Iwaki/Tokyo - Im Gedränge ist der Ratsherr kaum zu erkennen. Auch, weil er vollkommen vermummt ist: doppelter Mundschutz, kompletter Regenanzug, Gummistiefel. Es ist neun Uhr morgens im Bezirksbüro Onahama der Stadt Iwaki. Iwaki ist mit 340.000 Einwohnern die größte Stadt in der Nähe der Atomkraftwerke von Fukushima. Von hier sind es noch 45 Kilometer bis zu den Radioaktivität leckenden Atommeilern. Im Bezirksbüro, wo wir den Ratsherrn Kazuyoshi Sato treffen, herrscht bereits hektisches Treiben. Das Erdgeschoss ist überfüllt von Leuten, die Wiederaufbauhilfe, Entschädigung oder auch nur Jodtabletten verlangen.

Draußen wartet eine Gruppe von Freiwilligen, zehn junge Männer in zwei Kleinbussen – Atomkraftgegner, zwei von ihnen sind Outdoor-Überlebenstrainer, die die Busse ihrer Firma zur Verfügung gestellt haben. Sie werden von Keisuke Miyazawa geführt, der mit Sato befreundet ist. "Hätten wir auf Sato gehört, dann gäbe es heute keinen Atomunfall in Fukushima. Deswegen sind wir gekommen, ihm zu helfen", sagt Miyazawa. Der Ratsherr ist ein Kritiker der Nuklearindustrie in einem seit Langem auf Atomkraft setzenden Land. Ist sein Kampf leichter, erfolgversprechender geworden seit der Katastrophe? Schlägt jetzt die Stunde des Außenseiters?

Miyazawa trägt Pullover, Jeans mit Löchern und pinkfarbene Turnschuhe. Sato rät ihm, sich Regenzeug und Gummistiefel anzuziehen. Miyazawa und seine Jungs haben die Nacht auf der Straße verbracht. Ihr Einsatz soll sofort losgehen. Sato stellt zwei Gruppen auf: Die eine soll Tsunami-Opfern helfen, die andere Radioaktivität in der Evakuierungszone rund um die Atomkraftwerke messen. Für die erste Gruppe holt Sato Schaufeln aus einem Schuppen im Hinterhof des Bezirksbüros. An die andere Gruppe verteilt er Geigerzähler. Sato fährt vorweg in seinem Mini-Jeep. Die Strecke führt durchs Hafengelände von Onahama: Große Schiffe liegen quer auf den Kaimauern, ein Auto hockt wie ein Riesenvogel auf einer Baumkrone, ganze Wohnviertel hat der Tsunami dem Erdboden gleichgemacht. Von Normalität keine Spur.

Im Haus der Opfer von Hiroshima und Nagasaki

Drei Tage zuvor war Sato in Tokyo Hauptredner der ersten Veranstaltung der japanischen Atomkraftgegner nach der Katastrophe. Sie fand im Sohyo Kaikan statt, dem bei Nuklearkritikern in aller Welt bekannten Gewerkschaftshaus, in dem auch der Verband der Bombenopfer von Hiroshima und Nagasaki seine Büros hat. Bis in die achtziger Jahre fanden hier regelmäßig Konferenzen mit den Opfern von radioaktiver Strahlung aus aller Welt statt. Dann wurde es ruhig um den Verband. Die prominenten Opfer aus Hiroshima und Nagasaki verstarben. Ihren Leitsatz – "Atomtechnik und die Menschheit können nicht koexistieren" – wollte in Japan bald niemand mehr hören. Ist das heute unter dem Eindruck der Ereignisse in Fukushima anders?

Sato spricht an diesem Abend vor einem nahezu vollen Haus. Knapp 300 Zuhörer sind gekommen, unter ihnen wenig junge Leute, dafür umso mehr mit grauen Haaren – Angehörige jener Generation, die einst, wie in Deutschland die Achtundsechziger, im Streit gegen Konventionen und den Vietnamkrieg zusammenfand. Man erkennt sie in Japan daran, dass sie sich die Haare nicht färben. Zu ihnen zählt auch Sato, wenngleich er mit 57 Jahren noch relativ jung ist und seine Haare färbt.

Schon Ende der sechziger Jahre nahm er als Teenager mit seinen politisch aktiven Eltern an Aktionen der Friedensbewegung teil. Der Vater war Eisenbahner und in der damals mächtigen Eisenbahngewerkschaft, die Mutter Lehrerin und in der streng atomkritischen Lehrergewerkschaft engagiert. Gemeinsam lebte die Familie in dem Dorf Nahara, acht Kilometer vom zweiten AKW-Standort in Fukushima, Dai-ni, entfernt. In den sechziger Jahren begann der Energiekonzern Tepco, zeitgleich Dai-ni und den fünfzehn Kilometer weiter nördlich gelegenen Standort Dai-ichi aufzubauen, der heute Schauplatz der Atomkatastrophe ist. Die Fischer von Nahara sollten ihre Fischereirechte an Tepco abtreten, die Bauern ihr Land. Einige taten das freiwillig, andere pokerten und ergatterten viel Geld, wieder andere wehrten sich mit allen Kräften gegen den Entzug ihrer Lebensgrundlage. "Schon damals war ich wütend auf Tepco, weil das Unternehmen die AKW-Gegner in unserem Dorf spaltete und am Ende jeden einzeln kaufte", sagt Sato. 2004 und 2008 ließ er sich dann als parteiloser Anti-AKW-Kandidat in den Stadtrat von Iwaki wählen.