Im Künstlerdorf Songzhuang treffen wir den experimentellen Klangkünstler und Aktivisten Yang Licai. Wir führen das Interview in einem Restaurant, in dem Taubstumme arbeiten, hier, meint Yang, sei es sicher. Yang arbeitete voriges Jahr in Sichuan mit Ai Weiwei zusammen, als dieser für die Liste aller vom Erdbeben getöteten Schüler recherchierte, die sterben mussten, weil die Schulhäuser mangelhaft gebaut worden waren.

DIE ZEIT: In Deutschland wird derzeit viel darüber diskutiert, ob man aus Protest gegen die Festnahme Ai Weiweis die deutsche Ausstellung Kunst der Aufklärung aus Peking abziehen sollte. Was denken Sie?

Yang Licai: Diese Ausstellung wirkt auf mich so, als ob plötzlich lauter Marsmenschen, die in einer Demokratie und in einem Rechtsstaat aufgewachsen sind, in China gelandet wären. Auch die Diskussion in Deutschland finde ich interessant, das scheint mir eine gute Sache und ein Fortschritt zu sein. Früher waren der Westen und das kommunistische China weit voneinander entfernt, jeder hatte sein Leben, seinen Glauben. Inzwischen gibt es in jedem Winkel der Welt chinesische Produkte, und die Ideen fließen, wir sind plötzlich aufeinander angewiesen. Deshalb werden die Veränderungen in China auch einen großen Einfluss auf die Zukunft des Westens haben. Dass diese Diskussion weitergeht und mehr Chinesen davon erfahren, das ist schon eine große Hilfe.

ZEIT: Sollten die Deutschen lauter und schärfer protestieren?

Yang: Früher wäre das für mich eine einfache Entscheidung gewesen: Laut zu schreien und zu protestieren erzeugt schließlich eine starke Reaktion. Inzwischen denke ich, dass die Dinge nicht einfach nur schwarz oder weiß sind. Man muss handeln, das scheint mir vor allem wichtig zu sein. Und dieses Handeln bedeutet nicht, dass man die Wertvorstellung des anderen akzeptiert oder einfach nachgibt, sondern dass man den Gegner dazu bringt, die eigene Meinung zu akzeptieren. Deswegen finde ich, die Ausstellung sollte auf jeden Fall weiter hier bleiben. Es ist doch so: Die Chinesen finden das Internet ganz in Ordnung und recht frei, obwohl ja bei uns Facebook, Twitter, YouTube und so weiter verboten sind. Wenn sie aber mal für ein paar Tage das freie Internet genossen haben und es ihnen dann weggenommen wird, werden sie sehen, was sie verloren haben und was die Freiheit ihnen bedeutet. Ich würde die Ausstellung nicht zurückziehen, aber sie inhaltlich mehr mit der Gegenwart verknüpfen. Allein die Diskussion verleiht der Ausstellung eine neue Bedeutung.

ZEIT: Wie übt man denn am besten Einfluss auf die chinesische Regierung aus?

Yang: Was die chinesische Regierung denkt und als Nächstes tut, wissen nur die Geister. Niemand kann es vorausahnen.

ZEIT: Wie wird es mit Ai Weiwei weitergehen?

Yang: Zunächst bin ich gar nicht so erschüttert über Ai Weiweis Festnahme. Ich mache mir auch keine Sorgen über die Vorwürfe gegen ihn, denn er wird sich gut vorbereitet haben. Er selbst sagte einmal: Alle guten Dinge müssen bewiesen werden, alle schlechten auch. Er hat seine persönliche Kraft und die seines Teams dazu genutzt, einen Freiraum zu schaffen, wie ihn China noch nie erlebt hat. Er hat den Leuten gezeigt, was Wohltätigkeit ist und wie das Gegenteil davon aussieht. Seine Verhaftung hat gezeigt, wie es um Recht und Menschenrechte in China bestellt ist. Seine Botschaft wird sich immer weiter verbreiten, ganz egal, ob er im Gefängnis ist oder nicht. Egal, ob er am Leben ist oder nicht, sein Beispiel hat China schon verändert. Wenn Wohltätigkeit und Brutalität so nahe beieinanderliegen, dann spitzt das die Situation zu. Ich habe keinen Zeitplan, doch ich denke: Entweder ich hole ihn ab oder ich begleite ihn ins Gefängnis.

Die Fragen stellte Angela Köckritz