Den jungen Männern in der Pionierkaserne Gera geht es gleich zu Anfang an die Wäsche. Vor zwei Stunden haben sie ihren Wehrdienst angetreten. Freiwillig. Jetzt sitzen sie im Schulungsraum und hören angespannt zu, was ein Obergefreiter von einem Blatt Papier abliest. Der hatte zuvor angekündigt, es gehe um eine wichtige, nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidung. "Zwei Unterhemden, Viertelarm, weiß", liest er vor, "drei Unterhemden, ohne Arm, weiß; fünf Slips, weiß. Alles Feinripp. Ein Schlafanzug, blau, nicht Feinripp." Pause. "Wollen Sie die Wäsche oder einmalig 25,56 Euro?" Bedeutungsschwere Pause. "Diese Entscheidung liegt ganz allein bei Ihnen." Alle nehmen die Wäsche.

Was an diesem 4. April mit einer profanen Frage beginnt, ist für die Bundeswehr ein historischer Moment: Es ist ihr Tag eins als Freiwilligenarmee. Die Wehrpflicht ist Vergangenheit . Viele in der Bundeswehr und Politik haben diesen Tag gefürchtet. Die Angst vor leeren Kasernenhöfen , vor einer Armee, die zum sozialen Auffangbecken oder gar zum Spielfeld für die Generation Egoshooter verkommt, begleitete die Diskussion um die Bundeswehrreform. Bange fragte man sich, wie viele Freiwillige wohl kommen werden.

Und vor allem, wer da kommt.

Zu Wochenbeginn sind deutschlandweit 1494 Freiwillige in die Kasernen eingerückt. Wie lange sie dienen wollen, konnten sie selbst entscheiden – bis zu 23 Monate sind möglich. Zum Vergleich: Im April des Vorjahres traten 16140 Wehrpflichtige ihren Dienst an. Womit die Frage, wie viele kommen werden, beantwortet ist: zu wenige. Im Verteidigungsministerium gibt man sich dennoch entspannt. "Wir haben damit gerechnet", heißt es. Und Bilanz könne ohnehin erst am Jahresende gezogen werden.

Soldat, das ist ein besonderer Beruf.

Du sitzt nicht am Schreibtisch rum und machst jeden Tag die gleichen langweiligen Sachen. Hier trainierst du und kämpfst

Bleibt also die Frage, wer gekommen ist. Einer der 1494 ist Manuel Dreier. Er ist 18 Jahre alt und schon ein ganzer Kerl: stämmig, mit kurz geschorenen Haaren und Footballer-Kreuz. Seine Lehre als Fleischer hat er nach zwei Jahren abgebrochen – er sagt "unterbrochen" –, weil er "unbedingt" zur Bundeswehr wollte. In seiner Familie gebe es eine Menge Soldaten, schon sein Opa habe damals im Krieg gegen Frankreich gekämpft. Sie alle haben ihm von der tollen Kameradschaft erzählt. "Das ist wie in meiner Football-Mannschaft, wenn wir auf dem Feld sind, können wir nur gewinnen, wenn wir zusammenhalten", sagt Manuel. Und wenn er ins Feld muss, in den Einsatz? Schließlich hat er sich für 23 Monate verpflichtet, und da ist die Einsatzwahrscheinlichkeit hoch. "Das will ich ja, das macht doch den Beruf des Soldaten aus", sagt Manuel. Der Junge mit den erstaunlich blauen Augen und dem breitbeinigen Gang, der in der Reihe vor Manuel sitzt und eigentlich keine Fragen beantworten wollte, sagt jetzt doch was: "Soldat, das ist ein besonderer Beruf." Was ist so besonders? "Du sitzt nicht am Schreibtisch rum und machst jeden Tag die gleichen langweiligen Sachen. Hier trainierst du und kämpfst." Also ist er hier, weil er in den Kampf will? "Ja, und wegen dem Geld."

Der Sold ist ordentlich. Wenn der Freiwillige Wehrdienst endlich gesetzlich geregelt ist, liegt der Verdienst bei bis zu 1146 Euro monatlich, steuerfrei. Der Blauäugige, ebenfalls 18 Jahre, erzählt jetzt, dass er Deutschrusse ist, die Berufsschule geschmissen hat, sehr zum Missfallen seiner Eltern. Und dass seine Mutter heute beim Abschied geweint habe, aus Angst um ihn. Denn wie Manuel hat auch er sich für 23 Monate verpflichtet, und auch er kommt nach der Grundausbildung nach Bruchsal zum ABC-Abwehrregiment. Eine Einheit, die 2012 in das Kosovo und nach Afghanistan geht. Ein "gut bezahltes Abenteuer", sagt der Junge mit der traurigen Mutter.

In Gera sind vor allem Haupt- und Realschüler eingerückt. Die meisten sind hier, weil sie etwas erleben und Geld verdienen wollen. Vom Dienst am Vaterland, vom Beitrag zum Gemeinwesen, dem "Ehrendienst", wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sagt – von all den hehren Werten der Bundeswehr ist keine Rede. Sind vielleicht nicht nur zu wenige gekommen, sondern auch die Falschen? Zumindest die Kompanieführung in Gera glaubt, dass die Freiwilligen motivierter sind als ihre wehrpflichtigen Vorgänger. Die Bundeswehr hat ohnehin keine große Wahl. Bisher hat sie 40 Prozent ihres Personals aus den Wehrpflichtigen rekrutieren können. Nun muss sie auf die hoffen, die freiwillig kommen. Und die hoffen wiederum auf die Bundeswehr. So wie Jehad El Sayed, Sohn libanesischer Flüchtlinge, 17 Jahre jung. Er möchte später eine Ausbildung bei der Bundeswehr machen. "Draußen", wie er die zivile Welt nennt, hat er mit seinem Hauptschulabschluss kaum Chancen, hier aber werden Leute gesucht.

Auch Jan Ludorf hofft auf die Armee. Er ist 17, zierlich und hat feine Gesichtszüge. Er habe sich für sechs Monate verpflichtet, weil er etwas Wichtiges lernen wolle, sagt er. "Männlicher zu werden."