Lesen bildet. Und kann überflüssigen Streit beilegen. Nähmen jene, die sich jetzt, einen Monat nach den Explosionen in den Reaktoren von Fukushima , zum letzten Gefecht für die Verteidigung der 17 deutschen Atommeiler formieren, einmal die rund 300-seitige Expertise zur Hand, mit der die Bundesregierung vor einem halben Jahr die von ihr verordnete Laufzeitverlängerung objektiv begründen zu können glaubte – dem Volk bliebe eine Menge irreführender Debatten erspart. Anders als die Anhänger der Kernenergie behaupten, geht nämlich ausgerechnet aus diesem Pro-Atom-Gutachten hervor, dass fast nichts stimmt, was nun an Argumenten für die umstrittene Stromgewinnung aus der Kernspaltung vorgebracht wird. Die Preise explodieren nicht. Die Lichter gehen nicht aus. Und auch der Klimaschutz bleibt nicht auf der Strecke – wenn die Politik für die richtigen Rahmenbedingungen sorgt.

Dieses Wenn ist mittlerweile zu einem Projekt geworden, das den amtlichen Titel "Beschleunigung Energiewende/Moratorium KKW" trägt. An diesem Freitag wollen Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Bundesländer die ersten Pflöcke dafür einschlagen. Plötzlich scheint möglich zu werden, was laut Regierungslogik vor Kurzem noch unmöglich erschien – weshalb die Bundeskanzlerin damals glaubte, die Laufzeit der Meiler um durchschnittlich zwölf Jahre verlängern zu müssen. Jetzt, nach der Reaktorkatastrophe, soll zumindest eruiert werden, ob es auch etwas weniger sein darf. Ob Deutschland womöglich sogar schneller auf die Atomkraft verzichten kann, als es der rot-grüne Ausstiegskonsens mit den Konzernen vorsah. Danach wäre der letzte Meiler kurz nach dem Jahr 2020 fällig gewesen.

Welches Jahr das Aus der Kernenergienutzung in Deutschland wirklich markieren kann, hängt vor allem davon ab, wie jetzt die Weichen gestellt werden. Auf erste Vorschläge dafür haben sich Umweltminister Norbert Röttgen und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle schon geeinigt. Doch kaum ist ihr Sechs-Punkte-Plan bekannt geworden, wird er von interessierter Seite attackiert. Angeblich sind es immense Kosten, die auf Steuerzahler oder Verbraucher zukommen, sollte tatsächlich ernst gemacht werden mit dem Projekt Energiewende.

Richtig an dem Einwand ist nur, dass sich nun eines herausstellt: Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat "eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, die Sicherstellung einer zuverlässigen, wirtschaftlichen und umweltverträglichen Energieversorgung", wie sie im Herbst in ihr Energiekonzept schrieb, von der Zahlungsbereitschaft der Atomkonzerne abhängig gemacht – die sie wiederum mit der Laufzeitverlängerung verknüpft hat. Ohne längere Meilerlaufzeiten schrumpft das Aufkommen der Kernbrennstoffsteuer. Und es wackelt der neue Energie- und Klimafonds, in den RWE & Co schon in diesem Jahr 300 Millionen Euro einzahlen sollten. Seit die Politik die sieben Altmeiler vorübergehend stilllegte und seit die Laufzeitverlängerung wieder zur Debatte steht, überweisen die Konzerne den Obolus nur noch auf ein Sperrkonto. Das ganze Elend der alten Politik ist damit offenbar geworden, denn es fehlt nun tatsächlich Geld für die Wende.

Diese Wende fordert die Politik mehrfach: Erstens muss sie dafür sorgen, dass Energie effizienter genutzt wird, dass also aus jeder Kilowattstunde mehr herausgeholt wird. Zweitens muss sie den Ausbau der "grünen" Energien verstetigen, womöglich etwas beschleunigen. Und drittens muss sie die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Strom auch dann stets aus jeder Steckdose kommt, wenn die unsteten Stromquellen Sonne und Wind die Regie bei der Versorgung übernommen haben, wenn also aus den rund 17 Prozent, die die regenerativen Energien heute beisteuern, 40 oder 50 Prozent geworden sind.

Die Kanzlerin und das Gros der Ministerpräsidenten haben sich beim Thema Energiewende bisher eher als Riege von Ahnungslosen erwiesen. Ob sie nun ihre eigene geistige Wende schaffen, wird sich vor allem an ihrem Willen zeigen, endlich für mehr Energieeffizienz zu sorgen. Tun sie das nicht, wird ein beschleunigter Ausstieg aus der Atomenergie entweder unmöglich oder mit großen Kollateralschäden verbunden sein: mit mehr Klimaschmutz oder mehr Landschaftsverschandelung zum Beispiel. Zu diesem Ergebnis kommt nicht eine, dazu kommen sämtliche Expertisen der vergangenen dreißig Jahre. Jede Kilowattstunde Strom und jede Tankfüllung Sprit sind eben mehr oder weniger schlecht für Mensch und Natur – selbst dann, wenn der Strom per Windrad erzeugt wird und am Benzin an der Tanksäule das Etikett Bio klebt.

Der Verzicht auf Energie ist nicht gleichbedeutend mit dem Verzicht auf Energiedienstleistungen – Wärme, Licht oder Bewegung. Mehr Energieeffizienz lohnt sich fast immer, aber sie wirft nicht immer den höchsten Gewinn ab. Viele investieren deshalb allzu oft lieber in Vorhaben, die nicht sechs, sondern in kürzerer Zeit zwanzig Prozent Rendite bringen. Das ist das Problem.