Am Tag, an dem Bob Dylan zum ersten Mal in seiner nun ein halbes Jahrhundert währenden Karriere in China auftritt, widmet ihm die parteinahe Zeitung Global Times eine ganze Seite. "Dylan war cool", heißt es dort, "er kümmerte sich nicht um das, was du sagtest, er rauchte eine Menge Drogen. Diese Eigenschaften haben so gut wie keine Zugkraft in der hiesigen Gesellschaft, wo Rock ’n’ Roll ein Randphänomen ist." Und weiter erklärt das Blatt: "Seine Themen, die von Drogen über Rassengleichheit und menschliche Würde zu Krieg reichen, sind nicht auf dem Radar des durchschnittlichen Chinesen, der sich mehr dafür interessiert, für seine Familie zu sorgen und in einer sehr konkurrenzgesteuerten Gesellschaft weiterzukommen."

In derselben Ausgabe der Global Times steht auch ein Leitartikel: "Das Gesetz wird nicht vor einem Außenseiter weichen". Er handelt von der Festnahme Ai Weiweis , Chinas bekanntesten Künstlers, der am 3. April auf dem Pekinger Flughafen verhaftet wurde und seitdem verschollen ist. Den Behörden zufolge wird wegen "Wirtschaftsverbrechen " gegen ihn ermittelt, eine Woche später werden auch sein Geschäftspartner Liu Zhenggang und sein Buchhalter festgenommen; Ais Frau wird vom Steueramt vorgeladen. Ai Weiwei tue gerne Dinge, die andere sich nicht trauten, hatte die Global Times noch durchaus anerkennend geschrieben. "Doch solange er ununterbrochen voranschreitet, wird er eines Tages unvermeidlich die rote Linie überschreiten."

Aber wo genau verläuft die rote Linie? Wir wissen es nicht, auch wird sie in keinem Gesetzbuch verzeichnet. Wir machen uns also auf den Weg zum Pekinger Arbeitergymnasium, zu jenem Mann, der uns schon so manche Frage beantwortet hat: Bob Dylan. Vielleicht halten seine Songs ja eine Antwort parat. Ein Problem muss allerdings vorher ausgeräumt werden: Wir haben keine Tickets. "Wo kann man Karten kaufen?", fragen wir einen Ordner. Der zuckt die Schultern, nickt in Richtung Straße, wo die Schwarzhändler lauern wie hungrige Geier, und sagt: "Bei denen." Im Folgenden entwickelt sich eine Transaktion, deren Logistik und Geheimniskrämerei nahelegt, wir wollten säckeweise Heroin kaufen. Beteiligt sind: vier Mädchen, die uns vehement unterhaken, "Psssssssch!" rufen und uns in dunkle Ecken bugsieren, dazu vier Handys, mit denen unzählige Anrufe getätigt werden, und ein geheimnisvoller Kartenüberbringer. Es gibt nur noch Tickets in den beiden teuersten Kategorien, wir nehmen die billigere und zahlen 750 Yuan, knapp 80 Euro, für eine Karte, die offiziell 980 Yuan kostet. Der monatliche Mindestlohn in Peking liegt bei 1160 Yuan.

Vor dem Arbeitergymnasium sammelt sich unterdessen die kleine, aber stolze Rockszene Pekings, ein Stelldichein der Extravaganten und Flamboyanten der Stadt. Der junge Mann mit Kinnbart und Pfeife zum Beispiel, der wirkt, als sei er soeben einem Beatnikroman entsprungen. Gemeinsam mit seinen Freunden wartet er darauf, dass die Schwarzhändler die Preise doch noch weiter senken, ein Nervenkrieg. Eigentlich, sagt die Freundin des Pfeifenmannes, seien sie gar keine großen Dylan-Fans. "Aber nach China kommt so selten einer der Großen." Mal sagten sie ab, dann verbiete ihnen die Regierung den Auftritt. Weiter vorne stehen zwei kleine Jungs, stolz die Gitarre geschultert, soeben hätten sie eine Band gegründet. "Hardrock!" Das Leben des Hardrockers in Peking sei ein hartes, sagen sie. "Nie treten internationale Hardrockbands auf, und die von hier geben gerade mal alle drei Monate ein Konzert." So nähmen sie eben, was sie kriegen könnten. Vergangenen Monat die Eagles, heute Dylan.

Gleich beginnt das Konzert, wir eilen zur Halle, vorbei an Sicherheitskordons, an vielen bunten Linien. Eine rote ist nicht dabei.

Die Eigenwilligen, Sonderlinge, Rebellen haben ja durchaus ihren Platz in China. Die einen leben ihre Eigenwilligkeit offen, die anderen versteckt; manche versuchen, das System von innen zu verändern, andere tun, als sei es gar nicht da. Vieles ist möglich, manchmal glaubt man, Freiheit zu schmecken. In mancher Hinsicht wird das Land liberaler, Freiräume öffnen sich, oder es finden sich zumindest Wege, sich durchzulavieren. Und dann kommt wieder, gleichsam aus dem Nichts, eine Razzia, die Geschichte eines Freundes, der gefeuert wurde, weil er es wagte, anderer Meinung zu sein, eine willkürliche Verhaftung wie bei Ai Weiwei, der nur das prominenteste, aber längst nicht das einzige Opfer ist. Und man begreift: Hinter dem weichen Handschuh wartet eine Faust. Sie schlägt nicht immer zu. Doch sie könnte es, jederzeit. Eigentlich ist die Linie gar nicht rot, sondern unsichtbar. Keiner weiß genau, wo sie anfängt, wohin sie führt, ob und wo sie jemals endet.