Veilchen

Zu Veilchen muss niemand reisen. Sie kommen von selbst, und sie kommen zuerst. Mit ihnen ist der Winter wirklich vorbei. Ihre Fähigkeit, fast überall unverhofft aufzutauchen, grenzt an Zauberei. Nüchtern betrachtet, verdanken sie ihre Mobilität zwar Samen verschleppenden Ameisen. Doch es ist trotzdem verblüffend, wenn dort, wo eben tristes, winterbraunes Garnichts war, zaghaft ein paar grüne Blättchen sprießen. Und schon stehen da diese zarten Blütenschmetterlinge im unverkennbaren, intensiven Blauviolett: die sprichwörtlichen Veilchen im Moose, die mit ihren gesenkten Köpfen Generationen braver deutscher Töchter als ideales weibliches Rollenmuster vorgehalten wurden: "sittsam, bescheiden und rein". Der Eindruck trügt, und zwar gewaltig. Heinrich Heine hat das genau gewusst: "Von der Bescheidenheit der Veilchen / Halt ich nicht viel. Die kleine Blum’ / Mit den koketten Düften lockt sie / und heimlich dürstet sie nach Ruhm."

Zu falscher Bescheidenheit hat die betörende Kleine auch keinen Grund, denn ihre Wirkung steht in keinem Verhältnis zu ihrer Winzigkeit. Ein einziger Sonnenstrahl genügt, und Viola odorata überzieht ihre Umgebung mit einem Duft, der an Intensität und Sinnlichkeit seinesgleichen sucht. Die Kombination aus Grazie und unmissverständlichem Odeur hat sie allen Zeiten zu einem begehrten Liebesboten gemacht. Eine passende Wahl. Denn sittsam sind Veilchen absolut nicht. Sie vermehren sich gern ebenso fröhlich und ungezügelt, wie sie berauschend duften. Auch ihr Eigensinn ist ziemlich konkurrenzlos: Veilchen bringen es fertig, ideale Standorte zu verschmähen und dafür lieber als lebendes Sträußchen in der Pflasterfuge eines Großstadt-Bürgersteiges aufzutauchen. Gern noch direkt neben der Ausfallstraße, deren Abgasschwaden sie wenigstens für einen flüchtigen Moment mit ihrer unmissverständlichen Botschaft vergessen machen können: Der Frühling ist da – endlich!

Das Hain-Veilchen wächst an halbschattigen Standorten im Unterholz von Hecken und Waldrändern.

Bärlauch

Bärlauch ist einfach zu finden: immer der Nase nach. Denn Allium ursinum hat die praktische Angewohnheit, sich sogar schon vor der Blüte mit Wolken von Knoblauchgeruch kundzutun. Er bewohnt eines der attraktivsten Ausflugsziele dieser Jahreszeit. In Laubwäldern, die ein wenig feucht, kalkhaltig und nährstoffreich sind, schätzt er Bachnähe. Unter ewig düsteren Tannen auf trockenem, kargen Untergrund wird man ihn ebenso vergeblich suchen wie den Frühling an sich. Er liebt es hell und frisch, und sein Traumpartner ist deshalb die Rotbuche. Zu ihren Wurzeln nutzt er die kurze Zeit vor dem Laubaustrieb, in der die Vitalität des Neuanfangs rundum zwar schon nahezu greifbar, der Boden aber noch nicht zu sehr beschattet ist.

Bärlauch ist gesellig – und wie! Wo er vorkommt, erscheint er gleich in Massen. Zu seinen nördlichsten Standorten gehören die ersten Ausläufer des Weserberglands wie Deister und Ith oder die Laubwälder am Steinhuder Meer. Dort können zivilisationsverwöhnte Städter ihren im Frühjahr hervorbrechenden Sammlertrieb angenehm ausleben. Frisch aus dem Wald schmecken die aromatischen Zwiebelpflanzen schon deshalb deutlich besser als das zahme Kraut vom Wochenmarkt, weil sie mit dem unbezahlbaren Triumph gewürzt sind, alle Herausforderungen der Natur erfolgreich gemeistert zu haben.

Schließlich hat der kleine Stinker längst bewiesen, dass sein Abenteuerfaktor dem der Pilzsuche in nichts nachsteht: Jeden April beleben Bärlauchsammler die Schlagzeilen, die Blätter von Maiglöckchen oder Aronstab für den begehrten Waldknoblauch hielten und ihre Beute auch noch unbefangen verspeist haben. Aber Aronstab und Maiglöckchen sind ziemlich giftig, die Blätter der Herbstzeitlosen können sogar tödlich sein. Das unverkennbare Knoblaucharoma ist allerdings unverkennbar, und im Zweifelsfall hilft ein vorsorgliches "Hände weg".