Wer nicht strenggläubiger Sunnit ist, hat in Pakistan kein Lebensrecht. Das ist die Botschaft der Attentäter, d ie vor wenigen Tagen in der Provinz Punjab mehr als 40 Menschen töteten . Ihre Vergehen: Sie waren an den Sakhi-Sarwar-Schrein gepilgert, um dort zu beten, zu singen und zu meditieren. Diese Menschen waren Sufis, Anhänger einer lebenszugewandten Glaubensrichtung des Islams – in den Augen ihrer Mörder Häretiker, die den Tod verdient haben. Die Sufis sind nur die letzten in einer ganzen Reihe von Opfern einer Mordkampagne gegen jeden, der nicht nach den Kriterien der Extremisten lebt und handelt. Das letzte prominente Opfer war Shabaz Bhatti, Minister für Religionsfragen und einziger Christ in der Regierung; wenige Wochen vor Bhattis Tod starb Salman Taseer, der liberale, säkulare Gouverneur der Provinz Punjab, im Kugelhagel eines Attentäters. Pakistan ist vom Säuberungswahn im Stil der Taliban erfasst – und es scheint kein Halten mehr zu geben.

Die Extremisten beschränken sich längst nicht mehr auf die Grenzregionen zu Afghanistan. Sie greifen das Herz Pakistans an . Der Punjab ist die bevölkerungsreichste, wichtigste Region Pakistans; der Sufismus ist die Glaubensrichtung, der die Mehrheit der Pakistaner angehören.

Überraschen sollte das niemanden. Jahr für Jahr veröffentlichen pakistanische wie auch ausländische Forschungsinstitutionen detaillierte Berichte über die ungehinderte Ausbreitung der Taliban im Herzland Pakistans und die tödliche Bedrohung, die damit für den ganzen Staat einhergeht. Und Jahr für Jahr nehmen der Rhythmus und die Intensität der Schläge zu, die Pakistan an den Rand des Abgrunds drängen. Das Schlimmste daran ist, dass sich das Zentrum der Gesellschaft in die Richtung der Extremisten verschiebt. Der Mörder des Gouverneurs Salman Taseer war ein Elitesoldat. Er wurde von vielen muslimischen Organisationen – auch von Sufis – als Held gefeiert. Er fand sehr schnell Anwälte, die ihn verteidigen wollten. Salman Taseer musste sterben, weil er gegen das sogenannte Blasphemiegesetz Stellung bezogen hatte. Dieses ermöglicht, Angriffe auf den Koran mit lebenslanger Haft und die Beleidigung des Propheten Mohammed mit der Todesstrafe zu ahnden. Der Diktator, General Ziaul-Haq, hatte es in den siebziger Jahren verabschiedet. Damals konnte er es nur kraft seiner diktatorischen Macht durchsetzen, heute scheint das Gesetz mehrheitsfähig zu sein. Die böse Frucht des Despoten kommt nach drei Jahrzehnten zur vollen Blüte.

Niemand scheint ein Rezept dafür zu haben, wie diese fatale Entwicklung aufzuhalten sein könnte. Als die Taliban 2008 das Swattal einnahmen und wenige Kilometer vor der Hauptstadt Islamabad gesichtet wurden, da schien ein Ruck durch das Land zu gehen. Die Armee eroberte das Swattal zurück, unter dem Applaus der Parteien und der Öffentlichkeit. Eine nationale Koalition gegen die Extremisten schien geschmiedet. Doch das war offenbar eine Schimäre.

Die Extremisten sind keine blutrünstigen Außenseiter mehr. Die Frage ist, warum es ihnen gelingt, so weit und tief in die Herzen und Köpfe der Pakistaner vorzudringen. Lähmende Angst, das ist gewiss eine Antwort darauf. Es braucht viel Mut, sich den Mördern entgegenzustellen. Isolation ist eine zweite Antwort. Pakistan ist nicht so von der Welt abgeschlossen wie Nordkorea oder Iran, aber viele Pakistaner fühlen sich trotzdem von mächtigen Feinden umstellt und belagert – vom Erzfeind Indien, der keine Anstalten macht, Pakistan in der Kaschmirfrage entgegenzukommen; von den USA, die den Krieg gegen den Terror seit Jahren auf Pakistan ausgedehnt haben und nahezu täglich mit Drohnen angreifen. Die Extremisten schüren die Belagerungsängste. Sie verbreiten die These, dass die Feinde Pakistans das Land vernichten wollen, weil es der einzige muslimische Staat mit einer Atombombe sei. Im Inneren sitzen die Gegner ebenfalls. Es reicht, öffentlich Whisky zu trinken, wie Salam Taseer es tat, oder an Jesus zu glauben wie Shabaz Bhatti oder Gott singend anzubeten wie die Sufis – schon ist man Todfeind Pakistans.