Die Utopie der Liebe – Seite 1

Mit der Treue verhält es sich wie mit dem ICE. Kommt er pünktlich ans Ziel, so redet keiner davon. Entgleist er jedoch, so ist es eine Nachricht, die jeden beschäftigt. Die Seitensprünge königlicher Hoheiten, die Scheidungen prominenter Präsidenten füllen die Blätter, und von den Affären der Reichen und Schönen zehren die Magazine tagaus, tagein. Ihre Leser und Zuschauer nehmen begierig daran Anteil, ob mit offener Schadenfreude oder verhohlener Nachahmungslust.

Es entsteht der Eindruck, die Treue sei etwas Seltenes, allmählich Verschwindendes. Ist sie nicht eine unrettbar altmodische Tugend, die einer zeitgemäß flexiblen Lebensweise nicht mehr entspricht? Tatsächlich aber sind Paare einander aber häufiger treu als untreu, und heutzutage nicht seltener als zu anderen Zeiten. Die Liebe ist ohne das Gelöbnis der Treue im Grunde nicht denkbar. Denn, wie es in Kierkegaards Traktat Entweder – Oder (1843) heißt: "Die Liebe begehrt nur einen zu lieben und hat darin ihre Glückseligkeit, sie begehrt nur einmal zu lieben und hat darin ihre Ewigkeit."

Man muss sich aber, wenn man diesen wunderbar pathetischen Satz zitiert, vor Augen halten, wer ihn spricht. Kierkegaards listiges Buch ist ein Streitgespräch zweier Gegenspieler. Der eine schwelgt in Fantasien der Verführung, der andere preist die ewige Treue. Der Verführer sagt: "Man hüte sich vor der Ehe! Eheleute geloben einander Liebe auf ewig. Das ist nun zwar ziemlich leicht, hat aber auch nicht viel zu bedeuten. Denn würden wir mit der Zeit fertig: die Ewigkeit sollte uns nicht viel zu schaffen machen. Wenn die Betreffenden statt ›auf ewig‹ etwa sagen würden bis ›Ostern‹ oder ›bis zum Mai nächsten Jahres‹, so hätte das doch einen Sinn, damit wäre wirklich etwas gesagt, etwas, worüber sich reden ließe."

Während der Verführer also das Versprechen der Dauer als Illusion entlarvt, zeigt der Verteidiger der Treue, dass eine Liebe, die einzig auf den Augenblick der Wollust zielt, keine sein kann. Keine Liebe kann auf den Gedanken der Dauer verzichten, sie will die Ewigkeit des Augenblicks. Er kritisiert einen Liebhaber, "der frech genug ist, dem unglücklichen Mädchen, das nur einmal lieben konnte, zu sagen: so viel verlange ich ja gar nicht, ich bin mit weniger zufrieden; es fällt mir gar nicht ein, von dir zu fordern, dass du mich in alle Ewigkeit liebst, wenn du mich bloß in dem Augenblick liebst, da ich dich begehre." Nein, sagt der Verteidiger, "die Liebe hat eine Analogie mit dem Sittlichen durch das wenn auch illusorische Ewigkeitsbewusstsein, das sie veredelt und aus dem Reich der bloßen Sinnlichkeit heraushebt. Aber diese wahre Ewigkeit kommt nur zustande durch eine Willenbestimmung."

Damit ist das Problem benannt. Wer sagt: "Ich liebe dich", der kann nicht, ohne sich zu widersprechen, hinzufügen: "...bis zum nächsten Jahr." Und wenn er aus Gründen der Ehrlichkeit oder des Selbstzweifels einschränkend sagen würde: "Ich liebe dich, solange ich es vermag", so müsste das für den Partner eine einseitige, schwer erträgliche Willkür bedeuten, weil ihn jederzeit der Zufall des Nicht-mehr-Geliebtwerdens treffen könnte. Unweigerlich ist mit jeder Liebeserklärung das Versprechen der Dauer verbunden – also die Treue.

Wenn Kierkegaard aber das "Ewigkeitsbewusstsein" als "illusorisch" bezeichnet, so hat er die Erfahrung auf seiner Seite, und fast jeder, der einmal geliebt hat, könnte etwas dazu beisteuern. Im entflammten Augenblick glaubt der Liebende an die Dauer und gelobt ewige Treue. Im grauen Rückblick aber, wenn alles vorbei ist, erkennt er, dass er sich getäuscht hat, in sich selber oder in seinem Gegenüber. Jedoch: Wenn er sich aufs Neue verliebt, wird er neuerdings an die Unverbrüchlichkeit seiner Liebe glauben. Anders geht es nicht.

Und sogar vor dem Hintergrund der Untreue noch gilt die Treue als Unterpfand der Zugeneigtheit. Selbst die Geliebte, die den Seitensprung empfängt, erwartet Treue hinsichtlich potenzieller Konkurrentinnen, und einer der Gründe für Jörg Kachelmanns Fall scheint ebendies gewesen zu sein: dass sich seine Gespielinnen dadurch betrogen fühlten, dass es noch andere gab. Was immer wir Liebe nennen wollen, ob sexuelles Begehren oder ganzheitliches Vertrauen, kommt ohne den Gedanken der Treue nicht aus.

 

Und deshalb ist die Literatur, sind die Mythen voll von Liebespaaren, die das Ideal der Treue vollendet verkörpern: Penelope, die alle Werber zurückweist und keusch auf die Rückkehr ihres Odysseus wartet; Romeo und Julia, die gegen alle Widerstände an ihrer Liebe festhalten bis zum Tod; Orpheus, der seiner Eurydike ins Reich der Schatten nachfolgt; Philemon und Baucis, die von Zeus das Geschenk erhalten, in ewiger Treue miteinander verbunden zu sein und gleichzeitig zu sterben. Philemon wird, als ihn der Tod ereilt, zu einer Eiche, Baucis zu einer Linde.

Das schönste, das rührendste Beispiel der Treue finden wir in Johann Peter Hebels Erzählung Unverhofftes Wiedersehen (1811), der Geschichte eines jungen Paares, das durch den Tod des Bräutigams, der im Bergwerk verunglückt, auseinandergerissen wird. Die Braut aber bleibt ihm treu, und es heißt: "Sie vergaß ihn nie. Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten."

Und eines Tages findet man den toten Bräutigam. Das Vitriolwasser, in dem er lag, hat ihn vollkommen konserviert. Die Braut ist die Einzige, die ihn noch kennt, und sie umarmt den Leichnam. "Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte." Am Ende lesen wir: "Als man ihn ins Grab legte, sagte sie: ›Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn im kühlen Hochzeitbett, und lass dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wird’s wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten.‹"

Aber wie in den Medien, so ist auch in der Literatur die Treue ein schwächeres Motiv als die Untreue. Das stille Glück bedarf der künstlerischen Gestaltung offenbar weniger als das Unglück. Der Konflikt, aus dem es kommt, der Schmerz, den es hervorbringt, bildet die Antriebskraft berühmter Romane. Tolstojs Anna Karenina liebt den Grafen Wronski, aber ihre Liebe ist zu groß für diese Welt. Flauberts Emma Bovary heiratet ihren mäßig geliebten Landarzt, doch ihre Sehnsucht bleibt die große Liebe: "Im Grunde ihres Herzens erwartete sie ein Ereignis. Wie die Matrosen in Seenot ließ sie verzweifelte Blicke über die Ödnis ihres Lebens schweifen und suchte fern am Horizont ein weißes Segel." Das Segel erscheint in Gestalt eines ordinären Lüstlings. Sie wirft sich ihm an den Hals, verzweifelt am Ende und bringt sich um. So könnte man Beispiel an Beispiel fügen, und fast hat es den Anschein, als wäre der Roman einzig erfunden worden, um Geschichten der Treulosigkeit zu erzählen.

Den entscheidenden Roman aber, der das Thema Treue mit radikaler, wissenschaftsähnlicher Experimentierlust zerlegt, hat Goethe geschrieben. In seinen Wahlverwandtschaften (1809) sehen wir, wie sich Eduard und Charlotte, die einander früh schon liebten und über vorangegangene Beziehungen hinweg die Treue hielten, auf erschütternd neue Wege begeben; und sie tun das nicht aus freier Entscheidung, sondern wie Getriebene eines unbeherrschbaren Prozesses. Charlotte, die ihm (mannhaft müsste man sagen) zu widerstehen sucht, bekennt am Ende ihr Scheitern: "Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnäckig vornimmt. Vergebens, dass Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige sich ihm in den Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht ist, was uns nicht recht erscheint; und so greift es zuletzt durch, wir mögen uns gebärden, wie wir wollen."

Treue ist bloß eine Idee, die an naturnotwendigen Gesetzen scheitert. Das materialistische Kalkül, das Goethe in einem scharfen Spiel überprüft, wird deutlich in einer Bemerkung jenes Hauptmanns, in den Charlotte sich widerstrebend verliebt: "Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne dass man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst verbunden habe."

So geschieht es dann. Und ist es nicht einer verbreiteten Denkweise verteufelt nah? Dass wir keineswegs Herr unserer Entscheidungen seien, sondern Produkte biochemischer Vorgänge (oder anderer)? In den Wahlverwandtschaften ist es die zarte Ottilie, die am Ende zum hauptsächlichen Opfer des letztlich frivolen Experiments werden muss. Sie ist die eigentliche Heldin, die wahrhaft Liebende. Sie entsagt in einem Akt freier Entscheidung – und sie vergeht daran.

 

In seiner Schrift Zur Soziologie der Familie (1895) hat Georg Simmel auf den merkwürdigen Umstand hingewiesen, dass von einem arabischen Stamm "Dreiviertel-Ehen" berichtet worden seien, bei denen sich die frisch vermählten Frauen lediglich dazu verpflichtet hätten, an bestimmten Wochentagen treu zu sein. Das erinnert an einen ähnlichen Vorschlag aus den Wahlverwandtschaften, Treuegelöbnisse generell auf fünf Jahre zu beschränken.

Man kann das pragmatisch oder verlockend finden, darf aber nicht vergessen, dass Liebe und Ehe und Treue verschiedene Dinge sind. Die Ehe ist denkbar ohne Liebe und erst recht ohne Treue. Die Liebe ist sehr wohl denkbar ohne Ehe, aber undenkbar ohne Treue. Dass sie oft nicht gelingt, ist die tragische Seite. Simmel sagt, die Liebe sei eine unbegründete primäre Kategorie: "Und das ist sie, indem sie ihren Gegenstand in seinem eigenen und letzten Wesen bestimmt, indem sie ihn als diesen vorher nicht bestehenden erschafft. Wie ich selbst als Liebender ein anderer bin als vorher, so ist auch der Geliebte als solcher ein anderes Wesen. Der Gegenstand der Liebe ist nicht vor ihr da, sondern erst durch sie."

Insofern kann man sagen, dass der Liebende, indem er das Treuegebot verletzt, vor allem sich selber verletzt. "Man könnte die Treue", so Simmel, "als das Beharrungsvermögen der Seele bezeichnen, welches sie in einer einmal eingeschlagenen Bahn festhält, nachdem der Anstoß, der sie überhaupt in diese Bahn geführt, vorbeigegangen ist." Ist dieses Beharrungsvermögen eine Eigenschaft, die ich (wie blonde Haare) besitze oder eben nicht? Oder ist sie ein Willensakt, der meinem freien Entschluss unterliegt?

Bei Goethe (in Wilhelm Meister) demonstriert Philine genau diese Autonomie: "Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?" Das ist wahrhaft groß. Aber Philine, wenn wir es recht bedenken, kommt von einem anderen Stern. Und es mag uns Treulose trösten, dass Goethe, dieser Meister in der Darstellung des Treueproblems, zugleich sein Leben lang ein Virtuose der Treulosigkeit gewesen ist. Aber sein ganzes Werk ist bestimmt von der Utopie, die jeden Liebenden erfüllt: dass es diesmal gelingen könnte, wahrhaft treu zu sein.

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