ZEIT : Braucht der Islam Nachhilfe von oben, um sich zu zivilisieren?

Uçar : Gewiss nicht. Ich würde es so ausdrücken: Ich erhoffe mir von der islamischen Theologie, dass sie die Muslime in Deutschland auf eine Reise zu einem Islam mitnimmt, der dem Leben in Deutschland nicht entgegensteht, aber dennoch authentisch ist. Ich betone das, weil nicht wenige Muslime Angst haben, der deutsche Staat wolle ihnen vorschreiben, was sie zu glauben haben.

ZEIT : Hegen Sie diese Angst auch?

Uçar : Anfangs ja. Mittlerweile aber bin ich der Ansicht, dass der Staat die Unabhängigkeit der islamischen Theologie an den Universitäten genauso respektieren wird wie die wissenschaftliche Freiheit der christlichen Lehrstühle.

ZEIT : Wo verlaufen die Grenzen dieser Freiheit?

Uçar : In der Anerkennung der demokratischen Grundordnung. Der Koran kennt Passagen – wie übrigens auch die Bibel –, die sich mit dem heutigen Verständnis von Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbaren lassen. Aufgabe der Theologie wird es unter anderem sein, diese Textstellen in ihren historischen Kontext einzuordnen.

ZEIT : Werden die Beiräte, die den neuen Lehrstühlen zugeordnet sind, eine solche aufklärerische Lesart des Korans dulden? Schließlich werden hier auch Abgesandte der konservativen islamischen Verbände vertreten sein.

Schavan : Nicht der Beirat bestimmt die Professuren, sondern die Universität, und zwar nach wissenschaftlichen Kriterien. Daran bemisst sich die Glaubwürdigkeit der neuen Lehrstühle. Die Beiräte sollen die Lehrstühle beraten. Man kann sie mit Hochschulräten vergleichen, den Aufsichtsräten der Universitäten, die sich auch nicht ins Tagesgeschäft einmischen, sondern Anregungen in die Hochschulen hineintragen.

ZEIT : Das stellen sich viele Verbandsmuslime anders vor. Schließlich dürfen auch die christlichen Kirchen bei der Besetzung ihrer theologischen Lehrstühle mitreden und nicht genehme Professoren verhindern.

Uçar : Ein gewisses Mitspracherecht haben die Verbände, ganz klar. Ich empfehle den Beiräten aber ein hohes Maß an kluger Zurückhaltung. Sie dürfen sich nur zu theologischen Haltungen der Professoren positionieren und ihr Votum nicht von politischen oder persönlichen Erwägungen abhängig machen. Sie sollten nicht die Professoren daran messen, ob sie die in ihren Augen "wahre Lehre" verkörpern. Der Islam ist schließlich eine Weltreligion mit mannigfaltigen Strömungen. Diese Vielfalt sollte sich auf der Basis des muslimischen Grundkonsenses an den neuen Theologieinstituten auch widerspiegeln.

ZEIT : Konkret, wann dürfen die Verbände eingreifen?

Uçar : Wenn ein Professor zentrale Glaubenssätze des Islams infrage stellt, etwa erklären würde, dass der Prophet Mohammed nie gelebt habe...

ZEIT : ...so wie es der Münsteraner Islamprofessor Sven Kalisch getan hat.

Uçar : Dann wäre eine Grenze überschritten.

Schavan : Wissenschaftliche Qualität ist durch Bekenntnis nicht ersetzbar. Für jede Theologie gilt zugleich: Wer darin lebt, muss authentisch sein.

ZEIT : Warum eröffnet man den Verbänden überhaupt einen Einfluss auf die Lehrstühle?

Uçar : Die Islamverbände vertreten zwar weniger Muslime, als ihre Funktionäre behaupten. Aber immerhin 80 bis 90 Prozent der Moscheegemeinden in Deutschland gehören diesen Verbänden an. Und in diesen Gemeinden sollen die Theologen und Imame, die wir ausbilden, ja irgendwann auch predigen. In diesen Gemeinden besuchen Eltern die Moschee, die ihre Kinder in den Islamunterricht schicken sollen. Es wäre deshalb ein großer Fehler, die Verbände außen vor zu lassen. Aber sie müssen sich ändern.