Demonstrationen, Blockaden, Lichterketten – es gibt viele Formen des politischen Protests. Doch was sich vor einigen Wochen im Internet abspielte, hatte mehr mit einem Action-Computerspiel zu tun als mit den traditionellen Formen des zivilen Ungehorsams: "Let’s bomb the fuck out of them!", tönte es durch die Kanäle von IRC, einem altmodisch anmutenden Chat-Forums ohne Bilder und schicke Oberflächen. Feuer solle herabregnen, hackte ein anderer in seine Tastatur, und Sekunden später folgte die Zielansprache: "Target is Mastercard". Wie ein wütender Bienenschwarm attackierten Internet-Protestler die Websites von Kreditkartenfirmen. Die Unternehmen hatten aus politischen Gründen die Zusammenarbeit mit WikiLeaks gestoppt und Gelder eingefroren. Die Aktivisten wollten nun ihrem Helden Julian Assange zur Seite springen, für die Freiheit der Information kämpfen – und es einmal richtig krachen lassen. Alle hatten sich deshalb eine spezielle Software heruntergeladen, die Low Orbit Ion Cannon. Deren Bedienung ist einfach: Internetadresse des Ziels eingeben, einen grimmigen Kommentar dazutippen und entscheiden, ob der Angriff einzeln oder im koordinierten Schwarm-Modus erfolgen soll. Die Websites von Visa und Mastercard hielten dieser DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service, das koordinierte Lahmlegen eines Datendienstes) durch gezielte Anfragen nicht lange stand und kollabierten. Der Name der Gruppe, die sich hinter diesen Attacken verbirgt: Anonymous.

Letzte Woche legten sich die Namenlosen mit Sony an . Der Konzern hat den Amerikaner George Hotz und den Deutschen Alexander Egorenkov verklagt, weil sie den Kopierschutz der Playstation3 umgangen hatten. Der Streitwert im Fall des deutschen Hackers soll sich auf eine Million Euro belaufen. Empörte Playstation-Benutzer, Copyright-Aktivisten und antikapitalistische Spaßvögel brachten daraufhin Seiten wie sony.com und playstation.com zum Absturz. Die Angriffe gegen das Playstation-Netzwerk PSN wurden allerdings abgebrochen. Viele Mitglieder von Anonymous und ihr Umfeld sind selbst leidenschaftliche Spieler. "Wir haben unsere Aktion für eine Weile ausgesetzt, bis wir eine Methode gefunden haben, die keine schweren Auswirkungen auf Sony-Kunden hat", heißt es in einem eilig nachgeschobenen Manifest. Eine andere Anonymous-Gruppe will nun die CEOs und die mit den Fällen betrauten Anwälte von Sony attackieren. Der Riesenstapel Pizza, der vor einigen Tagen an die Adresse von Jack Trenton geschickt wurde, dem US-Chef von Sony, war vermutlich erst der Anfang.

Doch wer steckt hinter Anonymous ? Der 16-jährige Computer-Nerd von gegenüber, die frustrierte Hausfrau von nebenan? Man muss kein Hacker oder Computerexperte sein, um an den Operationen teilzunehmen. Wer die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen in den Medien verfolgt, entwickelt schnell den Wunsch, zu helfen – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Und in den einschlägigen Foren von Anonymous gibt es immer etwas zu tun: Überlebensführer für Bürger in einer Revolution wollen verfasst und ins Arabische übersetzt werden. Und irgendjemand muss den Libyern erklären, wie man Videos editiert und auf YouTube lädt. Attacken auf die Websites despotischer Regimes finden ebenfalls statt. Ein großer Teil der Klientel von Anonymous liebt es offensichtlich, einfach mal die iranische Regierung anzugreifen, zumindest deren Präsenz im Netz. Die Überzeugung, dass Politik Spaß machen muss, wird bei Anonymous großgeschrieben: We did it for the lulz – "Wir haben es aus Schadenfreude getan" – ist ein beliebtes Motto.

Wann genau Anonymous zu einem Internet-Phänomen wurde, ist schwer zu sagen. Die Wurzeln liegen auf dubiosen Websites wie 4Chan, einer Mischung aus Pirateninsel und Internetforum. "Die Welt von 4Chan ist dunkel und seltsam, wie das Innenleben eines verwirrten Provinz-Teenagers um 3 Uhr morgens", schreibt Spiegel Online treffend. Kaum jemand macht sich hier die Mühe, ein eigenes Pseudonym zu wählen, fast jeder heißt "Anonymous". Anfang 2008 erreichte die Bewegung erstmals eine globale Öffentlichkeit: Ein Interview mit Tom Cruise aus dem Propaganda-Fundus von Scientology war illegal auf YouTube gepostet worden und musste auf Betreiben der Sekte wieder entfernt werden. Der Anonymous-Schwarm erkannte darin einen Verstoß gegen die Informationsfreiheit und erklärte Scientology in einem dramatischen Video den Krieg. Unterlegt von unheimlichem Heulen, bebildert mit schnell vorüberziehenden Wolken, drohte eine überhebliche Computerstimme, man werde die Sekte zerstören: "zum Wohl eurer Anhänger, zum Wohl der Menschheit und zu unserem eigenen Vergnügen".