Truthähne und Atomkraftwerke. Nichts ist den beiden gemein – außer einer Kleinigkeit. Solange die nuklearen Stromfabriken Tag für Tag zuverlässig Strom erzeugen, wiegen sich ihre Anhänger im Glauben an einen langen, störungsfreien Betrieb. Ebenso wie Truthähne sich täglich sicherer fühlen, weil sie stets von freundlichen Menschen gefüttert werden. Dabei rückt ihre persönliche Katastrophe, die Schlachtung, immer näher.

Die Geschichte vom abrupten Ende des Federviehs ist die besonders tragische Variante eines Überraschungsschocks, dem all jene ausgesetzt sind, die auf der Grundlage von Wissen aus der Vergangenheit die Zukunft glauben erkennen zu können. In seinem Buch Der Schwarze Schwan nennt der Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb solch rückwärts gerichtetes Lernen "bestenfalls irrelevant, schlimmstenfalls furchtbar irreführend".

Zu Opfern solcher Irreführung sind Union und FDP durch die Explosion im japanischen Atomkraftwerk Fukushima geworden. Sie ließ die Begeisterung der Regierungsparteien für die Kernenergie binnen weniger Stunden verdampfen und das bis vor Kurzem noch Undenkbare näher rücken: einen Atomausstieg nach rot-grünem Strickmuster , womöglich ein bisschen schneller. Der von der Bundesregierung angeordnete Stresstest für die Meiler und die von ihr einberufene Ethikkommission dienen laut Drehbuch des Kanzleramtes in erster Linie dazu, die schwarz-gelbe Gefolgschaft auf die abrupte Kehrtwende einzuschwören – inklusive des freidemokratischen Wirtschaftsministers Rainer Brüderle, der aus seiner Sympathie für die Kernenergie nach wie vor keinen Hehl macht, und Michael Fuchs, des noch zögernden Vizes der Unionsfraktion.

Die neue Nachdenklichkeit und die Suche nach weisem Rat erweisen sich allerdings heute schon als Bluff. Während die Kommissionen mit ihren Beratungen gerade erst anfangen, existiert schon eine Vereinbarung der Partei- und Fraktionsspitzen von Union und FDP, der zufolge der Weiterbetrieb der sieben per Moratorium abgeschalteten Altmeiler plus des Pannenreaktors Krümmel ausgeschlossen wird. Nur "formell" sei das noch nicht beschlossen, sagt ein Unionsparlamentarier, der an dem Vorgang beteiligt ist.

Derweil hat Jürgen Becker, der beamtete Staatssekretär in Norbert Röttgens Umweltministerium, im fernen Abu Dhabi einen Reporter wissen lassen, dass die acht abgeschalteten Atomkraftwerke "definitiv nicht wieder hochgefahren" und die übrigen neun "bis zum Ende des Jahrzehnts abgeschaltet werden". Das Ministerium bezeichnete die Meldung zwar als "inkorrekt"; es ist jedoch schwer vorstellbar, dass Energiepolitik nach dem Moratorium wieder betrieben wird, als wäre nichts geschehen. In Angela Merkels Kanzleramt ist bereits ein "Zeitplan Beschleunigung Energiewende" entwickelt worden. Darin steht auch, wie sich das Aus für die ältesten Reaktoren herbeiführen ließe: entweder per Gesetz – oder durch "aufsichtliche Verfügung".

Letzteres bedeutet, RWE & Co zu so teuren Nachrüstungsmaßnahmen ihrer Reaktoren zu zwingen, dass sie das Interesse an den Anlagen verlieren. Wie das gehen könnte, haben Röttgens Fachleute schon wenige Stunden nach der Explosion in Japan penibel aufgeschrieben. In einem sechsseitigen Vermerk mit dem Aktenzeichen RS I 3 13042/9 heißt es, die geforderten Maßnahmen seien "kurzfristig umzusetzen".

Dazu gehört die Neuberechnung der Erdbebenauslegung ebenso wie der Schutz der Kernkraftwerke vor zufälligen oder terroristisch motivierten Flugzeugabstürzen. Vor allem aber gehört eine lange Liste von scheinbar kleinen Einzelmaßnahmen dazu: unter anderem die Verbunkerung von Notstromdieseln, Rohrleitungen und Brunnen, die Aufrüstung von Notstromsystemen für Notkühlsysteme und die Installation fester Einspeisepunkte für mobile Notstromaggregate.

Jahrelang hatten Atomskeptiker derartige Sicherheitsmaßnahmen verlangt, vergebens. Nun dient die Liste aus dem Ministerium als Grundlage der Checks, denen die Reaktorsicherheitskommission (RSK) sämtliche Meiler in den kommenden sechs Wochen unterwerfen will.

Aber steht das Ergebnis nicht schon fest?

Lange vor Fukushima war bekannt, dass der Betrieb von Atomkraftwerken Überraschungen mit einem immensen Schadenpotenzial birgt . Die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit hatte schon vor acht Jahren, nach den Terrorangriffen auf das New Yorker World Trade Center, festgestellt, dass kaum ein deutsches Kernkraftwerk dem Absturz eines großen Verkehrsflugzeuges standhalten würde. Brunsbüttel , Isar 1 , Philippsburg 1 und Biblis A seien sogar schon beim Aufprall eines kleinen Flugzeugs vom Typ A 320 gefährdet, heißt es in der Expertise. Es sei mit einer "frühen Aktivitätsfreisetzung" zu rechnen, deren Beherrschung "fraglich" sei.