Mit der Freiheit kommt auch die Flucht – das zeigt ein Blick auf die nordafrikanischen Länder, die seit Beginn des Jahres Revolutionen, Aufstände und Krieg erleben. Doch Flucht ist nicht gleich Flucht . Menschen fliehen aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Motiven. Für manche ist es nur eine Ausweichbewegung auf Zeit. Wenn die Lage in ihrem Land sich beruhigt hat, werden sie zurückkehren wollen. Das gilt zum Beispiel ziemlich sicher für die 140.000 Ägypter, die seit Beginn des Krieges aus Libyen in ihr Heimatland geflohen sind.

Das gilt gewiss auch für die 10.000 Chinesen, die bei Beginn der Kämpfe das Land verlassen haben. Ihre Rückkehr in die Heimat ist von ihren Betrieben oder der chinesischen Regierung organisiert worden. Insgesamt haben in Libyen vor dem Krieg etwa 2,5 Millionen Ausländer gearbeitet. Ein großer Teil befindet sich immer noch im Land, die meisten wohl, weil sie nicht weg können. Diese 2,5 Millionen Menschen haben dazu beigetragen, Libyen auf Platz 53 des von den UN errechneten Human Development Index – eine Art Wohlstandsindikator – zu rücken. An die Spitze aller afrikanischen Staaten.

Am schwierigsten ist die Lage in Libyen derzeit für Schwarzafrikaner, die drittgrößte Ausländergemeinde. Deren Heimatstaaten haben oft gar nicht die Mittel, ihre Staatsbürger im Ausland zu schützen. Viele Schwarzafrikaner sind in den Verdacht geraten, Söldner im Dienste des libyschen Diktators Muammar al-Gadhafi zu sein. Es gibt Berichte, wonach die Rebellen in Libyen einige deswegen eingesperrt und misshandelt hätten.

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  Die zweite Fluchtbewegung, die wir seit Beginn der arabischen Revolutionen beobachten können, hat wirtschaftliche Motive. Ihr Ziel ist Europa, vor allem die italienische Insel Lampedusa. Sie liegt nur 130 Kilometer von der tunesischen Küste entfernt. Lampedusa ist so etwas wie ein Sprungbrett nach Europa. Dort hoffen die Flüchtlinge, Arbeit und Lohn zu finden. Seit dem Umsturz in Tunesien gibt es kaum mehr nennenswerte Grenzkontrollen, sodass Migranten weitgehend ungehindert von Menschenschmugglern in Boote verfrachtet werden.

Der tunesische Autokrat Ben Ali diente Europa auch als Wächter vor unerwünschten Flüchtlingen. Der libysche Diktator Gadhafi ist sich einer ähnlichen Rolle sehr bewusst. Als die Nato sich entschloss, in Libyen einzugreifen, erklärte Gadhafi auch, er werde Europa nicht mehr vor Flüchtlingen "schützen", ganz so, als handle es sich dabei um Terroristen.

Seit dem 1. Januar 2011 sind an die 22.000 Flüchtlinge, vor allem aus Tunesien und Libyen, allein auf Lampedusa angekommen – etwa 650 Menschen aber sind auf dem Weg dorthin ertrunken. Das Mittelmeer ist über die Jahre zum Massengrab geworden. Fast 15000 Menschen hat es seit 1988 verschluckt.