ZEIT : Woran erkennt man mächtige Menschen, Herr Böhmer?

Böhmer : Jedenfalls nicht am Äußeren. Ich habe Menschen kennen gelernt, die ganz bescheiden und zurückhaltend aufgetreten sind, obwohl sie sicherlich eine große Macht hatten. Und dann gibt es den Gestus der Macht, das Gehabe der Macht.

ZEIT : Zum Beispiel?

Böhmer : Zum Beispiel, dass man sich das Vortragsmanuskript am Pult zureichen lässt oder Ähnliches. Das sind so Kleinigkeiten, die sollen bedeuten, dass man sich um solche Sachen nicht kümmern muss. Auch wer wem ins Wort fällt in Gesprächsrunden, ist ein Symptom dafür, wer wem mehr oder weniger Respekt entgegen bringt.

ZEIT : Sie haben fast zehn Jahre regiert. Hat sich am Ende noch jemand getraut, Ihnen ins Wort zu fallen?

Böhmer: Ja.

ZEIT : Im Kabinett?

Böhmer : Selten.

ZEIT : Hätten Sie es gerne gehabt, dass Ihnen öfter jemand ins Wort fällt?

Böhmer : Nein, ich habe es lieber, wenn ich ausreden kann, auch wenn die anderen der Meinung sind, dass ich Unfug erzähle.

ZEIT : Das CDU-Präsidium ist ein Zirkel, in dem viele einflussreiche Leute versammelt sind. Welche Rituale sind Ihnen dort aufgefallen, als Sie dort hineinkamen? Wie findet man heraus, wann man etwas sagen kann, und wann nicht, was die eigene Stellung ist?

Böhmer : Man kann etwas sagen, wenn man sich gemeldet hat und das Wort erteilt bekommt. Da reden nicht alle gleichzeitig, wenigstens normalerweise nicht. Natürlich bin ich nicht beim ersten Mal gleich aufgetreten als jemand, der den anderen erzählt, wo es lang geht. Das macht man doch nicht, das ist eine Frage auch der Höflichkeit. Da hört man sich erst mal in das Klima hinein. Das sind aber für mich keine Dinge, die bedeutsam sind. Mich ärgert viel mehr, wenn wir uns gegenseitig versichern, dass das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sei, und am nächsten Tag kann man es in der Zeitung lesen. Bei den Gesprächen zum Hartz-IV-Kompromiss Mitte Februar sind wir Ministerpräsidenten vor die Presse getreten und haben gesagt, dass wir über Kompromisslinien gesprochen haben, die wir jetzt erst intern besprechen wollten. Trotzdem stand am nächsten Tag ziemlich viel davon in der Zeitung. Das finde ich ausgesprochen ärgerlich.

ZEIT : Sie verhandelten damals gemeinsam mit Kurt Beck und Horst Seehofer. Wer hat die Medien gefüttert?

Böhmer : Das kann ich Ihnen nicht sagen.

ZEIT : Liegt es an der Politik, dass Verschwiegenheit nicht möglich ist oder an den Politikern?

Böhmer : Die Sache selber redet nicht, also liegt es wohl an den Politikern. Ich habe Politiker auf der Männertoilette getroffen, die ziemlich lange und ausführlich telefoniert haben, angeblich mit ihrer Frau zu Hause. Dummerweise las ich in einer Zeitung am nächsten Morgen ziemlich genau die Sätze, die ich mithören musste. Da macht man sich schon so seine Gedanken.

ZEIT : Sie haben erst mit 54 Jahren mit der Politik angefangen und hören jetzt mit 75 Jahren auf. Der neue FDP-Vorsitzende Philipp Rösler ist gerade mal 38 und will mit 45 Jahren schon wieder aufhören. Sagen Sie: Der hat es begriffen oder: So sollte man gar nicht erst anfangen?

Böhmer : Weder noch. Wichtig ist, dass man jederzeit aufhören könnte, weil man auch anderes gelernt hat und nicht in ein Loch fällt.

ZEIT : Woran haben Sie selbst in Ihrer Laufbahn gemerkt, dass Sie anders auf Politik auch schauen als andere Politiker?

Böhmer : Ich habe gelegentlich registriert, dass mich andere als ziemliches – na, sagen wir mal – Kuriosum betrachten. Ach Gott, damit habe ich mich abgefunden.

ZEIT : Kuriosum? Was haben Sie gemacht?

Böhmer : Ich finde an der Politik befremdlich, dass der subjektive Wahrheitsgehalt – und nur davon reden wir – letztlich von der Parteizugehörigkeit abhängt. Was jemand sagt, wird unterschiedlich bewertet, je nachdem ob er zur eigenen Feldpostnummer gehört oder zu einer anderen. Ich nenne ein Beispiel. Als die USA den Krieg im Irak begannen und Deutschland nicht mitmachte, wurde darüber zu Recht diskutiert. Ich habe mich nicht an der öffentlichen Diskussion beteiligt, aber ich habe mich gewundert, wie sehr die CDU das als Verrat an der gemeinsamen Sache des Westens bezeichnet hat. Ich habe die Bedenken des damaligen Bundeskanzlers Schröder verstanden. Jetzt haben wir eine sehr ähnliche Situation. Nun hat die CDU Regierungsverantwortung und sagt, wir lassen uns in Libyen nicht in den Konflikt hineinziehen, denn es wird nicht bloß bei der Sperrung des Luftraums bleiben. Da gibt es nun die gleiche Kritik, aber von der anderen Seite.

ZEIT : Wer ist da für Sie in dem Fall glaubwürdig oder unglaubwürdig?

Böhmer : In beiden Fällen ist für mich derjenige glaubwürdiger der sagt, bedenkt die Folgen, lasst euch nicht verführen. Wenn sie so eine Sache anfangen, müssen Sie sie zu Ende zu bringen. Sonst haben sie bloß Schaden angerichtet.

ZEIT : Warum haben die Ostdeutschen zur Atomkraft ein weniger emotionales Verhältnis als die Westdeutschen?

Böhmer : Ich will jetzt nicht sagen, weil sie klüger sind, aber sie reagieren eben sachlicher, vielleicht auch, weil sie die ganze hoch emotionale Antiatomkraftbewegung der Bundesrepublik nicht direkt miterlebt haben. Die Atomenergie wird ja auch in Finnland oder Frankreich anders bewertet als im Westen Deutschlands. Rund herum um Deutschland gibt’s doch nicht diese psychotische Angst, wie sie hierzulande herrscht.

ZEIT : Sind Sie genug gehört worden in Ihrer eigenen Partei?

Böhmer : Wenn ich in den Gremien etwas gesagt habe, hatte ich den Eindruck, die Leute hören zu, selbst wenn sie hinterher etwas anderes gemacht haben.

ZEIT : Wird die Macht eines Ministerpräsidenten überschätzt?