Der Hund, der nächtens nicht gebellt hat, ist ein Sherlock-Holmes-Klassiker. Wie "kurios", grübelt der größte aller Detektive in Silver Blaze, liegt doch das Bellen in der Natur des Tieres. Also die Perspektive wechseln: Der augenfällige Verdächtige kann es nicht gewesen sein; den kannte der Hund nicht und hätte deshalb angeschlagen.

Holmes hätte auch mit Blick auf die arabischen Revolutionen neu nachgedacht. Denn das Erwartbare ist ausgeblieben. Es fehlten die Hassparolen auf Amerika und Israel; die übliche Verbrennung ihrer Flaggen fand nicht statt. "Zum ersten Mal", notiert der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, "haben sich arabische Demonstranten weder gegen den Westen noch gegen Israel gewandt".

Die Überraschung ist umso größer, als gerade in den Aufstandsländern der Antisemitismus die wütendsten Orgien gefeiert hat. Nicht "Israelkritik", sondern das europäische Original mit Ritualmordlegende und Weltverschwörung. Im Spiel war die klassische Ablenkungsstrategie. Je versteinerter das Regime, desto heftiger der offiziell geschürte Hass auf Amerika und Israel: Die sind schuld an eurem Unglück; keine Reformen, solange der Feind nicht besiegt ist. Das hat die Tyrannen und die Unterdrückten jahrzehntelang zusammengeschweißt. "Beschäft’ge stets die schwindlichten Gemüter / Mit fremdem Zwist", heißt es schon bei Shakespeare.

Mit den Regimen wackelt auch ein beliebter Glaubenssatz im Westen: dass alle Probleme der Region wie von Zauberhand verschwänden, wenn endlich das palästinensische gelöst würde. Die berüchtigte "arabische Straße" in Kairo, Damaskus, Amman, Tunis und Bengasi hat aber nicht für Palästina demonstriert – noch ein Hund, der hätte bellen müssen. Die Rebellen kämpfen für Freiheit in Ägypten, Syrien, Libyen, nicht in Palästina.

Die Israelis haben das noch nicht erkannt; für sie galt der Satz "Mubarak gut, Masse böse", weil er der Garant des Friedens war. Wenn aber die Revolution so ausgeht, wie sie zu verheißen scheint (ein großes Wenn), dann ist auch hier der Perspektivwechsel fällig. Dann könnte sich der Hass der "Straße" als Machtinstrument der Tyrannen entpuppen, dann könnten die Israelis zum ersten Mal aufatmen und Sicherheit nicht nur mit gefletschten Zähnen suchen. Oder in der Besatzung.

Das zentrale Dogma der Nahostpolitik könnte sich in sein Gegenteil verkehren. Nicht die 60 Kilometer zwischen Jaffa und Jericho sind die Mutter aller Konflikte , sondern Despotismus und Dysfunktionalität vom Maghreb bis zum Maschrek. Das jedenfalls signalisiert die Jasmin-Revolution. Setzen sich die Demokraten durch, wird sicherlich kein Liebesfest ein Jahrhundert der Feindschaft ablösen. Aber legitime Herrschaft braucht keine Feindbilder, erst recht nicht, wenn sie bringt, was fehlt: Teilhabe, Bildung, Wachstum, Chancen.

Engelskreis statt Teufelskreis – das ist die Verheißung des Arabischen Frühlings. Ob es gut ausgehen wird? Die Geschichte der Revolutionen seit 1789 schreit nicht gerade "Ja!". Aber die Hunde, die nicht gebellt haben, sagen uns stumm und doch sehr deutlich, welcher Seite der Westen und Israel helfen müssen.