2) Die Wirklichkeit

Damit beginnt der heikle Teil. Ständig verbreiten Männermagazine, Frauenzeitschriften und Internetforen Umfragen zu Bettgeschichten (nicht selten angefertigt im Auftrag von Kondomherstellern). Was soll man da glauben? Selbst die wenigen streng wissenschaftlichen Befragungen, auf denen dieser Artikel fußt, stoßen an Grenzen. In den peinlich genauen Interviews des US-Sexforschers Alfred Kinsey , der darauf spezialisiert war, seinen Probanden intime Details zu entlocken, führte in den vierziger und fünfziger Jahren keine andere Frage so oft zu der Antwort: "No comment." Auch in der aktuellen pairfam-Studie verweigern rund drei Prozent die Auskunft.

Wenn die delikaten Fragen an der Reihe sind, lassen die pairfam-Interviewer daher die Teilnehmer ihre Antworten selbst in den Laptop tippen. "Sie sind angewiesen, in ihren Unterlagen zu wühlen oder zum Klo zu gehen", sagt Walper. Dennoch müsse man mit den Daten vorsichtig umgehen: "Auch unsere Testpersonen haben bisher eher zurückhaltend geantwortet." Sie hofft aber, dass sich in ihrer repräsentativen Längsschnittstudie über die Jahre hinweg ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Wenn dann 2020 mehr Affären ans Licht kommen, muss das nicht heißen, dass die Deutschen untreuer geworden sind – sondern womöglich nur ehrlicher.

Anders als die Hamburg-Leipziger fragt die pairfam-Studie ausschließlich nach Seitensprüngen im jeweils vergangenen Jahr. Damit sinkt der Anteil der Fremdgänger erheblich, das zeigte bereits die Befragung der Großstädter. Während 50 Prozent irgendwann in ihrem Leben schon einmal untreu waren, waren es in der aktuellen Beziehung 28 Prozent und im vergangenen Jahr weniger als 10 Prozent. Man könnte auch sagen: Die meisten Menschen sind die meiste Zeit in ihrem Leben tatsächlich treu.

Die Daten von pairfam deuten nun auf ein überraschendes Phänomen hin. Ähnlich wie schon in der ersten gaben jetzt auch in der zweiten Runde 4,5 Prozent der Teenager einen Seitensprung im vergangenen Jahr an – aber nur 1,8 Prozent der Teilnehmer Ende 30. Während die Jugendlichen also Treue als weitaus wichtiger bezeichnen, sind sie in der Realität weniger treu.

"Nirgendwo klaffen Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinander wie bei den ganz Jungen", sagt die Psychologin Walper. Und Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung der Universität Hamburg meint: "Bei Jugendlichen zeigt sich das Problem der Treue wie unter einem Brennglas." Sie hat an der Hamburg-Leipziger Studie mitgearbeitet und erforscht besonders die Sexualität von Jugendlichen. "Treue ist für Teenager ein ganz wichtiger Wert, und Untreue beginnt schon beim ›Fremdknutschen‹." In der Praxis aber wechselten sie sehr schnell den Partner, sobald sie jemand Neues interessiere – pro forma bleibe die Exklusivität gewahrt. "Aber die Idee der Treue ist ja eine andere", sagt Matthiesen. "Der große Wunsch danach entspringt dem Versuch der Jugendlichen, in der komplizierten Welt der Beziehungen Ordnung zu schaffen, sich an einfachen Maßstäben zu orientieren."

Wenn sich also regelmäßig neun von zehn Erwachsenen Treue wünschen, dann ist auch das womöglich vor allem eins: ein Wunsch. Er spricht vom Bedürfnis nach Verlässlichkeit, der Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen – gerade weil die Wirklichkeit oft anders aussieht. So gesehen widerspricht die Sehnsucht der Realität gar nicht, sie ergibt sich im Gegenteil aus ihr.