Die fabelhafte Bronze-Familie Capricorne von Max Ernst spielt das Empfangskomitee und glotzt uns aufmunternd entgegen. Nur ein paar Meter entfernt präsentiert sich Gustav Seitz’ Große Stele als verwitterter Torso, der übermächtige Brüste spazieren führt und eine kopflose Verwandte der Venus von Willendorf sein könnte. Marino Marini indes vollführt mit Il Miracolo ein kleines großes Wunder, indem er seinen Knaben auf einem wilden Pferd einen gewagten Rodeo reiten und nebenbei die Schwerkraft besiegen lässt. Wer sich zu dem Männlein hinunterbeugt, erlebt einen Augenblick frommer Fröhlichkeit im freien Fall.

Allein schon mit ihren herausragenden Exponaten der Bildhauerei, einem der Schwerpunkte des Hauses, nimmt die Sammlung der Kunsthalle in Mannheim uns gefangen: Hier treffen wir auf Werke von Henry Moore, Hans Arp, Alberto Giacometti oder Auguste Rodin. Normalerweise sind sie im prächtigen Jugendstilgebäude an der Moltkestraße zu sehen. Doch das 1907 von Hermann Billing errichtete Haus wird derzeit generalsaniert und erst 2013 wieder eröffnet. Immerhin, der Erweiterungsbau aus den achtziger Jahren, funktional schlicht, bleibt auch während der Sanierung zugänglich und präsentiert unter dem knappen Titel Kunst bewegt eine bemerkenswert komprimierte Schausammlung. Dort teilen sich etwa Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, César, Arman und Daniel Spoerri ein Zimmer, in dem sie noch einmal zeigen dürfen, wie sie die Wirklichkeit im 20. Jahrhundert neu zusammengesetzt haben. In unserem Kopf formt sich derweil eine anregende Geschichte der Bildhauerei als eine unendliche Geschichte des Allesmöglichen. Der in die Jahre gekommene Filzanzug von Joseph Beuys, der wie zum Auslüften an der Wand hängt, kommt uns da gerade recht. Dasselbe gilt für das daneben stehende bronzene Ledersofa mit den akkurat davor aufgestellten Pumps von Clive Barker, der das Ensemble frech und ein wenig einfältig als Portrait of Madame Magritte ausweist.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Skulpturen, Plastiken und Objekte zeigen sich in Mannheim in allen erdenklichen Aggregatzuständen. Tobias Rehberger ordnet smartiehafte Stoffteile auf dem Boden zu einer bunt verspielten Performance, und der 1977 geborene Sebastian Kuhn arrangiert ein sperrmüll- wie popartiges Türenlabyrinth, in dem sich der Besucher nicht ein- noch auskennt, dafür aber überraschende Ein- und Ausblicke gewinnt. Tumbling down the Rabbit Hole nennt er sein Werk, das gängige Seinsformen der Skulptur auf den Kopf stellt und den Besuchern ein Alice im Wunderland- Feeling beschert. Sehr viel schlichter, aber in ihrer verletzlichen Solidität seltsam ergreifend, die gespaltenen und wieder zusammengesetzten Dolomitplatten von Ulrich Rückriem, die wie Mahnmale der Achtsamkeit am Boden liegen.

Die Anfänge der Sammlung sind der Bürgerschaft und dem ebenso visionären wie weltgeltungssüchtigen Gründungsdirektor Fritz Wichert zu verdanken, der in Mannheim eines der ersten Museen für moderne Kunst etablierte. Seinem Nachfolger Gustav Friedrich Hartlaub gelang ein weiterer Coup, initiierte er doch eine Ausstellung über deutsche Kunst nach dem Expressionismus und betitelte sie mit Die neue Sachlichkeit. Ein Begriff, der einer ganzen Stilrichtung ihren Namen geben sollte; heute macht sie einen der Schwerpunkte der Mannheimer Gemäldesammlung aus. Hinzu kommen der deutsche und französische Impressionismus, der Expressionismus sowie die abstrakte Kunst des deutschen und französischen Informel. Insgesamt mehr als 2150 Gemälde, 840 Skulpturen und etwa 33.000 Papierarbeiten vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart beherbergt die Mannheimer Sammlung. Die derzeit ausgestellten Kostproben von Anselm Kiefer, Francis Bacon, Antoni Tàpies und Emil Schumacher geben nicht nur einen Vorgeschmack: Sie machen richtig Hunger auf mehr.