecht, so ist die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen berechtigt, nicht jedoch verpflichtet. Im Hinblick auf Libyen ging es darum, dass die Völkergemeinschaft im 21. Jahrhundert anders als im 20. Jahrhundert nicht mehr abseits stehen und zusehen wird, wie eine Regierung ihr eigenes Volk abschlachtet. Für eine Nation wie Deutschland mit ihrer doppelten Geschichte von Völkermord und der daraus folgenden exemplarischen Einbindung in die internationale Gemeinschaft war dies eine Gelegenheit, zu zeigen, wie sie sich als permanentes Mitglied des Sicherheitsrates verhalten würde. Das Ergebnis war nicht ermutigend.

Jetzt aber läuft die Intervention schon seit zwei Wochen; Gadhafis Luftverteidigung und viele seiner schweren Panzer wurden zerstört; die Nato hat das Kommando von den USA übernommen; die Kräfte der Opposition und Gadhafis Armee scheinen sich bei den Gefechten am Boden einem Patt zu nähern. Was nun?

In Libyen heißt die Antwort: intensive diplomatische Bemühungen. Gewalt kann Kriege gewinnen, aber nicht den Frieden. Diese nachhaltige Lektion hat das US-Militär in Irak und Afghanistan gelernt. Der große preußische General und Militärstratege Carl von Clausewitz sagte einst, der Krieg sei eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Das mag richtig sein, aber der Krieg kann erst dann enden, wenn die Politik wieder das Sagen hat.

Für Libyen gibt es keine militärische Lösung. Gadhafi kann nicht gewinnen, gerade weil er sich nur durch die Tyrannei, durch Brutalität und Einschüchterung an der Macht gehalten hat. Er ließ jeden umbringen, der sich ihm in den Weg stellte, so wie er es für Bengasi angedroht hat und in Misurata und Tripolis nach der ersten Widerstandswelle zweifellos wahrgemacht hat. Aber das Mandat der Nato zum Schutz der Zivilbevölkerung hat ihm seine Werkzeuge größtenteils aus der Hand geschlagen. Vielleicht kann er noch aufständische Städte einkesseln, erobern kann er sie nicht.

Für die Opposition sieht die militärische Lage bisher nicht ermutigend aus. Wenn Gadhafi sich tatsächlich nur auf Söldner und zwangsrekrutierte Soldaten stützen kann, die er mit Drohungen gegen ihre Familien und ähnlichen Mitteln zum Kämpfen zwingt, dann sollte es angesichts seiner schwindenden Geldvorräte und Glaubwürdigkeit zu Massendesertionen kommen, wie ja auch die Desertion aus seinem inneren Machtzirkel immer weiter zunimmt. Dann müssen die Rebellen sich den Weg in die Städte nicht freikämpfen, sondern sie nur einkreisen und die Bewohner zum Aufstand aufrufen. So sah es jedenfalls am Anfang des Konfliktes aus. Wenn es aber nicht so läuft, dann besteht die einzige Hoffnung auf Frieden in einem Handel: Gadhafi gibt die Macht auf und verlässt das Land, und eine Art repräsentativer Rat, dem auch Gadhafi-Anhänger angehören, vielleicht sogar ein Mitglied seiner Familie, leitet den Übergang zu einer neuen Regierung ein.