Starp macht sich wieder an die Arbeit, aber sie kann sich nur wenige Tage konzentrieren. Dann folgt die nächste Unterbrechung: ein Promi. Hubertus Regout hat schon dreimal angerufen. Der Schauspieler, bekannt aus der TV-Serie Verliebt in Berlin, wartet im Hamburger Hotel Grand Elysee. Dort steigt der "Event Prominent", ein Wohltätigkeitsabend mit Modenschau, und Regout wird einen Starp-Anzug tragen: schwarze Baumwolle, maßgeschneidert und mit Bienenwachs behandelt. Ein Look zwischen schnittig und unverwüstlich. Der Anzug liegt fertig zur Anprobe auf dem Rücksitz, doch Starp steht im Stau, nur einen Kilometer vom Ereignis entfernt, und es gibt kein Durchkommen.

Regout hatte sie im Sommer angesprochen und sich als Model angeboten. Noch besser, er ist auch Veganer. Starp lässt den Wagen vorwärtsrollen und seufzt. "Manchmal denke ich, jetzt geht es nicht mehr weiter, und dann passiert doch wieder was Gutes."

Swiss Organic Fabric, der Schweizer Verband nachhaltig arbeitender Textilfirmen, stellt ihr einen Großteil der Stoffe für die bevorstehende Schau zur Verfügung. Kami, ein französisches Label für grüne Mode, überlässt ihr seinen Materialüberschuss. 20 Euro kostet ein Meter Biobaumwolle aus der Schweiz.

Der November bricht an. Noch acht Wochen bis zur Schau. Starp droht sich endgültig zu verzetteln. Alles selbst machen, alles gleichzeitig, alles auf den letzten Drücker. Entwerfen – "Dafür brauch ich Ruhe! Ich entwickle ein Teil erst beim Machen" –, dann die Produktion für den nächsten Sommer, Abendkleider auf Bestellung. Es fehlen auch noch Sponsoren für die Modenschau, das heißt: Leistungen im Wert von 40000 Euro. Sie braucht ja nicht nur Stoffe, Knöpfe, Garn und einen Schneider, der mit anfasst. Hinzu kommt das Shooting für den Katalog mit Fotografen, Models, Stylisten, Fahrt- und Hotelkosten. Und dann die Show: noch mal gut 10000 Euro.

Jetzt muss Marina ran. Marina Rudolph ist Freundin und Vertrieb zugleich. Sie ist Partnerin bei L’Anima Agents, nach eigenen Angaben Deutschlands größter Vertrieb für Green Fashion, und Rudolph kennt Gott und die Welt. Bios, den Limonadenhersteller, zum Beispiel. Er wird auf der Show nicht nur Starps Gäste, sondern gleich alle versorgen. Zum Dank dafür erlässt der Veranstalter Starp die Show-Gebühr. Ohne gutes Fundraising würde sie nie ans Ziel kommen.

Der Kragen wölbt sich asymmetrisch wie eine Calla-Blüte

Rudolph ist auch die Erste, die die neuen Entwürfe sieht. Den Wendemantel in Blau und Schwarz, einen Anzug, ein paar Röcke. Eine Korsage aus Peace Silk. Das ist eine besondere Seide, die Starp für ihre Couture benutzt. Die Raupen, die sie spinnen, dürfen schlüpfen und weiterleben, obwohl sie dabei ein Loch in den Kokon brechen. So sieht der Stoff denn auch wie Wildseide aus, ein wenig rauer eben. Das ist ein Makel, den die Konventionellen unterbinden, indem sie Kokons samt Raupen in kochendes Wasser werfen. "Wenn ich das weiß, dann muss ich doch Peace Silk nehmen", sagt Starp. Sie sitzt an ihrem Tisch im Atelier und streichelt die Filzproben, die gerade gekommen sind. "Fühlt sich schön an." Wolle von Bioschafen, mehrfarbig und handverarbeitet. Daraus wird sie Korsagen machen, Taschenpatten, Stulpen, Boleros.

Wird sie Weihnachten feiern? Starp winkt müde ab: "Ich werde durcharbeiten." Sie sitzt mit Rudolph im Atelier und zieht Zwischenbilanz. Musik – Vincenzo Tonnera singt. Hotels, Studios, Fotograf, Stylisten, Models, Shuttle-Service – alle machen umsonst mit, Rudolph sei Dank. Regout ist auch wieder dabei, aber dafür will er ein Hotelzimmer mit Badewanne.

Weihnachten, Silvester, Fashion Week: Es ist so weit. Starp steht an einem Donnerstag im Januar blass, aber gelassen im Berliner Umspannwerk. "Hab endlich mal wieder acht Stunden geschlafen." Die Stylisten föhnen und schminken die Promis, die die Couture-Kleider vorführen. Sabine Kaack, seit 20 Jahren im deutschen Fernsehen und aktuell in der ZDF-Hundeserie Da kommt Kalle zu sehen , trägt Lockenwickler. Britt Kanja, Besitzerin des Berliner Szeneclubs Studio 90, isst Kichererbsen aus der Tupperdose. Birte Glang, eine Soap-Actrice, hockt zwischen Kisten und Kartons mit Kleidern. Starp scannt den Inhalt, ständig will jemand was wissen: "Wo ist die aktuelle Gästeliste?" – "Wer holt das vergessene Jackett aus dem Showroom?" – "Wo ist Diego?" – "Wer ist denn Diego?" Starp verzieht keine Miene. Gleich ist Laufprobe.

Der Choreograf dirigiert die Meute. "Jetzt rechts rum, turn to the right, sehr schön, you are wonderful. " Starp sitzt am Kopfende des Laufstegs, Rudolph lässt sich neben sie fallen. "So langsam werden wir alle hysterisch", juchzt sie. "Nein", sagt Starp. "Wir bleiben ganz ruhig."

Die Models verschwinden mit den Mänteln im Umkleideraum, die Promis schießen schon Erinnerungsfotos: Britt Kanja in roter Korsage, mit großen Knöpfen und Stickerei am Busen. Um Kanjas Schultern schmiegt sich ein orangefarbener Filzbolero. Birte Glang steckt im gestreiften Mini, hellblaue Biesen auf dunklem Grund. Den hellen, runtergeklappten Ausschnitt der Korsage nimmt das Revers des Gehrocks wieder auf. Regout wird die Jacke mit den variablen Verschlüssen präsentieren. Ein Model schlüpft in den knöchellangen, schmalen Wachsmantel. Sein Kragen wölbt sich asymmetrisch wie eine gigantische Calla-Blüte.

Starp hebelt Kronkorken mit einer großen Schere und reicht Sektfläschchen in die Runde. Der Boden ist übersät mit Kartons, Taschen, Haarspray, Schuhen. Gleich kommt Barbara Meier, Gewinnerin von Germany’s Next Topmodel. Der muss sie noch ins Brautkleid helfen. Das handgefilzte Oberteil mit dem floralen Dessin wird hinten aufwändig geschnürt.

Draußen drängeln sich 500 Leute. Zu allem Übel ist die Sitzverteilung durcheinandergeraten, und selbst wer eine Platzkarte hat, schafft es nicht durchs Gewühl. Rudolph dirigiert und telefoniert, die Show müsste längst laufen, und schließlich ist es egal. Es geht los, Aik pinkelt, die Models laufen. Dann ist es schon vorbei, und Starp stürmt in den VIP-Raum zu Fernsehteams und Presseleuten, Freunden und Sponsoren, Mann und Mutter. Ihr fällt sie in die Arme. "War das okay?" Freudentränen fließen.

Zehn Wochen später: Starp hat einen Vertrag beim Versandhändler Otto unterzeichnet, sechs Teile wird sie exklusiv für dessen Ecorepublic-Shop entwerfen. Auch die anderen Händler haben fleißig bestellt: 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Wenn es so weitergeht, wird Starp am Jahresende schwarze Zahlen schreiben. Dann verdient sie genug, um Kollektionen und Shows allein zu bezahlen – und ein bisschen auch sich selbst.