Frankreich ist das Nuklearland Nummer eins . Seine 58 Kernkraftwerke liefern drei Viertel des verbrauchten Stroms – keine andere Nation weist einen so hohen Anteil auf. Das ist das Ergebnis einer Strategie, die auf Unabhängigkeit zielte, wirtschaftliche und militärische. Doch die Folge ist Abhängigkeit. Sie macht es den Franzosen jetzt schwer, in Alternativen zu denken.

In der Techniksoziologie nennt man so ein Phänomen lock in: einen Pfad, den man nicht mehr verlassen kann. Es sei denn, es geschieht etwas Außergewöhnliches. Wie in Fukushima?

Um Frankreichs Entscheidung für die Kernenergie zu verstehen, sind zwei Ereignisse in Erinnerung zu rufen, die sich beide in Algerien abspielten. Das eine zu jener Zeit, als das nordafrikanische Land noch eine Kolonie war: Am Morgen des 13. Februars 1960 explodierte in der algerischen Sahara die erste französische Atombombe. "Hurra Frankreich!", rief der General de Gaulle, "Seit heute Morgen ist es machtvoller und stolzer!" Er wollte Frankreichs machtpolitische Unabhängigkeit auf die Bombe gründen; sie zu bauen, diesem Ziel diente das damalige Nuklearprogramm.

Das zweite Ereignis fand am 24. Februar 1971 statt. Da war Algerien längst unabhängig und kündigte an, sein Erdöl zu verstaatlichen. Bis dahin hatten die Franzosen damit gerechnet, in der Sahara Öl fördern zu können. Nun fanden sie, die kaum über eigene Energievorräte verfügten, sich als Abhängige wieder. Zwei Jahre später bekamen sie die Konsequenzen zu spüren, als der Öl- und der Gaspreis nach oben schnellten. In Frankreich regierte ein todkranker Präsident namens Georges Pompidou. Eine seiner letzten Entscheidungen war es, einem kühnen Plan den Segen zu geben: dem Neubau von rund sieben Kernkraftwerken – pro Jahr.

Der Plan ging auf. Er erlaubt es heute, den Strompreis niedrig zu halten; nur 11,43 Cent zahlen französische Privathaushalte pro Kilowattstunde, in Deutschland sind es im Schnitt 22,38 Cent. In kaum einem europäischen Land wird so unbekümmert mit Strom geheizt, im Winter sogar die Terrassen der Cafés. Die Klimaeffekte sind gering, weil Atomstrom der CO₂-Bilanz nicht schadet.

Ein günstig erworbenes Umweltgewissen. Und doch kein Ruhekissen. Es gibt da so ein bohrendes Gefühl, nach Fukushima stärker als nach Tschernobyl, was auch daran liegen mag, dass die prägenden Ereignisse, die am Beginn der französischen Nukleargeschichte stehen, fast nur noch Rentnern gegenwärtig sind. Einer Umfrage zufolge halten 68 Prozent der Franzosen eine Havarie wie in Fukushima im eigenen Land nicht für ausgeschlossen, und eine knappe Mehrheit würde gern aus der Kernkraft aussteigen – aber nur langfristig. Alles andere wäre "unfranzösisch", wie das Wirtschaftsblatt Challenges ironisch anmerkte.

Denn für Frankreichs Bürger ist die Atomindustrie keine von vielen, sondern eine der letzten, mit denen das Land glänzt. Der Energiekonzern EDF ist der weltweit größte Produzent von Atomstrom. Areva baut, versorgt und wartet Atomanlagen: 20 Prozent des Weltmarkts. Alstom liefert die konventionellen Installationen: 30 Prozent. Die Atomindustrie unseres Nachbarlands beschäftigt, rechnet man Partner und Zulieferer hinzu, schätzungsweise 200000 Personen; die Zahl der ehemals Beschäftigten liegt wegen des frühen Renteneintrittsalters wohl noch höher. Sie, ihre Familien und ein großer Teil der Bewohner in den Standortgemeinden dürften mehrheitlich Befürworter der Kernkraft sein. Kommunalpolitiker und Gewerkschafter tragen zum pronuklearen Meinungsbild bei.