Wer am Platz des Himmlischen Friedens in Peking zur Wiedereröffnung des chinesischen Nationalmuseums eine Ausstellung mit dem Titel Die Kunst der Aufklärung plant, der weiß, dass er pokert – verdammt hoch pokert. Ist eine größere Spannung vorstellbar als jene zwischen dem durch brutale Unterdrückung kontaminierten Ort und den hehren Idealen einer Fesseln sprengenden Epoche? Dass sie pokern würden, wussten die drei Ausstellungsmacher der staatlichen Museen zu Dresden, München und Berlin ebenso wie die Kultur- und Außenpolitiker aus Deutschland. Gut zwei Wochen nach der Eröffnung scheint klar zu sein: Sie haben sich verzockt.

Hätte man sich ein maximales Desaster ausdenken wollen zu Ausstellungsbeginn, es hätte genau so ausgesehen: Zunächst wird Tilman Spengler, einem Mitglied der Delegation des deutschen Außenministers, ohne Begründung die Einreise zur Eröffnungsfeier verweigert . Spengler hatte zuvor eine Laudatio auf den der chinesischen Staatsmacht verhassten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gehalten. Dann wird ein deutscher Journalist, als er kritische Nachfragen zum Fall Spengler stellt, auf einer Podiumsdiskussion von Vertretern der deutschen Wirtschaft lautstark ausgebuht. Als perfide Pointe lassen sodann die chinesischen Gastgeber – der Händedruck zum Abschied der deutschen Gäste war kaum gelöst – mit Ai Weiwei den prominentesten regimekritischen Künstler spurlos verschwinden.

Als schließlich die Ausstellungsmacher aufgrund ihrer zunächst kaum wahrnehmbaren Reaktion in der Heimat zunehmend in die Kritik geraten, verfassen sie – eine Woche nach den Ereignissen! – eine gemeinsame Erklärung, in der sie das Geschehene wortreich verurteilen. Zu allem Unglück hatte sich zuvor auch ein eigentlich kluger Kopf wie der Dresdner Museumsdirektor Martin Roth zu grob missverständlichen Äußerungen hinreißen lassen. Zuletzt dokumentiert der Großarchitekt Meinhard von Gerkan, dessen Büro den Pekinger Museumsneubau verantwortet, im Gespräch mit dem Spiegel im Stile eines Großinvestors, wie viel Respekt er vor seinen Auftraggebern hat – und wie wenig vor den von ihnen drangsalierten Künstlern. Jeder, der ein solches Szenario vorher fantasiert hätte, wäre für verrückt erklärt worden. Nun ist es Realität geworden. Eine größere Brüskierung der deutschen auswärtigen Kulturpolitik ist kaum vorstellbar.

Folgenlos darf dieses Verhalten der Chinesen nicht bleiben. In der sich nun beschleunigenden Empörungsspirale steht jetzt sogar der Abbruch der Ausstellung im Raum. Kann man ernsthaft fordern, die Ausstellung und damit den Kulturaustausch mit China auf unabsehbare Zeit abzubrechen? Kann man, sollte man aber nicht!

Zu viel steht auf dem Spiel – und zwar für jene, in deren Namen man dies vermutlich täte – für die um jeden Millimeter Aufklärung kämpfenden Chinesen. Sie strömen in die Ausstellung und in "Salons", veranstaltet von der Mercator-Stiftung. Bei diesen Zusammenkünften, beteuert ihr Geschäftsführer Bernhard Lorentz, lasse man sich von niemandem Themen oder Gäste vorschreiben. Man sollte ihn beim Wort nehmen: So werden die Salons als "offene Diskursräume" nun zum Ernsthaftigkeitstest für die deutschen Kulturmacher und die Kulturpolitik.