Das Schiff, das den einen das Leben bringt und den anderen das Verderben, legt ab. Kurz kratzt sie am Kai entlang, die Ezzarouk, ein in Holland gebauter Hafenschlepper, dann löst sie sich und fährt hinaus auf die offene See. Die Männer an Deck heben die Hände. Sie rufen Gott an, nicht so euphorisch wie sonst, verhaltener. Die Reise der Ezzarouk ist geheim, wenige in der libyschen Hafenstadt Bengasi wissen von ihr. Dr. Sulaiman Fortia, 57, in Anzug und gebügeltem Herrenhemd, umklammert die Reling. Der Mann, der die Überfahrt organisiert hat, kämpft mit der Übelkeit, noch mehr mit seiner Angst. "Heute wird es keine Probleme geben", sagt er und versucht ein befreiendes Lachen, was ihm misslingt. 25 junge Männer begleiten ihn, sie schlagen den Koran auf, flüstern Suren und bereiten sich vor auf ein Leben, das dem Tode folgt.

Die Reise soll 24 Stunden dauern und nach 240 Seemeilen in Misrata enden, der drittgrößten Stadt Libyens. Deren Einwohner haben sich am 20. Februar gegen den Despoten Muammar al-Gadhafi erhoben, mit Massendemonstrationen und Kundgebungen wie in anderen Orten. Doch nirgendwo reagierte das Regime so brutal wie in Misrata. Seit fünf Wochen wird die Stadt von Regierungstruppen belagert . Eine halbe Million Menschen leben eingeschlossen auf wenigen Quadratkilometern, sämtliche Ausfallstraßen sind von Gadhafis Panzern blockiert. Scharfschützen haben Teile des Zentrums besetzt und zielen auf alles, was sich bewegt. Wahllos feuert schwere Artillerie in die Stadt hinein. Der Name Misrata, den im Ausland zuvor kaum jemand kannte, steht für das bisher größte Drama des Bürgerkriegs. Das Leningrad Libyens. "Wenn wir das Schiff nicht durchbringen", sagt Sulaiman Fortia auf der Ezzarouk, "wird die Stadt in den nächsten drei Tagen fallen."

Diese Fahrt ist auch eine ins vermutlich nächste Einsatzgebiet der Bundesmarine. Deutschland hat sich bisher nicht an der UN-Intervention gegen Gadhafi beteiligt, doch die Bundesregierung kann es sich nicht leisten, die Tragödie dieser Stadt zu ignorieren. Die Europäische Union erwägt eine Rettungsaktion, die Gremien tagen – viel Zeit bleibt ihnen nicht.

Ich habe im Hafen von Bengasi gezögert, an Bord zu gehen, den Schritt ins Unwägbare zu tun. "Was ist jetzt? Entscheiden Sie sich!", rief Fortia ungehalten. Ich warf das Gepäck aufs Deck und fand nur schwer einen Platz in den Mannschaftsräumen. Der 26 Meter lange Schlepper ist voller Waffen und Munition. Gewehre unterschiedlichster Typen, in graue Decken eingewickelt, liegen auf dem Boden der Kajüten. Auch unter den Tischen der kleinen Messe stapeln sich Gewehre, die Waschküche ist angefüllt mit Panzerfäusten. Patronengurte hängen aus den Deckenverkleidungen wie anderswo Isolierwolle. Das Schiff ist eine schwimmende Bombe. Es gibt keine andere Möglichkeit, die belagerte Stadt zu versorgen, als den Weg übers Meer. Seit Wochen pendeln kleine Fischerboote zwischen Bengasi und Misrata, unregelmäßig, wetteranfällig. Drei Tage brauchen die Nussschalen für die einfache Strecke. Die Ezzarouk ist der Riese unter den Zwergen, das bislang größte Schiff, mit dem die Rebellen Gadhafis Blockade zu durchbrechen hoffen.

Der Schlepper, kurz und hoch, eigentlich nur für die Hafenarbeit ausgelegt, taucht ins aufgewühlte Mittelmeer. Der Bordmechaniker verteilt schwarze Plastiktüten, in die sich die Freiheitskämpfer erbrechen. Die Kajüten teilen sich bärtige Feldarbeiter aus dem Hinterland, Studenten unterschiedlicher Fächer und Exil-Libyer aus dem Ausland – unter ihnen der neue Öl- und Wirtschaftsminister der Übergangsregierung , Ali Tarhouni, der vor einem Monat aus Seattle kam. Nervös sieht der bisherige Wirtschaftsprofessor auf den Bordradar und raucht Kette. Der 60-Jährige ist seit Wochen übernächtigt, seine Haare stehen wirr vom Kopf ab.

Er hat drei Holzkisten mit Bargeld auf den Schlepper verladen lassen, weil die Belagerten nichts mehr haben. Mehrere Millionäre senken auf der Ezzarouk ihre Köpfe in die schwarzen Tüten. In Misrata erhoben sich nicht nur Jugendliche und Rechtsanwälte wie in Bengasi, sondern auch Unternehmer. Sulaiman Fortia ist Leiter eines internationalen Ingenieurbüros, sein Vater starb unter Gadhafi im Gefängnis, sein jüngster Bruder bei den Demonstrationen vor fünf Wochen. Die Schiffsreise hat er gemeinsam mit Mohamed el-Muntasser geplant, dem Vorsitzenden der Deutsch-Libyschen Wirtschaftskammer, einem der wichtigsten Unternehmer des Landes. Die beiden Männer, Mitglieder der Übergangsregierung, sind vor drei Tagen nach Bengasi gekommen, um Waffen zu kaufen. 650 Gewehre, erzählt el-Muntasser, hätten sie auf dem Schwarzmarkt erstanden. "Wenn wir es nach Misrata schaffen, verdreifachen wir die Zahl der Waffen." Gegen zehn Bataillone hat sich die Stadt bislang mit 250 Gewehren und einem Dutzend Flugabwehrgeschützen verteidigt.

Hinter der Ezzarouk kämpfen zwei weitere Schiffe gegen die Wellen an, alte Fischtrawler, die ebenfalls Waffen in sich tragen. El-Muntasser hat sie aus eigener Tasche bezahlt. Er sagt: "Wir bekommen in Bengasi nichts geschenkt. Die sagen, sie brauchen die Sachen an ihrer eigenen Front."

Der Koch bereitet Reis mit Hühnchen, der Mechaniker klärt im Maschinenraum einen falschen Feueralarm, und Sulaiman Fortia, Doktor der Ingenieurwissenschaften, hat sich meinen Notizblock ausgeliehen, um den jungen Kämpfern an Bord einen Schlachtplan für Misrata aufzumalen, eine verwirrende Skizze mit Kreisen und Pfeilen – da meldet sich zum ersten Mal die Nato. "Was transportieren Sie, Kapitän?", funkt eine italienische Fregatte die Brücke an. "Milch, Gemüse und Waffen für die Revolution", antwortet Abdullah, der Kapitän.

Damit beginnen die Probleme.

Täglich nehmen die Spannungen zwischen den Rebellen und der Nato zu, Luftschläge treffen Aufständische statt Regierungstruppen . Die Flugzeuge des Militärbündnisses können die Opposition immer weniger schützen, weil sich Gadhafis Anhänger in Zivilfahrzeugen und Zivilkleidern bewegen, ihre schweren Waffen verstecken. Am nächsten Morgen entern acht italienische Marinesoldaten die Ezzarouk, ein Helikopter kreist über dem Schlepper. Die Soldaten zwingen die Besatzung in die Bugspitze. "Ich bin völlig verwirrt!", ruft der Ölminister, der als Einziger auf der Brücke bleiben durfte, ins Satellitentelefon. Zum Abschied hatte ihm der französische Botschafter in Bengasi eine gute Reise gewünscht, auch der britische Gesandte, doch jetzt meldet ihm die Nato-Zentrale, sie wisse von nichts. Die Fregatte nähert sich dem Waffenschmuggler auf wenige Meter, auf allen Plattformen stehen Marinesoldaten und fotografieren mit ihren Handykameras.