Der Mann kann begeistern. Anfangs stehen die neun Schüler mit den roten Käppis etwas verdruckst vor der Tafel. Sie haben über das Unterrichtsende hinaus im Klassenzimmer auf Besucher warten müssen, denen sie über ihre Schule berichten sollen. Aber dann kommt dieser alte Graubart in Shorts und lässt mit den richtigen Stichworten, die er mit kräftigem Organ in leicht ostpreußischer Sprachfärbung vorbringt, seinen eigenen Enthusiasmus auf die Kids überspringen. Sie erzählen, wie toll es hier ist und was sie alles lernen. Am Ende singen sie ihr Lieblingslied mit solchem Einsatz, dass beinahe das Schuldach abhebt.

"Green Futures" heißt die Sache, auf die sich die allgemeine Begeisterung richtet. Die Schule bildet junge Gärtner aus. Wir sind in Grootbos, in Südafrikas westlicher Kapprovinz. Der Mann in den Shorts heißt Michael Lutzeyer, und im Hauptberuf betreibt er hier eine Fünf-Sterne-Lodge. Seinen beträchtlichen Elan richtet der Hotelier aber zugleich darauf, gegen Unwissenheit, Armut und Deklassierung der Jugendlichen aus den schwarzen Townships der Gegend vorzugehen. Deshalb hat er diese Gartenschule aufgebaut. Er finanziert die Lehrer. Er bezahlt den Schülern Frühstück und Mittagessen. Er gibt jedem ein wöchentliches Taschengeld von 15 Euro. Und er hängt sich selbst rein.

Mit guten Taten hat Lutzeyer für seinen Hotelbetrieb das Zertifikat der Nichtregierungsorganisation Fair Trade in Tourism erworben. Deshalb sind wir hier. Wir bereisen die Garden Route an der südlichsten Küste Afrikas. Die gesamte Tour, die der kleine Reiseveranstalter SKR aus Köln geplant hat, trägt das Siegel des guten Tourismus. Fair Trade heißt in dieser Branche: Das Geschäft mit den Fremden darf der Umwelt nicht schaden und soll, statt die Gewinne ausländischer Touristikkonzerne zu mehren, die Lebensbedingungen der einfachen Menschen im Land verbessern.

Der deutsche Kaufmann Michael Lutzeyer hat vor 20 Jahren an der Walker Bay oberhalb der Stadt Stanford eine alte Farm gekauft – 123 Hektar bewaldetes Hügelland, das im Süden ein wilder, weißer Dünenstrand gegen den Indischen Ozean begrenzt – und zur Grootbos Nature Reserve ausgebaut. Um seinen Bedarf an Gärtnern zu decken, richtete er die Schule ein. Und dachte weiter: Wenn es gelänge, das frische Wissen der Gärtner, die aus den umliegenden Townships kamen, in die Armensiedlungen zurückzutragen, könnte man dort eine Selbstversorgung aufziehen.

Leicht war es nicht, die Gärtnerei in Schwung zu bringen. Im Eilschritt läuft Lutzeyer durch die Rabatten und deutet auf die dichten Hecken, die jedes Beet begrenzen. Sie müssen Kräuter, Salat und Gemüse gegen den cape doctor schützen, einen kalten Wind aus der Antarktis, der oft über die Hügel streicht. "Wir haben anfangs manches falsch gemacht und Lehrgeld gezahlt", sagt Lutzeyer. Die Kids aus den Townships haben auch nicht unbedingt die besten Lernvoraussetzungen mitgebracht. Im Kurs Life Skills lässt der Chef ihnen ein paar Grundlagen fürs Leben beibringen: Zeitmanagement etwa, das heißt pünktlich aufstehen und in der Schule erscheinen, den Umgang mit Telefonbuch und Bankkonto, Auto fahren...

Lutzeyer sagt: "Es gibt nichts Schlimmeres als Jugendliche ohne Arbeit und ohne Perspektive. Deshalb machen wir das hier." Er hat den Kids auch ein Sportzentrum eingerichtet. Es liegt in exakt gleicher Distanz zur "weißen" Stadt Stanford und zu den Siedlungen der Schwarzen und farbigen Mischlinge, die im staatsoffiziellen Neusprech der Post-Apartheid "vormals benachteiligte Individuen" heißen. Kinder jeglicher Hautfarbe bolzen dort zusammen. Auch die Gärtnerschule ist inzwischen ein Erfolg. Lutzeyer sagt stolz: "Am Ende des Kurses beherrschen die Absolventen ein paar Hundert Pflanzenbezeichnungen – auf Lateinisch." Vor allem aber trägt die Gärtnerei sich selbst. Sie verkauft ihre Erzeugnisse zu reellen Preisen auf dem Markt und an Lutzeyers Hotel.

Einen Gärtner alten Schlags haben wir ein paar Tage zuvor getroffen. Last Night, so heißt der Mann wirklich, lebt seit 92 Jahren auf der Leeuwenbusch-Farm, wo er noch heute Tag für Tag mit einem Blätterbesen die Wege sauber hält. Die Farm gehört zum Großwildreservat Amakhala, 60 Kilometer östlich von Port Elizabeth, wo unsere Tour begonnen hat. Last Night hat sich vor drei Jahrzehnten dagegen gesperrt, in Rente zu gehen, und deshalb lässt ihn der Farmer für 250 Euro monatlich seinen Job weitermachen.

William Fowlds wirkt auf den ersten Blick wie ein Großgrundbesitzer aus einem Afrika-Filmklassiker. Wer sich in die Bar traut, die der Boss sich in einem alten Stall eingerichtet hat, wird mit den Worten begrüßt: "Wer bist du? Was trinkst du?" – und dann großzügig versorgt. Die Farm ist seit eineinhalb Jahrhunderten in Familienbesitz. Die britische Kolonialregierung hatte 1820 Siedler als menschliches Bollwerk gegen die wehrhaften Xhosa-Stämme in die östliche Kapprovinz gelockt. Ahnentafeln an der Wand sowie das antike Mobiliar im Haupthaus der Farm, das nun als Gästehaus dient, zeugen von der Historie. Wirklich reich geworden sind die Fowlds von der Schaf- und Rinderhaltung nie. Als in den neunziger Jahren die Preise für Fleisch, Milch und Wolle in den Keller gingen, überredete Fowlds vier Nachbarn, die Zäune zwischen ihren Ländereien einzureißen und ein Reservat anzulegen. Man kaufte Löwen, Elefanten und anderes Getier und setzte sie aus.

Termite entfaltet auf der Zunge einen kräuterigen Geschmack

Das ehemalige Farmland bietet den Tieren ein ideales Gelände. Die gerodeten Flächen wachsen allmählich wieder mit Kameldorn und Aloe zu und geben Geparden Auslauf und Warzenschweinen Deckung. André, der junge Wildhüter, bricht täglich in aller Herrgottsfrühe auf, um den Bestand an Nashörnern zu kontrollieren, deren Horn begehrte Beute krimineller Jäger ist. Tagsüber karriolt er in seinem Geländewagen Touristen durch den Busch, die sich dank achterbahnartiger Streckenführung auf einen Muskelkater im Gesäß gefasst machen dürfen. "Ich garantiere euch, dass wir keine Löwen sehen werden", sagt der Ranger verschmitzt, dafür wartet er mit einer anderen Sensation auf. Er hält an einem Termitenhügel. "Probiert mal", sagt er, "sie sind sehr proteinreich und schmecken interessant." Stimmt, Termite entfaltet auf der Zunge einen kräuterigen Geschmack mit einer leicht bitteren Note.

Den Farmern hat der Wechsel zum Tourismus das wirtschaftliche Überleben gesichert. Zwar hat der drei Meter hohe elektrische Zaun, dessen 10.000 Volt einen Elefanten auf den Hintern zwingen, ein Vermögen gekostet. Aber anders als Rinder und Schafe sorgen die Wildtiere für sich selbst. Dass das Farmland der Natur zurückgegeben wurde und das Reservat alle möglichen ökologischen Standards einhält, war der Hauptgrund dafür, dass Amakhala das Fair-Trade-Siegel bekommen hat. Außerdem wurde honoriert, dass Fowlds, den seine Bediensteten schlicht Uncle Bill nennen, sein Personal gut behandelt. Die ehemaligen Farmarbeiter sind umgeschult worden zu Wildhütern und Hotelangestellten, die deutlich über den Mindestlöhnen bezahlt werden.