Alina Kokoschka promoviert allein, aber einsam ist sie dabei nicht. Sie sitzt an einem hellen Arbeitsplatz im ersten Stock des Gebäudes ihrer Graduiertenschule an der Freien Universität Berlin, elf weitere Promovierende sind auf derselben Etage, mittags gehen sie zusammen essen. "Unser Jahrgang", nennt das Kokoschka. Die 29-Jährige ist Teil eines Graduiertenkollegs der Exzellenzinitiative " Muslim Cultures and Societies ", muslimische Kulturen und Gesellschaften.

Auf drei Jahre ist ihre Promotion mit dem Thema "Islam, Konsum und Lebensstil im zeitgenössischen Syrien" ausgelegt, die im Oktober 2010 startete. Im ersten Semester besucht sie mit den anderen ein Seminar über die theoretischen und methodologischen Grundlagen von Sozial- und Kulturwissenschaften, im zweiten Semester werden die zwölf Promovierenden wöchentlich ein Kolloquium absolvieren, in dem jeder seine Arbeit vorstellt. Gleichzeitig bereitet Kokoschka sich auf ihre "Feldrecherche" in Syrien vor: Im zweiten Jahr ihrer Promotion wird sie im Land Interviews führen. Kürzlich hat sie dazu 20 Privatstunden in syrischem Dialekt genommen. Weil sie den für ihre Recherche braucht, hat die Graduiertenschule die Stunden bezahlt. Das dritte Jahr ist fürs Schreiben reserviert.

Im Grunde ist Kokoschkas Promotion schon bis zum Ende durchgeplant. Monatlich erhält sie rund 1500 Euro – es ist erwünscht, dass sie sich auf ihre Promotion konzentriert und nicht nebenher arbeitet. Wie alle in ihrem Jahrgang hat sie drei Betreuer; wenn sie mit einem von ihnen unzufrieden wäre, könnte sie sich an eine Ombudsfrau wenden. Kokoschka hat ein Maß an Sicherheit und Rückhalt, von dem andere Promovierende nur träumen können.

Eine ehemalige Kommilitonin von Kokoschka etwa. Sie promoviert auf die traditionelle, immer noch weitverbreitete Art und Weise: Mit einer halben Stelle arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut, gibt Seminare und hilft bei der Forschung. Häufig macht sie Überstunden. In ihrer freien Zeit soll sie promovieren. Sie weiß nur nicht, worüber eigentlich genau. Das Thema steht noch nicht fest. Sie fühlt sich "schlecht betreut und irgendwie verloren".

"Der Trend geht hin zu mehr strukturierten Doktorandenprogrammen", sagt Susanne Schilden von der Hochschulrektorenkonferenz. Diese werden häufig in Graduiertenkollegs oder -schulen angeboten: Studien- und Forschungsprogramme zu einzelnen Themen wie "Bionik" oder "Integrierte Küsten- und Schelfmeerforschung", in denen die Teilnehmer möglichst strukturiert und zielorientiert an ihrer Promotion arbeiten. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die ersten Graduiertenkollegs ins Leben gerufen, damals wie heute dienten sie als Modell, um die Promotionen zu verbessern. Heute fördert die DFG mehr als 200 Graduiertenkollegs, in denen jeweils etwa zehn bis zwanzig Promovierende arbeiten.

"Wir fördern Graduiertenkollegs in allen Fächern – vorausgesetzt, das Forschungsprogramm ist hochwertig und wird durch ein passendes Studienprogramm und Betreuungskonzept ergänzt", sagt Anjana Buckow von der DFG. Die Förderung verteilt sich gleichmäßig, in den vergangenen Jahren entfielen 30 Prozent auf Lebenswissenschaften wie Medizin und Biologie, 30 Prozent auf Naturwissenschaften, 30 Prozent auf Geisteswissenschaften und 10 Prozent auf Ingenieurwissenschaften.

Das Modell hat sich bewährt: Universitäten gründen eigene Graduiertenkollegs, hinzu kommen die der Exzellenzinitiative . Sogenannte Einzelpromotionen werden aber, da sind sich die Experten einig, auch künftig eine zentrale Rolle spielen. Denn nicht immer ist die Betreuung hier so schlecht wie bei Kokoschkas Kommilitonin, die inzwischen überlegt, etwas anderes zu machen. Immerhin werden rund 25.000 Promotionen in Deutschland pro Jahr erfolgreich abgeschlossen , seit einigen Jahren stagniert die Zahl auf diesem hohen Niveau – und die beliebten Graduiertenkollegs machen immer noch nur einen kleinen Teil aus.