ZEIT : Inwiefern?

Uçar : Sie orientieren sich immer noch zu sehr an der einstigen Heimat der Gastarbeiter, haben kaum theologische Expertise. Das kann man ihnen jedoch auch nicht vorwerfen, da es in Deutschland keine Möglichkeit für eine entsprechende Ausbildung gab. Ich erwarte allerdings schon, dass an ihrer Spitze Leute stehen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Dies ist im muslimischen Interesse.

ZEIT : Sie beziehen sich auf Ditib, den deutschen Arm der türkischen Religionsbehörde, dem bis heute ein türkischer Staatsbeamter vorsteht.

Uçar : Ich meine keinen bestimmten Verband, sondern fordere das von allen Verbänden. Ich bin, was die Beiräte angeht, jedoch optimistisch. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, wo die Universitäten auf einen Schlag die vielen kompetenten Wissenschaftler für die jetzt geschaffenen Lehrstühle finden sollen. Es wäre fatal, nun zweit- oder drittklassige Hochschultheologen einzustellen, die dann für 30 Jahre die Lehrstühle besetzen. Hier müssen wir sehr behutsam sein. Das ehrgeizige Projekt steht und fällt mit der Qualität der Lehrenden. Das heißt, wir werden erst einmal befristet einstellen müssen, und einige der ersten Professoren werden aus dem Ausland kommen.

ZEIT : Statt Import-Imamen haben wir dann Import-Imamausbilder, die kein Deutsch sprechen und sich ebenso wenig bei uns auskennen.

Schavan : Wer sich an einer deutschen Universität bewirbt, wird in der Regel Deutsch können. Spricht er Englisch, ist es auch okay. Auf Arabisch oder Türkisch wird der Unterricht sicher nicht sein.

Uçar : Langfristig sollen natürlich in Deutschland geborene und sozialisierte Wissenschaftler die Lehrstühle besetzen. Die Professoren haben eine Vorbildfunktion für die Studierenden. Deshalb investieren wir stark in den akademischen Nachwuchs.

ZEIT : Aber für eine Übergangszeit werden wir ausländische Professoren benötigen. Dürfen das auch Frauen sein, Frau Schavan?

Schavan : Natürlich.

ZEIT : Darf die Professorin ein Kopftuch tragen?

Schavan : Sensible Frage. Sie kennen meine Position dazu im Hinblick auf Schule. Das Kopftuch ist innerhalb des Islams hoch umstritten. Viele sehen es auch als politisches Symbol. Deshalb gilt es, innerhalb der Schule Diskretion zu üben und auf das Kopftuch zu verzichten.

ZEIT : Und in der Universität?

Schavan : Innerhalb eines Fachbereiches könnte man das differenzierter sehen. Aber solange die Debatte im Islam so heiß geführt wird, sollte man auch an der Universität Zurückhaltung üben.

Uçar : Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Wenn wir eine Professorin auf einen Lehrstuhl berufen, dann handelt es sich um eine promovierte und habilitierte Frau, die das Kopftuch sicherlich nicht deshalb trägt, weil es ihr irgendjemand vorschreibt. Auch ihre Studentinnen sind erwachsene Menschen, die selbst entscheiden können, ob sie sich verhüllen oder nicht. Von einer zwanghaften Beeinflussung kann da meines Erachtens keine Rede sein.

ZEIT : Im Klassenzimmer dagegen schon?

Uçar : Auch da bin ich für Pluralismus und bewerte das differenzierter. Wir brauchen Lehrerinnen ohne und mit Kopftuch in den Schulen, gerade im islamischen Religionsunterricht. Daran sehen die Schülerinnen und Schüler doch, dass der deutsche Staat unterschiedliche Bekenntnisse und Glaubensauslegungen akzeptiert. Eine bessere Werbung für Toleranz kann es nicht geben. Klar muss nur sein, dass die Lehrerin niemanden aktiv missioniert. Ich habe viele Studentinnen mit und ohne Kopftuch, die gleichermaßen demokratisch gesinnt, fachlich kompetent und authentisch sind.