Auf der Straße erkennt man sie auf Anhieb: Die Kluft stets dunkel, der Scheitel deutlich gezogen, das Mäppchen aus feinstem Leder. Jungexemplare wirken forsch und aufgeräumt, als hätten sie soeben einen Sieg errungen und den nächsten bereits vor sich. Ältere Anwälte neigen zu sparsamer Mimik und verinnerlichtem Misstrauen. Da sich ihr Beurteilungssystem allein auf Akten stützt, nehmen sie die Welt nur als eine Art Entwurf wahr.

Ihre Tage verbringen sie in minimalistisch eingerichteten Sitzungszimmern, bestückt mit moderner Grafik und kulturell ambitionierten Zeitschriften. In der Freizeit findet man sie in überschaubaren Anlagen wie Golf- und Tennisplätzen oder hermetisch abgeriegelten Fünf-Sterne-Resorts. Berechenbare Räume entsprechen ihrem strukturorientierten Naturell, der Aufenthalt unter ihresgleichen ihrer angeborenen Vorsicht.

Das Erstaunlichste an diesen Behauptungen ist, wie oft sie zutreffen. Früher gab’s linke Verteidiger in Jeans und Turnschuhen und rechte Honoré-Daumier-Schwadronierer, von denen selbst ihr Klient befremdet abrückte. "Heute sehe ich immer den gleichen Kollegen, der immer den gleichen BMW vor Gericht parkt", sagt Anwalt Jacob Stickelberger, als öffentlich Gitarre spielender Troubadour ein Exot in der Branche.

Abweichungen vom Norm-Modell Anwalt, das in seiner exaktesten Ausführung die Grenzen zur Karikatur streift, erlauben sich nur wenige. Oder erst dann, wenn sie das Buhlen um Kundschaft nicht mehr nötig haben. Peter Nobel zum Beispiel, laut Bilanz-Bestenliste der mächtigste Wirtschaftsanwalt der Schweiz, ginge, dank seiner vitalen Körperlichkeit, sogar "als griechischer Fischer" durch, so Schriftsteller Jürg Acklin in einem Porträt. Unkonform, weil zu auffällig, auch Nobels Verkehrsmittel. Mal fährt er ein altes Militärvelo, mal ein BMW-Motorrad oder einen alten Ferrari, und auf längeren Strecken pilotiert er seine Cessna.

Leisten kann er sich seinen Fuhrpark leicht. Denn Wirtschaftsanwälte leben am besten in schlechten Zeiten. Das heißt: jetzt. Sie kassieren bei Übernahmekämpfen und Firmenfusionen, Vertragszwisten und Pleiten, bei Insidergeschäften und Steuerflüchtlingen, bei Prozessen wie etwa gegen Swissair und Sulzer, um nur ein paar der spektakulärsten zu nennen. Ihre Praxen wachsen durchschnittlich pro Jahr um sechs Prozent oder verdoppeln sich gar, wie Walder Wyss und Partner AG mit heute 90 Anwälten. Die größte Wirtschaftskanzlei der Schweiz, die Homburger AG, unterstreicht ihren Höhenflug auch optisch. Demnächst ziehen die 120 Anwälte – bald werden es 140 sein – ins höchste Gebäude des Landes, in den Zürcher Prime Tower.

Doch es blühen nicht nur die Wirtschaftskanzleien, es blüht die ganze Juristerei. In Zahlen ausgedrückt: Der Schweizerische Anwaltsverband hat heute 8.200 Mitglieder, doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Die Sammlung der Schweizerischen Bundesgesetze wird, gemästet von Heerscharen von Juristen, jährlich um gute 5000 eng bedruckte Seiten dicker. Juristen füllen unsere Parlamente – ein Viertel aller Abgeordneten in Bern hat Recht studiert – und unsere Verwaltungsgebäude. Die Bundesanwaltschaft beispielsweise schwoll von 190 auf 500 Mitarbeitende an. Und die neuen Geldwäscherei-Bestimmungen führten zu einem "bürokratischen Moloch mit sehr bescheidener Wirkung", so Peter Nobel. Sein Fazit: "Die Bürokratie verrechtet sich, und das ist eine fatale Entwicklung."

Andere Machteliten haben die Medien längst niedergeschrieben. Die Götter in Weiß schrumpften zu Halbgöttern in Grau, die Wirtschaftsführer zur Abzockerbande und die Politiker zum Plauderverein. Nur die Juristen blieben bisher vom öffentlichen Bashing verschont. Das ist kein Zufall: Juristen sind diskret und bewegen sich auf leisen Sohlen. Niemand kennt die Namen der Anwälte, die die Strippen hinter Regierungs- und Konzernchefs ziehen, Staaten, Firmen und Aktienkurse lenken.

Und niemand weiß, wie viel sie verdienen – stets das probateste Mittel, um den Volkszorn zum Kochen zu bringen. Die Ärzte müssen sich mit öffentlich diskutierten Tarmed-Tarifpunkten herumschlagen, Manager ihre Gehälter offenlegen. Anwälte können verlangen, was sie wollen. Meist sind das zwischen 250 und 500 Franken pro Stunde. Doch selbst mit einem Dumping-Ansatz von 180 Franken – gern als Köder im Internet publiziert – kommt auf seine Rechnung, wer einen Fall möglichst lang und gründlich durchkaut. Oder dem Klienten ein Anschlussverfahren aufschwatzt.

René Schuhmacher, Anwalt und Herausgeber mehrerer Konsumentenblätter wie K-Tipp und Saldo, rät Lesern ohne Rechtsschutzversicherung, lieber eine Woche länger Ferien zu machen, statt eine Stunde mit ihrem Anwalt zu plaudern. Jedenfalls, wenn es nur um ein paar Tausend Franken geht. Ebenso pointiert drückt sich der Zürcher Anwalt Werner Stauffacher aus: Acht von zehn Prozessen findet er überflüssig. Diese Erkenntnis äußert er freilich erst am Ende einer langen Karriere, die die Medien stets als besonders umtriebig empfanden.