Seit er Finanzminister ist, hat Ali Tarhouni keinen festen Wohnsitz mehr. Jeden Abend steuert er ein anderes Haus an, jeden Morgen wacht er in einem anderen Bett auf. In einer eigenen Wohnung wäre er leicht ausfindig zu machen – und das wäre nicht klug. Denn Tarhouni hat einen mächtigen und gefährlichen Feind: Muammar al-Gadhafi.

Ein paar Wochen geht das jetzt schon so. Dabei wohnte Tarhouni noch bis vor Kurzem mit seiner Frau in einem Haus mit Garten an der amerikanischen Westküste, unterrichtete Volkswirtschaft an der Universität von Washington in Seattle. Spezialgebiet: die Bewertung von Internetaktien. Dann kam die Revolution nach Libyen, und die Aufständischen suchten einen Wirtschaftsexperten. Jemanden, der sich um die Ökonomie der Rebellion kümmert, der dafür sorgt, dass Nahrungsmittel da sind und Waffen, Munition und Kleidung, Strom und Wasser.

Tarhouni packte seine Koffer und machte sich auf den Weg in das Land, aus dem er vor knapp 40 Jahren flüchten musste, weil er sich gegen das Regime auflehnte. Es hat ihm später die Staatsbürgerschaft entzogen und ihn in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Jetzt ist er in der Übergangsregierung von Bengasi, die den Osten kontrolliert, für Wirtschaft und Finanzen zuständig. Nicht mehr new economy ist jetzt sein Thema, sondern war economy .

Einen neuen Staat wollen die Rebellen aufbauen – und eine neue Wirtschaftsordnung. Die Frage, die sich in diesen Wochen des arabischen Frühlings in vielen Länder stellt, ist: Schaffen sie das? Und wie wird diese Ordnung aussehen? Ali Tarhouni verspricht Antworten.

Es gibt keine Flüge mehr nach Bengasi

Das Gespräch findet in einer Villa am Hafen von Bengasi statt – auch das Büro wechselt Tarhouni jetzt ständig. Sein Anzug ist etwas aus der Form, die Haare sind ein paar Zentimeter zu lang. Ob man eine gute Reise gehabt habe? Nun ja. Es gibt keine Flüge mehr nach Bengasi. Man muss nach Kairo, und von dort sind es sieben Stunden durch die Wüste bis zur ägyptisch-libyschen Grenze. In der dortigen Abfertigungshalle campieren afrikanische Flüchtlinge auf zerschlissenen Decken , Männer, Frauen, Mütter mit kleinen Kindern. Der libysche Grenzposten ist verwaist, zu Fuß geht es, vorbei an verlassenen Wachhäuschen und einem leeren Duty-Free-Shop mit zersplitterten Vitrinen, hinein nach Libyen.

Der Rebellenkommandeur der Grenzregion hat einen Wagen für die Weiterfahrt organisiert. Noch einmal sechs Stunden Fahrt durch die Wüste, oft unterbrochen von Straßensperren: ein Zelt, drei bis vier Mann mit Kalaschnikows, hier und da ein klapprig wirkender Panzer oder ein rostiges Flugabwehrgeschütz und immer wieder jene Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren, die den Kern der Artillerie der Rebellen bilden und zur Ikone des Kriegs gegen Gadhafi geworden sind. 

Tarhouni ist guter Laune, er formuliert klar und direkt, wie es viele amerikanische Hochschulprofessoren tun. Soeben hat er einen Deal mit der Regierung von Qatar abgeschlossen. Das Emirat hat zugesagt, die Abwicklung der libyschen Ölgeschäfte zu übernehmen. Das funktioniert so: Die Erdölgesellschaft von Qatar nimmt der von Rebellen kontrollierten Arabian Gulf Oil Company das Öl ab und bietet es am Markt an. Den Erlös erhalten die Aufständischen, die keinen Zugang zu den internationalen Ölhandelsgesellschaften haben. Allein über den Hafen von Tobrok, der sich in ihrer Hand befindet, können die Rebellen theoretisch 300.000 Fass pro Tag ausführen. Das wären zum aktuellen Marktpreis rund 36 Millionen Dollar – genug, um die eroberten Gebiete vorerst zu versorgen. Am Dienstag dieser Woche dockte das erste Schiff an, ein unter liberianischer Flagge fahrender Tanker, der eine Million Fass aufnehmen kann.

Doch auf einen Erfolg kommen in diesen Kriegstagen drei Probleme: Viele der für die Verladung des Öls notwendigen Spezialisten haben das Land verlassen. Libysche Firmen sind derzeit vom Weltmarkt abgeschnitten, weil ausländische Banken wegen der internationalen Wirtschaftssanktionen die Handelsfinanzierung eingestellt haben. Die Sanktionen sollen zwar nur Gadhafi treffen, sie gelten aber fürs ganze Land. An der Grenze stecken gerade 20 Lastwagen mit dringend benötigten Satellitentelefonen und Internetmodems fest, weil der ägyptische Zoll sie nur mit Genehmigung des libyschen Zolls passieren lassen will. Es gibt aber derzeit keinen libyschen Zoll.