Schon wieder Blut für Öl? Der venezolanische Herrscher Hugo Chávez hat dem Westen vorgeworfen, er greife in Libyen ein, um sich der Rohstoffe des Landes zu bemächtigen. Auch in der muslimischen Welt wird diese Verschwörungstheorie verbreitet. Tatsächlich kreisen die Jagdbomber der Franzosen, Amerikaner und Briten über Städten, die früher nur Erdöl-Fachleuten bekannt waren. Ras Lanuf, ein elendes Nest neben einer riesigen Raffinerie. Brega, ein Dorf mit großem Ölhafen und Veredelungsanlagen. Um diese beiden Orte geht in den jüngsten Tagen der Kampf zwischen Rebellen und Gadhafi-Milizen. Über sie fliegt die Nato.

In den Wochen des libyschen Krieges ist der Ölpreis auf deutlich über 110 Dollar pro Fass geschossen. Was ist also dran an den Vorwürfen, westliche Nationen kämpften für das Öl? Wie bedeutsam ist Libyen für den Weltmarkt?

Urteilt man allein nach den Ölkonzernen, die nun ihre Mitarbeiter aus dem Land geholt haben, scheint das Land wichtig zu sein. Alle großen und viele kleine waren präsent. Die Amerikaner zum Beispiel mit ExxonMobil, die Italiener mit ENI, dazu Total aus Frankreich, die britische BP, die chinesische CNPC. Über zwei Drittel des libyschen Öls wurden vor dem gegenwärtigen Krieg von internationalen Firmen gefördert. Nun sind die Produktionsstätten verwaist, die Spezialisten geflohen, die Ölhäfen leer. Weiter auf Libyens alten Herrscher Muammar al-Gadhafi zu setzen ist für die Konzerne risikoreich: Die meisten Ölhäfen und Raffinerien liegen im Osten des Landes. Und da üben derzeit die Rebellen die Kontrolle aus. Sie organisieren erste kleine Exporte.

Dabei war es Gadhafi, der die Multis ins Land geholt hatte. Der Ölboom begann 2004 , nachdem der Westen die Sanktionen gegen Libyen aufgehoben hatte. Der Diktator hatte sich geschickt aus dem Prozess um das 1988 abgeschossene Passagierflugzeug PanAm 103 über Lockerbie herausgewunden. Er rüstete Massenvernichtungsmittel ab und machte einen Deal mit dem Westen: internationale Anerkennung gegen Öllizenzen. Westliche Experten lobten Libyen. "Im Gegensatz zum Irak, wo man noch abwarten muss, ist Libyen der Platz, um zu investieren und zu bohren", urteilte der Ölexperte Daniel Yergin von Cambridge Energy Research Associates im Jahr 2004. Seine Kollegen priesen den leicht zu verarbeitenden, schwefelarmen Rohstoff aus der libyschen Sahara.

Kurz darauf standen westliche Staatenlenker Schlange in Tripolis. Der britische Premier Tony Blair machte 2004 seine Aufwartung, in seinem Gefolge die BP. Kurz darauf kam auch Kanzler Gerhard Schröder vorbei mit seinen Freunden aus dem deutschen Energiebusiness. Die BASF-Tochter Wintershall konnte in Libyen an eine lange Tradition anknüpfen, hatte sie dort doch in den fünfziger Jahren nach Öl gebohrt. Ein naher Nachbar Libyens ist Italien. Rom musste sich zunächst für die Verbrechen der Kolonialzeit entschuldigen, bevor dann Premier Silvio Berlusconi 2008 nach Libyen reiste. Mit ihm die ENI. Westliche Konzerne buhlten um neue Bohrlizenzen, auch im Offshore-Bereich vor der libyschen Küste.

Der Krieg schmerzt die Investoren. Die Ölmärkte verkraften ihn

Libyen ist ein europäisches Öldorado, was angesichts der kurzen Transportwege über das Mittelmeer einleuchtet. 85 Prozent des Öls gehen in die Alte Welt. Hier trifft die "Blut für Öl"-These also schon mal nicht. Es sind nämlich gar nicht die bei der Durchsetzung des Flugverbots über Libyen vorneweg fliegenden Amerikaner, die stark vom libyschen Ölzufluss abhängen. Sondern Italiener, Iren und Österreicher. In diesen Ländern macht libysches Öl bis zu einem Viertel der Importe aus. Zu den größten Kunden Libyens gehören ebenfalls die Deutschen, die sich im UN-Sicherheitsrat enthalten haben. Aber eben auch die Franzosen, welche die Resolution über das Flugverbot angestoßen hatten. Ein Beziehungsmuster zwischen Ölimport und Militäreinsatz ist da nicht erkennbar.

Italien bezieht aus Libyen nicht nur Öl, sondern auch Erdgas durch eine Unterwasserpipeline zwischen der libyschen Stadt Mellitah und Sizilien. Sieben Prozent des italienischen Gasverbrauchs kamen vor dem Krieg aus Libyen. Nach dem Förderstopp auf den Ölfeldern ist ENI am stärksten von der Krise betroffen. Hinzu kommen die möglichen Plünderungen von Anlagen, die jetzt alle Firmen fürchten müssen. Viele von ihnen waren noch gar nicht fündig geworden, das oft nagelneue Explorationsgerät hatte sich noch gar nicht ausgezahlt. Das schmerzt Investoren. Für die Weltmärkte hingegen ist der Schock zu verkraften.