Führen heißt entscheiden statt warten lautet die Überschrift. "Die heutige Politikergeneration ist oft mutlos", das ist der erste, strenge Satz des Textes. Es folgt ein Plädoyer gegen das Konsensdenken und für knappe, strittige Abstimmungen – und die Klage, aus Angst vor langen Diskussionen werde in den Parteien oft gar nicht mehr entschieden, "frei nach dem Motto: Wer nichts macht, macht keine Fehler, wer keine Fehler macht, wird wiedergewählt".

Geschrieben hat das alles Philipp Rösler, heute 38, zweitjüngster Bundesminister; damals, im Jahr 2001, war er Generalsekretär der FDP in Niedersachsen. Es ging in dem Aufsatz unter anderem darum, warum Parteien anders geführt werden müssen als Unternehmen. In der Woche des Führungswechsels in der FDP ist das eine lustige Lektüre, schließlich haben diesmal die Jungen – Rösler, FDP-Generalsekretär Christian Lindner und Gesundheitsstaatssekretär Daniel Bahr – lange gezögert, und einige der Alten, Ehemalige wie der frühere Innenminister Gerhard Baum, haben gedrängt. Seit Anfang dieser Woche steht fest, dass Philipp Rösler, Bundesgesundheitsminister, Arzt, Vater von Zwillingen und Chef der niedersächsischen Liberalen, Mitte Mai zum Bundesvorsitzenden der schwächelnden FDP gewählt werden soll .

Lange hat Rösler anders geplant. Noch am Abend der jüngsten Landtagswahlen, die Fernsehbilder aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz waren erst ein paar Stunden alt, schickte Rösler dazu eine SMS. Ob es wirklich denkbar sei, dass Westerwelle und Brüderle auf ihren Ministerposten bleiben, war die Frage. Antwort: "Alles wird so bleiben wie es ist. Jede Wette." Das entsprach der Absprache zwischen Westerwelle und der jungen FDP-Troika: Führungswechsel ja, aber erst kurz vor der Bundestagswahl 2013. Lindner, Rösler und Bahr sollten mehr Einfluss auf die Innen- und Parteipolitik bekommen, aber in ihren alten Jobs. Dieser Deal war nach dem Wahlabend nicht mehr zu halten.

Am vergangenen Wochenende hat Philipp Rösler deshalb doch noch zugegriffen. Mutlos kann man ihn jetzt nicht mehr nennen. Was genau hat ihn umgestimmt? Der künftige Parteichef sitzt in einem Sushi-Restaurant in Berlin-Mitte, ein schlichtes Kellerlokal auf halber Strecke zwischen Parteizentrale und Gesundheitsministerium. Die Gerichte kosten weniger als zehn Euro, einen FDP-Treff stellt man sich schicker vor. Aber Rösler und seine Vertrauten essen häufig hier.

Es ist Montagmittag, gerade hat das FDP-Präsidium die Weichen gestellt, am nächsten Tag wird Rösler als designierter Parteichef vor die Kameras treten. Entscheidend sei am Ende seine Frau Wiebke gewesen, sagt er. Sie stammt aus einer FDP-Familie, ihr Vater, Arzt wie sie, macht seit Jahrzehnten bei den Liberalen Politik. Es gibt Fotos von der sechsjährigen Wiebke, die dem damaligen Parteichef Hans-Dietrich Genscher Blumen überreicht. Später arbeitete sie als Partei-Pressesprecherin für ihren heutigen Mann. Es gibt also so etwas wie eine Röslersche Familien-Loyalität zur FDP.

In Niedersachsen hat er sich manchmal gelangweilt, heute träumt er von Ruhe

Der designierte FDP-Chef selbst ist von einem SPD-begeisterten, alleinerziehenden Bundeswehroffizier erzogen worden. Auch er ist, darin ähnelt er Bahr und Lindner, ein Parteimensch durch und durch. Wenn er davon spricht, dass er mit 45 Jahren aus der Politik aussteigen wolle, oder auf offener Bühne unbeholfene Witze über die Hosenanzüge der Kanzlerin macht, wirkt er wie einer, der mit der Politik fremdelt, aber dieser Eindruck täuscht.

Für viele Politiker ist die Parteiarbeit notwendiges Vehikel, um Sachthemen voranzutreiben, andere schätzen die Geborgenheit einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Rösler, Bahr und Lindner gehören zum seltenen Typ Mensch, den eine Diskussion über die strategische Ausrichtung ihrer Partei regelrecht elektrisiert. Das Regieren haben sie erst nach vielen Jahren prägender Oppositionsarbeit kennen gelernt. Mit fast rührender Ernsthaftigkeit können alle drei etwa über die Frage reden, was genau unter mitfühlendem Liberalismus zu verstehen sei.