Auf Kante genäht – Seite 1

Aik hat auf den Laufsteg gepinkelt, dabei war er kurz zuvor Gassi. Designerin Julia Starp schlägt die Hände vors Gesicht. Noch schnell aufwischen? Oder so tun, als sei gar nichts passiert? Sie zögert zu lange. Der Choreograf winkt die Models schon weiter, das Mädchen im Brautkleid rauscht an ihr vorbei, raus auf den Catwalk, vors Publikum. Die weiße Schleppe wird schön durch die Pfütze wischen. "Mist."

Dies ist die Geschichte eines irren Unterfangens. Er dauert vom September 2010 bis heute und erzählt, wie eine Kollektion entsteht, obwohl ein Malheur dem anderen folgt. Julia Starp hat geschuftet, am Ende Tag und Nacht für 20 Minuten Modenschau auf der Berliner Fashion Week im Januar, die über Ruhm oder Niederlage entscheiden. Vor 500 Gästen wollte Starp unbedingt den Beweis antreten, dass Mode nicht nur schön sein kann, sondern auch umweltfreundlich, menschenfreundlich. Danach würde sich zeigen, ob es sich gelohnt hat. Denn während es draußen wärmer wird, ordern die Einkäufer die Sachen für den nächsten Winter.

Inzwischen kann sie Bilanz ziehen.

Umweltfreundlich zu schneidern versuchen viele – und gehen dabei einen Kompromiss nach dem anderen ein. Sie nehmen Stoffe mit laxen Ökosiegeln, mischen Ökostoffe mit konventionell hergestellten, doch Starp will das nicht. Sie fertigt Couture ohne Pestizide, und sie versucht, dass alle zu fairen Bedingungen arbeiten – bis auf sie selbst vielleicht.

Eigene Ideen, die gute Sache, das ist ihr wichtig. Die 28-Jährige hat an der Hamburger Akademie JAK Modedesign studiert, danach mit einer Behindertenwerkstatt in Meldorf eine Kollektion aus handgewebten Stoffen entwickelt, und von dem Zeitpunkt an kam es für sie nicht mehr infrage, bei einem großen Label unterzuschlüpfen. 2009 gründet Starp ihr eigenes. Sie schneidert Mäntel für jeden Tag und Kleider für besondere Nächte, aus Baumwolle, Wolle, Hanf und Seide, opulent und in leuchtenden Farben.

"Spiegelverkehrt" hat sie ihr Programm genannt. Im vergangenen Spätsommer entwickelt sie Jacken, die rechts- und linksherum schließen. Einen Wendemantel, der sich schwarz bedeckt hält oder blau leuchtet. Sie sieht klare Schnitte vor sich, tailliert und mit einem Handgriff zu variieren. Auch mit Details und Applikationen will sie spielen, bei der Prêt-à-porter-Linie ebenso wie bei der Couture. So viele Ideen und so wenig Zeit.

Zum ersten Mal will sie alle Oberstoffe in Ökoqualität. Die grüne Mode soll diesen Namen verdienen, aber das schränkt fürchterlich ein. Starp forscht nach Biofasern, die auch die strengsten Prüfungen bestanden haben. Der Markt ist klein, nicht jedes Material und jede Farbe haben das begehrte Siegel.

Ein Schock für Starp: "Der Ärmel ist verdreht. Falsch angenäht!"

Im September 2010, vier Monate vor der großen Show, parkt Starp ihren alten Mazda MX5 vorm Hauptzollamt in Hamburg-Hammerbrook. Auf der Straße dröhnt der Verkehr, hinter den Glastüren drängen sich Menschen. Die Luft ist zum Schneiden. Es dauert fünf Minuten, bis die Zollbeamtin mit einem Paket aus der Schweiz am Tresen auftaucht. Schwer ist es nicht, aber so groß, dass die Frau es kaum umfassen kann. "Was ist drin?", will die Beamtin wissen. "Stoffe", sagt Starp knapp und hievt ihren Schatz wenig später ins Auto.

Ein Stoffpaket ist ein Überraschungsei. Was der Inhalt hergibt, zeigt sich erst beim Stecken. Die kleinen Probelappen, die Starp Monate zuvor gesichtet hat, lassen Farbwirkung und Qualität erahnen, doch erst die Meterware offenbart, wie der Stoff am Körper fällt. Starp arbeitet gern mit Falten und Volants, baut steile, große Kragen, schichtet und rafft. Das muss ein Stoff mitmachen. Ist er zu weich, fällt alles zusammen. Ist er zu fest, fällt er nicht schön. Tückisch auch, wenn er pillt, nach kurzem Tragen also Knötchen bildet.

Genau diese Katastrophe unterbricht im Oktober ihre Arbeit an der neuen Kollektion. Erst pillt der Mantelstoff für die alten Modelle, dann patzt der Lieferant ein zweites Mal, obwohl er eine bestimmte Farbe zusagte, die Schwere, kein Pillen, ganz sicher. Sie vertraute ihm, ließ den Stoff direkt zur Näherei schicken. Dann sind die Mäntel endlich da – "aber viel zu dünn". Starp watet durch leere Schutzfolien. Auf dem Ateliertisch liegt ein bunter Haufen, schwarz, weiß und blau. "Der andere Stoff war viel schöner, und er fiel auch besser." Sie zieht einen Mantel aus dem Haufen hervor. "Aber das Blau ist toll." Zieht ihn über und stockt. Ist geschockt. "Der Ärmel ist verdreht. Falsch angenäht!" Sie schichtet Mäntel um, vom Tisch auf den Stuhl und wieder zurück, sortiert nach Farben und Größen. "Das sind doch nicht alle! Ich hatte viel mehr bestellt." Sie tritt vors Haus, zündet mit zitternden Fingern eine Zigarette an. "Ich kann doch nicht die ganze Produktion selbst nähen. Aber immer geht was schief, wenn ich es aus der Hand gebe."

Die neue Kollektion muss warten. Jetzt muss sie die Händler vertrösten. Ein paar feine Läden beliefert Starp mittlerweile, darunter Stoffsüchtig an der Hamburger Rothenbaumchaussee und die Macke Boutique in Berlin. Das sind gute Adressen, die ihre Mäntel für 600 Euro das Stück verkaufen. Aber dann muss sie auch Perfektion liefern, sonst ist sie ganz schnell wieder draußen.

Starp setzt sich in den Zug, fährt zwölf Stunden nach Polen und besucht die Werkstatt in Katowice. Zwölf Näherinnen, die mehr verdienen als den Mindestlohn. "Das gehört eben auch dazu", sagt Starp. Faire Arbeitsbedingungen, Produktionsstätten in Deutschland oder Europa. Das garantiert nicht nur bessere Sozialstandards, sondern auch kurze Wege. Nach ihrer Rückkehr sagt sie, sie habe Pflöcke eingeschlagen. "Die wissen jetzt, was ich erwarte."

Es folgt in den nächsten Wochen zumindest keine weitere Enttäuschung.

 

Starp macht sich wieder an die Arbeit, aber sie kann sich nur wenige Tage konzentrieren. Dann folgt die nächste Unterbrechung: ein Promi. Hubertus Regout hat schon dreimal angerufen. Der Schauspieler, bekannt aus der TV-Serie Verliebt in Berlin, wartet im Hamburger Hotel Grand Elysee. Dort steigt der "Event Prominent", ein Wohltätigkeitsabend mit Modenschau, und Regout wird einen Starp-Anzug tragen: schwarze Baumwolle, maßgeschneidert und mit Bienenwachs behandelt. Ein Look zwischen schnittig und unverwüstlich. Der Anzug liegt fertig zur Anprobe auf dem Rücksitz, doch Starp steht im Stau, nur einen Kilometer vom Ereignis entfernt, und es gibt kein Durchkommen.

Regout hatte sie im Sommer angesprochen und sich als Model angeboten. Noch besser, er ist auch Veganer. Starp lässt den Wagen vorwärtsrollen und seufzt. "Manchmal denke ich, jetzt geht es nicht mehr weiter, und dann passiert doch wieder was Gutes."

Swiss Organic Fabric, der Schweizer Verband nachhaltig arbeitender Textilfirmen, stellt ihr einen Großteil der Stoffe für die bevorstehende Schau zur Verfügung. Kami, ein französisches Label für grüne Mode, überlässt ihr seinen Materialüberschuss. 20 Euro kostet ein Meter Biobaumwolle aus der Schweiz.

Der November bricht an. Noch acht Wochen bis zur Schau. Starp droht sich endgültig zu verzetteln. Alles selbst machen, alles gleichzeitig, alles auf den letzten Drücker. Entwerfen – "Dafür brauch ich Ruhe! Ich entwickle ein Teil erst beim Machen" –, dann die Produktion für den nächsten Sommer, Abendkleider auf Bestellung. Es fehlen auch noch Sponsoren für die Modenschau, das heißt: Leistungen im Wert von 40000 Euro. Sie braucht ja nicht nur Stoffe, Knöpfe, Garn und einen Schneider, der mit anfasst. Hinzu kommt das Shooting für den Katalog mit Fotografen, Models, Stylisten, Fahrt- und Hotelkosten. Und dann die Show: noch mal gut 10000 Euro.

Jetzt muss Marina ran. Marina Rudolph ist Freundin und Vertrieb zugleich. Sie ist Partnerin bei L’Anima Agents, nach eigenen Angaben Deutschlands größter Vertrieb für Green Fashion, und Rudolph kennt Gott und die Welt. Bios, den Limonadenhersteller, zum Beispiel. Er wird auf der Show nicht nur Starps Gäste, sondern gleich alle versorgen. Zum Dank dafür erlässt der Veranstalter Starp die Show-Gebühr. Ohne gutes Fundraising würde sie nie ans Ziel kommen.

Der Kragen wölbt sich asymmetrisch wie eine Calla-Blüte

Rudolph ist auch die Erste, die die neuen Entwürfe sieht. Den Wendemantel in Blau und Schwarz, einen Anzug, ein paar Röcke. Eine Korsage aus Peace Silk. Das ist eine besondere Seide, die Starp für ihre Couture benutzt. Die Raupen, die sie spinnen, dürfen schlüpfen und weiterleben, obwohl sie dabei ein Loch in den Kokon brechen. So sieht der Stoff denn auch wie Wildseide aus, ein wenig rauer eben. Das ist ein Makel, den die Konventionellen unterbinden, indem sie Kokons samt Raupen in kochendes Wasser werfen. "Wenn ich das weiß, dann muss ich doch Peace Silk nehmen", sagt Starp. Sie sitzt an ihrem Tisch im Atelier und streichelt die Filzproben, die gerade gekommen sind. "Fühlt sich schön an." Wolle von Bioschafen, mehrfarbig und handverarbeitet. Daraus wird sie Korsagen machen, Taschenpatten, Stulpen, Boleros.

Wird sie Weihnachten feiern? Starp winkt müde ab: "Ich werde durcharbeiten." Sie sitzt mit Rudolph im Atelier und zieht Zwischenbilanz. Musik – Vincenzo Tonnera singt. Hotels, Studios, Fotograf, Stylisten, Models, Shuttle-Service – alle machen umsonst mit, Rudolph sei Dank. Regout ist auch wieder dabei, aber dafür will er ein Hotelzimmer mit Badewanne.

Weihnachten, Silvester, Fashion Week: Es ist so weit. Starp steht an einem Donnerstag im Januar blass, aber gelassen im Berliner Umspannwerk. "Hab endlich mal wieder acht Stunden geschlafen." Die Stylisten föhnen und schminken die Promis, die die Couture-Kleider vorführen. Sabine Kaack, seit 20 Jahren im deutschen Fernsehen und aktuell in der ZDF-Hundeserie Da kommt Kalle zu sehen , trägt Lockenwickler. Britt Kanja, Besitzerin des Berliner Szeneclubs Studio 90, isst Kichererbsen aus der Tupperdose. Birte Glang, eine Soap-Actrice, hockt zwischen Kisten und Kartons mit Kleidern. Starp scannt den Inhalt, ständig will jemand was wissen: "Wo ist die aktuelle Gästeliste?" – "Wer holt das vergessene Jackett aus dem Showroom?" – "Wo ist Diego?" – "Wer ist denn Diego?" Starp verzieht keine Miene. Gleich ist Laufprobe.

Der Choreograf dirigiert die Meute. "Jetzt rechts rum, turn to the right, sehr schön, you are wonderful. " Starp sitzt am Kopfende des Laufstegs, Rudolph lässt sich neben sie fallen. "So langsam werden wir alle hysterisch", juchzt sie. "Nein", sagt Starp. "Wir bleiben ganz ruhig."

Die Models verschwinden mit den Mänteln im Umkleideraum, die Promis schießen schon Erinnerungsfotos: Britt Kanja in roter Korsage, mit großen Knöpfen und Stickerei am Busen. Um Kanjas Schultern schmiegt sich ein orangefarbener Filzbolero. Birte Glang steckt im gestreiften Mini, hellblaue Biesen auf dunklem Grund. Den hellen, runtergeklappten Ausschnitt der Korsage nimmt das Revers des Gehrocks wieder auf. Regout wird die Jacke mit den variablen Verschlüssen präsentieren. Ein Model schlüpft in den knöchellangen, schmalen Wachsmantel. Sein Kragen wölbt sich asymmetrisch wie eine gigantische Calla-Blüte.

Starp hebelt Kronkorken mit einer großen Schere und reicht Sektfläschchen in die Runde. Der Boden ist übersät mit Kartons, Taschen, Haarspray, Schuhen. Gleich kommt Barbara Meier, Gewinnerin von Germany’s Next Topmodel. Der muss sie noch ins Brautkleid helfen. Das handgefilzte Oberteil mit dem floralen Dessin wird hinten aufwändig geschnürt.

Draußen drängeln sich 500 Leute. Zu allem Übel ist die Sitzverteilung durcheinandergeraten, und selbst wer eine Platzkarte hat, schafft es nicht durchs Gewühl. Rudolph dirigiert und telefoniert, die Show müsste längst laufen, und schließlich ist es egal. Es geht los, Aik pinkelt, die Models laufen. Dann ist es schon vorbei, und Starp stürmt in den VIP-Raum zu Fernsehteams und Presseleuten, Freunden und Sponsoren, Mann und Mutter. Ihr fällt sie in die Arme. "War das okay?" Freudentränen fließen.

Zehn Wochen später: Starp hat einen Vertrag beim Versandhändler Otto unterzeichnet, sechs Teile wird sie exklusiv für dessen Ecorepublic-Shop entwerfen. Auch die anderen Händler haben fleißig bestellt: 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wenn es so weitergeht, wird Starp am Jahresende schwarze Zahlen schreiben. Dann verdient sie genug, um Kollektionen und Shows allein zu bezahlen – und ein bisschen auch sich selbst.