Diesmal ging es gerade noch gut. Die Schweizer Bundesanwaltschaft löst ja gern Großaktionen aus, die in einem reziproken Verhältnis zum Resultat stehen: So war es im Fall Hells Angels, und so ist es jetzt zu beobachten im Verfahren gegen den Bankier Oskar Holenweger. Aber gleich eine ganze 13-Millionen-Metropole lahmzulegen – dies wäre sogar für eine Instanz wie die Bundesanwaltschaft neu gewesen.

In der Nacht zum 24. März schien es jedoch, als ob die Fahnder von der Berner Taubenstraße ein neues Kapitel in der streikreichen Geschichte der Stadt Buenos Aires einleiten würden. Wenige Tage zuvor hatten sie ein Rechtshilfegesuch ans argentinische Außenministerium gesandt. Im Zentrum stand einer der mächtigsten Männer des südamerikanischen Staates: Hugo Moyano, Chef des Gewerkschaftsverbands CGT, Vizepräsident der Regierungspartei PJ und enger Vertrauter von Staatspräsidentin Cristina Kirchner. Aus Protest gegen die Verdächtigungen aus Übersee kündigte die argentinische Trucker-Gewerkschaft sogleich an, am 24. März mit ihren Lastwagen das Zentrum der Metropole zu blockieren. Diese Gewerkschaft wird übrigens von Hugo Moyanos Sohn Pablo angeführt.

Erst in letzter Minute bliesen die Lastwagenfahrer ihre Aktion ab, wobei wohl half, dass der Schweizer Botschafter zuvor versucht hatte, die Wogen zu glätten. Nein, präzisierte Johannes Matyassy in der Morgensendung von Radio Nacional, die Schweiz ermittle nicht gegen Moyano selber. Das Geldwäscherei-Verfahren der Bundesanwaltschaft richte sich gegen unbekannt. Und blockiert seien Konten einer Firma namens Covelia beziehungsweise ihres Chefs, Ricardo Depresbiteris.

Das war so weit korrekt. Covelia ist eine Müllabfuhrgesellschaft, die erst 1999 gegründet wurde, aber bereits die Abfälle von zwei Millionen Menschen in der Provinz Buenos Aires entsorgt. Wer es freundlich meint, nennt sie gewerkschaftsnah, wer kritischer ist, spricht von Gaunerei. Im Ringen um Aufträge kann das Unternehmen jedenfalls einen schönen Konkurrenzvorteil auffahren – Covelia-Trucker streiken nicht. Geleitet wird die Firma von Ricardo Depresbiteris, der vor zehn Jahren noch als Fahrer von Hugo Moyano diente und heute Dollarmillionär samt persönlichem Cessna-Jet ist.

So weit, so argentinisch. Kaum erstaunlich also auch, dass bei der Berner Meldestelle für Geldwäscherei alle Glocken klingelten, als ein Hinweis auf ein Schweizer Covelia-Tarnkonto einging. Es liegt bei der Standard Chartered Bank in Genf. Die Meldestelle leitete den Fall an die Bundesanwaltschaft weiter, diese wiederum eröffnete das Ermittlungsverfahren und fror 1,874 Millionen Dollar ein. Aber als die Schweizer fünf Wochen später ihr Rechtshilfegesuch an den Rio de la Plata sandten, schlitterte die Sache vom juristischen Feld aufs politische Glatteis. Denn zum besseren Verständnis erklärte die Bundesanwaltschaft in ihrem Schreiben, welches der ZEIT vorliegt, mehrmals, dass dieser Herr Depresbiteris respektive diese Firma Covelia offenbar eng verbandelt sei mit einem gewissen Hugo Moyano, und gegen den gebe es bekanntlich allerlei Anschuldigungen wegen unsauberer Geschäfte. Treuherzig schrieben die Schweizer, dass man dies so in der argentinischen Presse gelesen habe.

Das kam schlecht an. Denn in Argentinien rollt gerade der Präsidentschaftswahlkampf an, und wenn die Schweiz Beschuldigungen gegen einen engen Freund von Präsidentin Cristina Kirchner vorlegt – wie indirekt auch immer –, so hat dies Sprengkraft. Gewerkschafter, Regierungsleute und der Kirchner-freundliche Teil der Medien deckten das Rechtshilfegesuch mit klangvollen Vokabeln ein (bochornoso, bizarro, mamarracho), die alle aufs Gleiche hinausliefen: Es ist eine Zumutung. Dass der Bundesanwaltschaft auch noch Detailfehler unterlaufen waren, wertete ihr Anliegen weiter ab. So erläuterten die helvetischen Ermittler ihren argentinischen Kollegen dienstfertig, dass einzelne Transaktionen auf "politisch exponierte Personen" deuten könnten – zum Beispiel die Einzahlung von 49.800 Dollar durch Luis Corsiglia, "den aktuellen Direktor der Banco Central de Argentina". Freilich: Corsiglia amtierte weder zur Zeit der Überweisung im Dezember 2004 noch zur Zeit des Rechtshilfegesuchs als Direktor der argentinischen Zentralbank. Nach einer Aussprache mit Botschafter Matyassy versandte das Außenministerium in Buenos Aires schließlich ein 5-Zeilen-Kommuniqué, in dem es trocken festhielt: "Die Schweiz beantragt Informationen auf Basis von Presseartikeln, aber sie stützt sich nicht auf andere Informationen." Tatsächlich lief in Argentinien damals weder gegen Moyano noch gegen Covelia, Corsiglia oder Depresbiteris ein Geldwäscherei- oder Korruptionsverfahren.

So zeichnet sich denn eine weitere Parallele zum Fall Holenweger ab: Hier wie dort greift die Schweiz ausländische Korruptionsfälle auf, denen der betroffene Staat selber gar nicht nachgeht. Auch der Zürcher Bankier wird von der Bundesanwaltschaft wegen schwarzer Kassen beim französischen Industriekonzern Alstom angeklagt, obwohl Frankreich sein Korruptionsverfahren gegen Alstom vor gut zwei Jahren eingestellt hat. Greifbar wird damit, wie sehr sich die Schweiz in Sachen Geldwäscherei und wirtschaftlicher Sauberkeit zur Musterschülerin gemausert hat: Ihre Banken bemühen sich jetzt eifrig, verdächtige Kunden zu melden; ihre Meldestelle für Geldwäscherei kann Jahr für Jahr einen steilen Anstieg der Verdachtsfälle verbuchen; und am Ende gewinnt halt mal einer dieser Fälle ein Eigenleben, welches die Beteiligten überrumpelt.

In Argentinien geriet die Bundesanwaltschaft jedenfalls direkt zwischen die Fronten des Parteiengefüges. Denn natürlich jubelte die Opposition über den propagandistischen Beistand aus Europa und forderte eigene argentinische Ermittlungen gegen Moyano. Und in der Tat: Vorletzte Woche leitete ein Bundesrichter erste Schritte ein, indem er die Finanzfahndung UIF anwies, auffällige Transaktionen des Gewerkschaftsbosses Moyano zu melden. Die Presse im Land verbucht den Fall inzwischen unter dem Schlagwort Suizagate. Clash of cultures wäre wohl passender.